Ein Loch im Tag - Martin Prinz

4. Februar 2008, 11:29
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"Mach irgendetwas, geh ins Kaffeehaus, fahr in die Stadt": ein Roman, der sich nicht fertigschreiben ließ, Tage der Leere und ein Eingeständnis

...dass es so nicht mehr weiterging.

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"Mach irgendetwas", sagte meine Ex-Freundin zu mir, "geh ins Kaffeehaus oder fahr in die Stadt." Es war an einem Mittwoch Anfang Mai, früher Nachmittag, ich saß in meinem weißen Morgenmantel im Wohnzimmer und telefonierte schon zum zweiten Mal binnen weniger Stunden mit ihr. Beim ersten Telefonat war ich noch im Bett gelegen, in der bedrückenden Müdigkeit einer weiteren schlaflosen Nacht und dem Eingeständnis, dass es so nicht mehr weiterging.

Keinen Tag länger konnte die Arbeit am Roman in diesem Zustand weitergehen, auch wenn es sich, nach vier Jahren Schreiben, nur mehr um die drei, vier Wochen des letzten Feinschliffs handelte. Seit Wochen hatte ich untertags Schmerzen in Kopf und Nacken, fand nachts immer weniger Schlaf und seit einigen Tagen gar keinen mehr.

Nichts davon hatte ich meiner Ex-Freundin an diesem Morgen noch genauer erklären müssen, sie hatte es, als immer wieder erste Ansprechperson, unmittelbar miterlebt und war von meiner Aufgabe so knapp vor dem Ende zwar beinahe ebenso mitgenommen wie ich, konnte sie aber nur zu gut verstehen. Und vielleicht war das weit entscheidender gewesen als das W. o. selbst.

Denn als ich am Vormittag meinen Verlag anrief, um meiner Lektorin mitzuteilen, dass ich dieses Buch nicht zu Ende bringen würde, brauchte es nur mehr ihre Antwort, dass ich angesichts meiner Verspannungen und der Schlaflosigkeit ohnedies keine Sekunde länger arbeiten dürfe. Und so willigte ich in den Vorschlag einer Art Auszeit ein, wissend, dass diese angesichts der Druck- und Erscheinungstermine im Sommer zwar nicht unbeschränkt wäre, doch zumindest mit einem Gefühl von Unbedrängtheit angesichts der Vereinbarung erst dann über einen Wiederbeginn zu reden, wenn ich mich wirklich erholt hätte.

"Und jetzt zieh dich an", sagte meine Ex-Freundin, der die Entscheidung zur Auszeit allein noch zu wenig war, "und geh hinaus." Und tatsächlich stand ich kurz danach vor dem Kasten. Kaum war ich aber nach dem Anziehen einer Hose bei der Frage nach Hemd und Sakko, Pullover, Jacke oder gar Mantel gelandet, wusste ich erneut nicht weiter, hing doch jede Entscheidung davon ab, wohin ich wollte.

Das wusste ich jedoch nicht. Hinaus, das war alles. Und so saß ich dann mit meinem blauen Leinensakko und einem T-Shirt vor der Haustür im Auto. Buben spielten in ihrem Käfig am Platz Fußball, ein Plastiksack flog im Wind über die Straße, und intensiver Fleischgeruch aus dem Kebab-Lokal im Nachbarhaus drang in den Wagen. Doch während mich das sonst auf der Stelle hungrig machte, hatte ich jetzt nicht den geringsten Gusto, saß einfach nur da, starrte den Autoschlüssel im Zündschloss an, starrte hinaus, nahm eine CD aus dem Handschuhfach, steckte sie in den Player, schaltete sie dann gleich wieder ab, startete und fuhr weg, ohne auch nur irgendein Ziel zu haben. Doch vermutlich hätte ich einfach zu schreien begonnen, wäre ich noch länger hier gestanden. Wie nach dem Heimkommen von der Lektoratsbesprechung in der Vorwoche. Oben in der Wohnung, deren Leere für mich in jener Nacht buchstäblich zu einem Albtraum geworden war.

Denn während es in den Jahren davor, als ich nach den Lektoraten am Räuber und an der Puppenstille ähnlich erschöpft, aufgekratzt und angespannt vom Verlag in Salzburg nachhause gekommen war, mit meiner Ex-Freundin immer jemand gegeben hatte, dem nicht nur alles erzählt werden konnte, sondern die mit ihrem Arbeitsalltag, ihren Erledigungen, Vorhaben oder Sorgen auch einen Abbruch für das unaufhörliche Weiterkreisen der eigenen Gedanken bedeutete, war ich diesmal allein gewesen.

Was im Grunde nichts Neues war, immerhin hatten wir uns bereits vor zwei Jahren getrennt. Im Guten, wie es so schön heißt, und ich hatte es seitdem in vielen Augenblicken genossen, die Wohnung nunmehr allein zu bewohnen und umso konzentrierter an dem Roman gearbeitet, dessen Beginn noch in der gemeinsamen Zeit gelegen war. Dass dies jedoch offenbar eine Ersatzhandlung gewesen war, war mir erst nach der Rückkehr von der Lektoratsbesprechung klar geworden.

Als in der Leere dieses Abends kulminierte, was sich in den drei Wochen seit der Manuskriptabgabe bereits abgezeichnet hatte - kleine, doch wiederkehrende Verstimmungen, zu viel Wein vor dem Schlafengehen, unruhiger Schlaf und eben Nackenschmerzen. Wegen Letzterer war ich dann auch bei meiner Hausärztin gewesen, hatte wie üblich Ängste vor schweren, gar unheilbaren Krankheiten gehabt, und als kurz sogar erhöhte Temperatur hinzugekommen war, hatten diese Ängste aufgrund der meiner erst ein paar Wochen zurückliegenden Afrikareise auch schnell einen Namen gehabt: Malaria. Umso erleichterter war ich daraufhin über Diagnosen wie "Stress", "Cervikalsyndrom" oder "Cephalea" gewesen und hatte meine Beschwerden in den Tagen vor dem Lektoratstermin langsam wieder in den Griff bekommen, nicht aber die Unsicherheit, ob sie mit Beginn der letzten Arbeitsetappe womöglich sofort wieder auftauchen würden.

Schließlich hatten mich gerade diese Abschlusswochen an Büchern immer bis aufs Äußerste angestrengt, in denen es in jedem Satz um Endgültiges ging, um die kleinen genauso wie um die großen Zusammenhänge, und um das, was gut versteckt und doch merkbar sein sollte.

Leichtes Spiel

Und so hatte die Leere in meiner Wohnung nach der Rückkehr aus Salzburg auch leichtes Spiel mit mir gehabt. Als eine Haltlosigkeit, wie ich sie in ihrem Herankriechen nur aus den Albträumen meiner Kindheit kannte: rund um mich ein riesiger Schacht und ich darin in die bodenlose Unendlichkeit des Weltraums stürzend. Schreiend war ich immer aufgewacht damals, laut schreiend, und in einer Panik durchs Haus der Eltern gelaufen, als ließe sich diesem Fallen mit gellender Lautstärke und rasender Bewegung etwas entgegensetzen.

Geh ins Kaffeehaus oder fahr in die Stadt! - In die Stadt war es mir von Hernals zu weit, also fuhr ich in Richtung jenes Cafés, das meine Ex-Freundin immer schon vorgeschlagen hatte, wenn sie zur Überzeugung gelangt war, mir könnte eine Ortsveränderung gut tun, nämlich das "Ritter"in der Ottakringer Straße. Natürlich hätte ich die paar hundert Meter zu Fuß gehen können, doch fühlte ich mich immer, wenn es mir nicht gut ging, gerade im Auto am wohlsten. Nur leider war vor dem Café kein Parkplatz in Sicht.

Wohin jetzt? Ich wusste es nicht, kehrte um und blieb an der nächsten Ecke stehen. Eine alte Frau ging über die Straße, ihren Blick jeweils nur auf die nächsten Meter Asphalt gerichtet. Ob auch sie irgendwann einmal schon nicht mehr gewusst hatte, wo sie hin sollte? Es sah nicht so aus, und dabei kam mir die Alte, während sie in einem Hauseingang verschwand, fast beschwingt vor.

Tatsächlich war es mir in der Nacht nach der Lektoratsbesprechung wie damals als Kind ergangen. Ohne dass ich etwas dagegen tun hätte können. Am Telefon hatte mich meine Ex-Freundin zwar noch zu beruhigen versucht, doch wenige Stunden später war ich wieder der panische Schlafwandler meiner Kindheit gewesen. Was in dieser Nacht aber noch geschehen war, hatte ich selbst meiner Ex-Freundin dann erst nach Wochen erzählen können.

Nämlich etwas, das mir in Zusammenhang mit Angst bislang nur als Redewendung bekannt gewesen war: Ich hatte mich mitten im Schlafzimmer angekackt. Dennoch war mir am Morgen danach nichts Besseres eingefallen, als den letzten Arbeitsdurchgang am Roman zu beginnen. Nachmittags merkte ich zwar, wie geheimnislos die überarbeiteten Stellen wurden, wie platt und ausrechenbar, überging es aber.

Nachts hörte ich die Kirche am Platz schließlich bei jedem Läuten, doch auch am nächsten Tag setzte ich das Fiasko in meinem Manuskript einfach fort. Für die darauffolgende Nacht hatte mir meine Ex-Freundin angeboten, ich könne sie alle zwei Stunden anrufen, vielleicht fände ich angesichts dessen leichter in den Schlaf. Doch das war erst in der größten Erschöpfung am Morgen der Fall. Am Vormittag saß ich zwar erneut am Roman, gab aber nach ein paar Stunden auf. Am Nachmittag versuchte ich es mit einem Bier, doch auch das klappte nicht. Dann rief ich meinen besten Freund an, konnte ihm jedoch nicht einmal erklären, woran ich im Text alle paar Sätze scheiterte, trank noch ein Bier, im Anschluss daran gleich ein drittes und nahm nach dem vierten oder fünften am Abend auch noch jenes muskelrelaxierende Mittel, das mir der Facharzt gegen die Verspannungen verschrieben hatte.

Daraufhin schlief ich dann zwar durch, wachte am nächsten Morgen aber so zerschlagen und schwer wie noch nie auf. Die Sonne strahlte herein, ich lag im Bett und wusste, dass es so nicht mehr weiterging. Ich rief meine Ex-Freundin an und war sofort erleichtert, als ich ihr erzählte, dass ich den Roman aufgeben würde. Bis ich das auch meiner Lektorin mitteilen konnte, musste ich noch zwei Stunden warten, das tat ich im Bett.

In der Zwischenzeit stand ich mit dem Auto wieder in der Parklücke vor meinem Wohnhaus. Wohin ich jetzt sollte, wusste ich jedoch weniger als zuvor. Den Ort, an dem ich vor mir sicher war, gab es nicht mehr, vielleicht hatte es ihn nie wirklich gegeben. Ich stieg aus, schloss die Haustür auf, ging die Stiegen hinauf. In meiner Wohnung zog ich mir die Schuhe erst gar nicht aus, ging angewidert am seit Tagen nicht in den Spüler geräumten Geschirr vorbei und setzte mich ins Wohnzimmer. Antwort im Herbst

Am Esstisch, fein säuberlich und in der Mitte, lag das Manuskript. Ob das, was ich darin von der Liebe erzählte, wirklich noch ein Buch werden könnte? Oder hatte es sich darin erschöpft, dass darin wie in einem Loch alles verschwunden war, was mir einmal die Sicherheit eines gewohnten Alltags bedeutet hatte.

Zumindest in Hinblick auf das Buch würde ich im Herbst eine Antwort darauf haben. Und darüber hinaus? Wenn ich dann zurückblicken würde auf diese Tage der Leere? Wie ich mich kannte, würde ich auch darüber wieder schreiben. Über dieses Loch im Tag. Trotz der Gefahr, die sich darin verbarg. Doch etwas anderes konnte ich nicht. (Martin Prinz, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.12.2007)

Zur Person:
Martin Prinz, geboren 1973, ist in Lilienfeld aufgewachsen. Er studierte Theaterwissenschaft und Germanistik. Sein Debütroman "Der Räuber" (2002) wird gerade von Benjamin Heisenberg verfilmt. Heuer erschien von ihm der Roman "Ein Paar" (Jung und Jung).
  • Martin Prinz: "In der Zwischenzeit stand ich mit dem Auto wieder in der Parklücke vor meinem Wohnhaus. Wohin ich jetzt sollte, wusste ich jedoch weniger als zuvor. Den Ort, an dem ich vor mir sicher war, gab es nicht mehr, vielleicht hatte es ihn nie wirklich gegeben."
    foto: heribert corn

    Martin Prinz: "In der Zwischenzeit stand ich mit dem Auto wieder in der Parklücke vor meinem Wohnhaus. Wohin ich jetzt sollte, wusste ich jedoch weniger als zuvor. Den Ort, an dem ich vor mir sicher war, gab es nicht mehr, vielleicht hatte es ihn nie wirklich gegeben."

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