Gepriesen seien die Genügsamen?

25. Jänner 2008, 15:06
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Genügsame Erleichterung, trotzige Ablehnung und besorgte Nachdenklichkeit - Pisa-Reaktionen im Expertentest - Von Karl Heinz Gruber

Die österreichischen Reaktionen auf Pisa 2006 lassen sich drei Positionen zuordnen: genügsame Erleichterung, trotzige Ablehnung und besorgte Nachdenklichkeit. Eine vermutlich ziemlich große Gruppe, deren Haltung sich mit „Wir sind noch einmal davongekommen“ umschreiben lässt, ist mit der Platzierung der österreichischen Schülerleistungen im Mittelfeld der internationalen Rangreihe anscheinend ganz zufrieden. Als sie noch Schüler waren, dürften diese „Durchkommer“ die Genügsamkeit mancher Wiener Gymnasiasten geteilt haben, für die ein Vierer eine „positive“ Note ist und als das „Sehr gut des kleinen Mannes“ gilt. Die von Pisa aufgezeigte krasse Chancenungleichheit zwischen Gymnasiasten und Hauptschülern und die systemische Benachteiligung von Migrantenkindern bekümmert diese pädagogischen Minimalisten nicht.

Die Steirerhut-Fraktion hingegen überlegt den „Ausstieg aus Pisa“. Dem österreichi_schen Kantönligeist ist Pisa mit seinen Tests und internationalen Vergleichen herzlich zuwider, erstens, weil man an die hervorragende – wenngleich durch nichts bewiesene – Qualität des „guten alten österreichische Gymnasiums“ glaubt und, zweitens, weil Pisa bloß Kompetenzen und nicht „Bildung“ misst.

Um- oder aussteigen?

Pisa testet in der Tat nicht „Bildung“, sondern „nur“ die Kompetenzen von 16-jährigen Schülern beim Lesen, in Mathe und in den Naturwissenschaften, die allerdings überall auf der Welt als wichtige Bestandteile und Voraussetzungen von „education“ – wie auch immer definiert – gelten. Niemand bei der OECD, die Pisa durchführt, ist technokratisch oder psychometrisch so verblendet, dass man nicht die Wichtigkeit der Emotionen, der Künste, der politischen Bildung etc. anerkennen würde. Man fliegt übrigens auch aus dem guten alten Gymnasium nicht wegen „zu wenig Bildung“ raus, sondern wegen zu vieler Fehler bei Englisch- und Matheschularbeiten. Auf der Richterskala für Peinlichkeit und internationale Lächerlichkeit würde ein österreichischer Pisa-Ausstieg eindeutig auf Stufe 10 landen. Das Grüppchen der Nachdenklichen, die in Pisa eine Chance sehen, die Tüchtigkeit des österreichischen Schulsystems mit internationalen Kriterien zu überprüfen und von „good practice“ anderswo zu lernen, steht vor dem Problem, dass Schülerleistungen, natürlich auch die Pisa-Resultate, „multikausale“ Phänomen sind und es keinen Faktor gibt, dessen „Optimierung“ für sich allein Erfolg garantiert. Für eine „durchkomponierte Schulreform“ bietet Pisa 2006 (wie schon seine beiden Vorgängerstudien) allerdings eine Fülle plausibler Ansätze und Empfehlungen, darunter den Ausbau der Vorschulerziehung mit intensiver sprachlicher Frühförderung, das „Upgrading“ der Lehrerbildung, eine Verbesserung der schulischen Lernkultur und natürlich die Desegrega_tion der Sekundarstufe I zu _einer Gesamtschule. Für den alarmierenden Tatbestand, dass die zweite Generation der Migrantenkinder, also die bereits im Inland geborene, schlechtere Leistungen erbringt als die neu zugezogene, gäbe es eine plausible Hypothese:

Ein "Tor" ausgelassen

Könnte es sein, dass die Neo-Immigranten noch an die Fairness und Offenheit ihrer neuen Heimat glauben, während die von Geburt an in Österreich aufwachsenden Immigrantenkinder auf die vielfältigen Erfahrungen, dass sie von der hier herrschenden gesellschaftlichen und schulischen Segregation um faire Bildungs- und Lebenschancen geprellt werden, mit Resignation reagieren?

Der österreichische Pisa-Chef Günter Haider scheint aus Patriotismus nur selten und dann nur verschlüsselt zu erwähnen, dass die Platzierung Österreichs im Pisa-Ranking mit der Wertung eines Skifahrers zu vergleichen ist, der bei einem Weltcup-Slalom ein Tor ausgelassen hat. Während nämlich in den meisten europäischen Ländern die Pisa-Stichprobe 100 Prozent der Altersgruppe der 15- bis 16-jährigen umfasst, fehlen in Österreich jene sechs Prozent, die nach dem Erreichen der Schulpflicht mit 15 Jahren das Schulsystem verlassen haben. Hierbei handelt es sich mit größter Wahrscheinlichkeit um schulmüde, leistungsschwache Jugendliche, die in anderen Ländern die Pisa-Resultate verschlechtern, deren Fehlen jedoch die österreichische Leistungsbilanz verschönert. Die korrekten österreichischen Rangplätze bei Pisa dürften "mittelmäßiger" sein, als die offiziellen Tabellen anzeigen. (Karl Heinz Gruber-DER STANDARD-Printausgabe, 7./8./9. Dezember 2007)

Zur Person

Karl Heinz Gruber lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Uni Wien.

  • Erziehungswissenschafter Karl Heinz Gruber kommentiert die PISA-Reaktionen.
    foto: standard/urban

    Erziehungswissenschafter Karl Heinz Gruber kommentiert die PISA-Reaktionen.

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