Amerika in Wechselstimmung

8. Jänner 2008, 14:37
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Nach sieben Jahren Bush wollen die Wähler Veränderungen - mit Infografik

Nach sieben ernüchternden Jahren mit George W. Bush setzen die Amerikaner auf den Wandel. Im Wahlkampf nützt das den Demokraten, die Republikaner konnten bisher kaum Tritt fassen. Die kurz bevorstehende Vorwahlsaison allerdings wird das Tempo noch erhöhen.

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Black Friday ist auch nicht mehr das, was er mal war. Der Schwarze Freitag nach dem Thanksgiving-Fest, es ist der Tag, ab dem die Händler angeblich schwarze Zahlen in ihren Jahresbilanzen schreiben und an dem sie ihre Ware zu Schnäppchenpreisen verhökern. Noch vor zwölf Monaten stand er im Zeichen schrankenlosen Kaufrausches. Diesmal hielt er sich eher in Grenzen, der Ansturm drängelnder Kunden, die frühmorgens um fünf durch die Pforten der riesigen Supermärkte stürmen.

Ernüchtert durch eine fatale Kombination aus steigenden Öl- und fallenden Immobilienpreisen, vergeht dem amerikanischen Konsumenten allmählich die Lust am Konsumieren. Lange war er bereit, sich bedenkenlos zu verschulden, das heißt, sich auf den gestiegenen Papierwert seines Häuschens hin immer mehr Geld zu borgen. Das funktioniert nicht mehr, die Blase ist geplatzt.

Das Thema Wirtschaft, bislang nur am Rande diskutiert, könnte die Wahldebatte noch prägen. Schon zerbrechen sich Strategen den Kopf darüber, für wen das gut sein mag. Für die Demokraten? Die Republikaner? Oder für einen Unabhängigen à la Michael Bloomberg, den New Yorker Bürgermeister, falls der doch noch an den Start geht?

Fest steht, dass zwei Drittel der Amerikaner unzufrieden sind mit der Richtung, die ihr Land nimmt. Der Irak drückt, sechs von zehn US-Bürgern halten die Invasion im Rückblick für falsch. Der schwache Dollar stärkt zwar die Exportchancen, nagt aber am Selbstbewusstsein. Aufgeschreckt durch die Turbulenzen im Kreditgeschäft (Subprime-Krise), rechnen sieben von zehn Befragten im nächsten Jahr mit einer Rezession. 47 Millionen Menschen sind nicht krankenversichert, weil sie sich die hohen Prämien nicht leisten können.

Das qualitativ erstklassige, jedoch horrend teure Gesundheitssystem gilt als überfällige Reformbaustelle. Und George W. Bush als einer der schlechtesten Präsidenten, den die Vereinigten Staaten je hatten. Nur 30 Prozent der Wähler finden, dass er einen guten Job macht. Die Konsequenz aus alledem ist, dass eine klare Mehrheit der Amerikaner den Wandel will.

Kein Kandidat, der dem nicht Rechnung trägt. „Die Stärke und Erfahrung, um einen echten Wandel zu schaffen“, heißt der Slogan Hillary Clintons. „Amerika verändern!“, trommelt ihr Parteifreund John Edwards. „Der Wandel beginnt mit uns“, verkündet der Republikaner Mitt Romney.

Unterm Strich, bilanziert das Pew Research Center, ein Washingtoner Meinungsforschungsinstitut, lasse der Wunsch nach Veränderung die Demokraten im Aufwind segeln, zumindest vorläufig. Denen traue man eher zu, „Korrekturen durchzusetzen und ehrlich und kompetent zu regieren“. Zudem seien Themen, von denen Bush 2004 stark profitierte, weil sie Wertkonservative mobilisierten, in den Hintergrund getreten. Abtreibung und Schwulenehe sind die prägnantesten Beispiele dafür.

Selbst republikanische Wahlberater wie Neil Newhouse geben ohne Umschweife zu, dass die Präsidentenpartei schlechte Karten hat. Er klammere sich an die Hoffnung, so Newhouse, dass der Spitzenkandidat der Konservativen „die jetzige Administration irgendwann nur noch im Rückspiegel auftauchen lässt, möglichst weit weg“. Momentan neige sich die Waage allerdings eindeutig zugunsten der Demokraten.

Fragt sich nur, welcher von deren Anwärtern es schafft, sich die Wechselstimmung am besten zunutze zu machen. Hillary Clinton bemüht sich, das Dinosaurier-Image zu entkräften, das Edwards und Barack Obama, ihre schärfsten Rivalen, ihr polemisch anhängen. Eigentlich, reiben die beiden ihr unter die Nase, sei sie ja viel zu lange im Geschäft, um nicht betriebsblind zu sein. Wer erst First Lady war und dann Senatorin, der sehe die Welt nur noch durch die Beltway-Brille, die Brille der Hauptstadt. Während Obama die Favoritin als brave Klientin des Lobby-Klüngels skizziert, rückt Edwards sie außenpolitisch in die Nähe George Bushs.

Wie sich das Thema Irak auf den Einlauf auswirkt, hängt sicher davon ab, ob der vorsichtige Optimismus, den amerikanische Medien derzeit aus Bagdad vermelden, anhält oder aber einer Flut neuer Horrormeldungen weicht. Auch Irak gilt als potenzieller Stolperstein für Clinton.

Die Senatorin hatte Bush im Herbst 2002 per Parlamentsbeschluss ermächtigt, im Konflikt mit Saddam Hussein Gewalt anzuwenden. Die meisten ihrer Parteikollegen hielten es damals ganz ähnlich. Aber während sich Edwards ohne Wenn und Aber entschuldigte („I was wrong“), tut sich die First Lady bis heute schwer, irgendeinen Fehler einzugestehen. Obama könnte davon profitieren, dass er den Einmarsch von Anfang an ablehnte und sich nachträglich nicht zu verbiegen braucht.

Noch steht der Irakkrieg ganz oben auf der Prioritätenskala. Auf den Plätzen folgen Wirtschaft, Gesundheitsfürsorge und illegale Einwanderung, Letzteres immer stärker. Die Dunkelziffer derer, die, über die mexikanische Grenze geschmuggelt, teils schon seit den Achtzigern und Neunzigern in den Vereinigten Staaten leben, reicht von zwölf bis 20 Millionen. Für die Billiglohnbranche sind die Hispanics unerlässlich, in populistischem Grundton stellen die Bewerber, übrigens fast unisono, sie indes als Gefahr für amerikanische Arbeitnehmer hin.

Hinzu kommt der Unmut vieler Mittelschichtwähler über Bushs Steuerpolitik, die die Reichen überproportional begünstigt, während der Rest die Last eines horrend teuren Krieges zu tragen hat. Bemerkenswerterweise ist der Anteil derer, die einen schlankeren Staat fordern, spürbar zurückgegangen. Zwar favorisieren 50 Prozent noch immer ein System, bei dem sich die öffentliche Hand aufs Wesentlichste beschränkt. Im Gegenzug akzeptieren sie es, dass staatliche Dienstleistungen nur Flickwerk sind. Doch 44 Prozent befürworten eine „größere Regierung, größeren Service“. Das sind deutlich mehr als 2000 oder 2004, zurückzuführen nicht zuletzt auf den „Katrina“-Faktor, das Erschrecken darüber, wie das reichste Land der Welt die Gestrandeten des Hurrikans in New Orleans im Stich ließ, statt schnell und effizient zu helfen.

Ob die Republikaner einen Ausweg aus dem Dilemma allgemeiner Bush-Müdigkeit finden, bleibt eine der spannendsten Fragen der Kampagne. Zwar umschiffen ihre Kandidaten den Namen des Amtsinhabers schon jetzt wie eine gefährliche Klippe, doch zum Aufstieg aus dem Jammertal reicht das – wie sich täglich zeigt – noch nicht.

Bezeichnend, wie schwer sich die „Grand Old Party“ mit der Suche nach ihrem „Mister Right“ tut. Bezeichnend, wie mit Mike Huckabee, Ex-Baptistenpfarrer und Ex-Gouverneur, ein Außenseiter die Favoriten das Fürchten lehrt, der noch im Sommer von allen belächelt wurde. Bezeichnend, wie Fred Thompson, ein alternder Ex-Senator, bejubelt wurde wie ein Messias, als er sich endlich zu einer Bewerbung durchrang.

Zuletzt spielte der Zweimetermann mit dem sonoren Bass in einer Fernsehserie den Part eines strengen Staatsanwalts. Seine Anhänger verglichen ihn mit Ronald Reagan: War der nicht auch Schauspieler, bevor er Präsident wurde? Nach ein paar lauen Debattenauftritten ist vom Hype um Thompson nicht mehr viel übrig geblieben. In den Umfragen liegt er bestenfalls im Mittelfeld.

Vorn liegt Rudy Giuliani, aber auch der reißt nicht mit. Nach dem 11. September, als der New Yorker Stadtvater die Nerven bewahrte und einer schockierten Nation Mut zusprach, wurde Giuliani noch als „Amerikas Bürgermeister“ gefeiert. Inzwischen werfen ihm Spötter vor, jeder seiner Sätze beschränke sich auf „ein Substantiv, ein Verb und 9/11“. (Frank Herrmann aus Washington/DER STANDARD, Printausgabe, 6.12.2007)

  • Infografik: Die heiße Phase beginnt (1.000 Pixel breit, 233 KB)

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