Mein europäischer Traum

von Redaktion  |  25. Jänner 2008, 15:06

Plädoyer für eine Direktwahl des Verfassungskonvents - von Christian Felber

Heute Nacht hatte ich einen Traum. Die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten warfen das Handtuch. Sie sagten: Wir schaffen es nicht, das Europäische Haus unter Ausschluss des Bevölkerung weiterzubauen, soll doch der Souverän selbst bestimmen, wie er die EU haben möchte. Für das Procedere griffen sie einen Vorschlag aus der europäischen Zivilgesellschaft auf: Als erster Schritt wird eine verfassungsgebende Versammlung direkt gewählt – aus jenen Sektoren der Bevölkerung, die die Werte der Union repräsentieren: Juristen und Politologen (Demokratie), Unternehmen (Freiheit), Gewerkschaften (Solidarität), Armutskonferenzen und Kirchen (Menschenwürde), Umweltbewegung (Nachhaltigkeit), Globalisierungskritik und Entwicklungspolitik (Gerechtigkeit) sowie Friedensbewegung (Friede). Im Unterschied zum letzten Konvent, in dem nur 16 Prozent der Gewählten Frauen waren, muss mindestens die Hälfte weiblich sein (Gleichheit). Parlamentarier und Politiker/innen dürfen sich der Wahl stellen wie alle anderen.

Klare Ziele, ...

Dieser Konvent erarbeitet eine 50-seitige, gut leserliche und verständliche Verfassung aus – mit klaren Werten, Zielen, Institutionen. Einige „Gustostückerln“ daraus: Die Gewaltenteilung wird erstmals eingeführt: Das Parlament wird mit allen Rechten eines modernen Parlaments ausgestattet: Es darf Gesetze initiieren, über alle Politikfelder bestimmen, die Mitglieder der Europäischen Regierung, ehemals Kommission, wählen und abwählen und das Budget der EU erstellen. Die nationalen Parlamente ziehen gemeinsam mit den Regionen in der zweiten Kammer des EU-Parlaments ein, der Rat verschwindet. Als vierte Macht neben Regierung, Parlament und EuGH wird die partizipative oder staatsbürgerliche Gewalt eingerichtet.

Die Bürger/innen werden in viele Entscheidungsprozesse der Union eingebunden – beginnend mit dem Verfassungsprozess selbst. Der Souverän erhält die Möglichkeit, die gewählten Repräsentanten aus eigener Initiative zu korrigieren: Erreicht ein europäisches Volksbegehren eine definierte Anzahl von Unterschriften, kommt es zwingend zur europaweiten Volksabstimmung. In Uruguay beispielsweise führte dieses Instrument, das sich eine breite Allianz engagierter Citoyens selbst erstritt, zur verfassungsmäßigen Absicherung der öffentlichen Trinkwasserversorgung.

Davon inspiriert, führt das erste Europäische Volksbegehren zur Rücknahme der Dienstleistungsrichtlinie sowie der Post- und Strommarktliberalisierung. Aus den nationalstaatlichen Eisenbahnen wird ein erstes europäisches öffentliches Gut. In einem zweiten Begehren wird der Euratom-Vertrag mit einem Ablaufdatum versehen, bis dahin werden die Atommilliarden sukzessive auf die Erforschung von Energieeffizienz und die Erschließung erneuerbarer Quellen umgeschichtet. Die EU rückt vom Ziel ab, der global wettbewerbsfähigste Wirtschaftsraum der Welt zu werden, und möchte stattdessen nachhaltig werden: Bis 2030 wird eine Absenkung des Ressourcenverbrauchs um drei Viertel Prozent angestrebt. Damit wird die globale Rohstoffkonkurrenz entscheidend entschärft. Das negative Vorbild der EU – acht Prozent der Weltbevölkerung verbrauchen fast 20 Prozent der globalen Ressourcen – wird aufgegeben. Die Subsidiaritätsprüfung wird auf schon bestehende Politiken ausgeweitet. Damit können Regionen die Entscheidung darüber, ob sie Gentechnik in der Landwirtschaft zulassen wollen oder nicht, selbst treffen. Dafür darf das Parlament bei der Außenpolitik mitreden, was der Reformvertrag ebenfalls nicht gebracht hätte. Kraft der Verfassung beginnt die Europäische Union eine aktive weltweite Friedenspolitik.

Die Handlungsfähigkeit der EU wird durch die neuen Strukturen gegenüber dem Ist-Zustand verbessert. Denn in Fragen der Steuer- und Sozialpolitik, wo im Reformvertrag weiterhin das Einstimmigkeitsprinzip gegolten hätte und somit ein einziger Staat jede Initiative blockieren hätte können, werden die Weichen für eine koordinierte Lohn-, Sozial- und Steuerpolitik gestellt, indem der freie Kapitalverkehr und Freihandel an arbeitsrechtliche, sozialpolitische und steuerliche Mindeststandards (und ökologische Kostenwahrheit) gekoppelt werden.

Mit dieser „Bedingung“ des Binnenmarktes werden selbst Großbritannien und die skandinavischen Länder ins Boot geholt. „Lohn- und Sozialkorridore“, die das jeweilige Niveau an das BIP koppeln, überzeugen auch die ärmeren Mitgliedstaaten.

... glückliche Bürger

Das Ergebnis verblüfft die Regierenden, weil sie geglaubt hatten, dass mit dem Reformvertrag das Maximum an Einigung erreicht worden war. Doch die Interessen der Menschen in den Mitgliedsländern der EU sind ähnlicher gelagert als die der Regierungen: In allen Ländern wünscht sich eine Mehrheit soziale Sicherheit, eine intakte Umwelt und mehr Demokratie.

Der Vorschlag des direkt gewählten Konvents wird in allen Mitgliedstaaten mit überwältigender Mehrheit vom Souverän angenommen. Eurobarometer erhob wenige Monate nach Inkrafttreten der Verfassung eine Zustimmung zur Union von 90 Prozent. Aufgrund des großen Erfolges wird dasselbe Verfahren für die Überarbeitung aller EU-Verträge angewandt. (DER STANDARD, Printausgaabe, 5.12.2007)

Christian Felber koordinierte "Attacs 10 Prinzipien für einen demokratischen Vertrag", die von 17 europäischen Attac-Organisationen unterschrieben wurden.

"Wer fürchtet sich vorm Souverän?", fragt Attac-Gründungsmitglied Christian Felber und wird diese Frage auch demächst im Rahmen eines Podiumsgesprächs an Johannes Voggenhuber und Elisabeth Grossmann weiterleiten. Die Debatte mit dem Grünen EU-Abgeordneten und der Europasprecherin der SPÖ findet am 17. 12. im Wiener Albert-Schweitzer-Haus statt.
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crax
02.01.2008 20:40

Habe den Artikel leider erst jetzt gelesen.
Ich bin begeistert und würde am liebsten gleich loslegen. Dieser Traum soll kein Traum bleiben!

Walter Bimini
10.12.2007 11:34
die eu wird für viele europäer ein einziger langer albtraum werden

aber zum glück dauern imperien nicht ewig und die eu hat nicht unverschuldet natürlich besonders schlechte karten erwischt.

Gabriele Wladyka
08.12.2007 13:43
Tod im Atlantik: Wie afrikanische Fischer von der EU ins Elend getrieben werden.

www.wdr.de/tv/monito... ischer.pdf

Super, dieses EU-Friedenswerk!

Gabriele Wladyka
07.12.2007 05:52
Attack-Österreich ist ein typisches Beispiel

für eine "angepaßte" NGO. Die dürfen zwar die EU ein bissl kritisieren, aber niemals in Frage stellen, In Schweden zB ist auch Attack für den EU Austritt.

E Pluribus Unum
07.12.2007 11:19

Schrecklich wie angepasst man sein muss um transnationale Demokratie zu fordern! Das ist das größte Übel der Welt und wird von Heuschrecken wie abgehobenen Eliten propagiert um die kleinen Leute mit zuviel Einfluss zu erdrücken.

JA zum EU-Austritt
05.12.2007 23:08
Einmal angenommen, der Wunsch des Herrn Felber ließe sich wirklich realisieren

Was würden dann wohl die Mitglieder des ERT (European Round Table of Industrialists) dazu sagen???

Unter Wikipedia ist nachzulesen
"Im European Round Table (Europäischer Runder Tisch) treffen sich mehr als 45 Wirtschaftsführer großer europäischer, transnationaler Konzerne. Ziele sind das Entwickeln langfristiger wirtschaftsfreundlicher Strategien und die Organisation von Treffen mit Mitgliedern der europäischen Kommission, einzelnen Kommissaren oder dem Kommissionspräsidenten, um die Richtung des Integrationsprozesses innerhalb der EU zu gestalten."

Sprich, die EU-Bürger haben da nichts zu plauschen, nur zu kuschen.
ERT und Felber's Traum sind unvereinbar, darum könnte sich auch nichts ändern.

E Pluribus Unum
06.12.2007 16:24

Wovon reden sie eigendlich? Wie könnte es dann in Österreich eine Demokratie geben wo es doch auch eine Industriellenvereinigung gibt.

Verschwörungstheorien?

50plus  
05.12.2007 20:49
EU-Austritt?

Dzt. ist die EU eine Institution zum Wohle d. Konzerne/Großkapitals. Die sich daraus zwingend ergebenden Auswirkungen (Sozialabbau, immer brutaler werdende Arbeitsbedingungen bei immer schlechter werdender Bezahlung, ...)spüren die Menschen. Das macht Angst und diese Angst ist mehr als berechtigt. Ein Austritt wäre allerdings kaum geeignet, den Folgen neoliberaler Wirtschaftspolitik zu entkommen. Österreich ist - für sich allein gesehen - ein Fliegenschiss in der globalen Wirtschaftsmaschinerie. Will man den Folgen der von USA, China, ... ausgehenden Wirtschaftspraktiken entkommen, braucht es Felbers EU als starkes Gegengewicht zu USA/China, ... Das dürfte gegen den Widerstand der gekauften eur. Polit-Nomenklatura aber nicht gelingen.

JA zum EU-Austritt
05.12.2007 21:51

Nachdem die EU mit ihren Grundfreiheiten ein Instrument der Globalisierung ist, kann sie nur das denkbar schlechteste Mittel gegen diese Globalisierung sein.

Wenn man es einmal nüchtern zu betrachten versucht, wann haben sich schon jemals die schwarzmalerischen Prognosen im Nachhinein auch bewahrheitet?
Vgl. Euro: Es gäbe keine Alternative zur Teilnahme, weil der Schilling war an die DM gebunden, und nachdem die DM nicht mehr existiert......
Demnach müßte Schweden ohne den Euro wirtschaftlikch schon untergegangen sein, die schwedische Krone ist NICHT an den Euro gekoppelt!
Schweden zählt laut jüngster WEF-Studie zu den 5 wettbewerbsfähigsten Ländern auf der ganzen Welt.

JA zum EU-Austritt
05.12.2007 22:05

Weiteres Beispiel, was die oft gehörte Panik "auf sich allein gestellt" betrifft:
Die Schweiz ist regelrecht umzingelt von lauter EU-Ländern. Früher wurde der Schweiz bekanntlich immer der wirtschaftliche Kollaps prophezeit, wenn sie sich nicht der EU anschließt. Die Standardausrede mit den Banken & Co hält der Realität nicht stand, denn diesen Umstand gab es damals auch schon, als der Schweiz noch alles mögliche Schlechte ohne EU-Mitgliedschaft vorausgesagt wurde.

Wie es der Schweiz heute wirtschaftlich geht, ist nachzulesen unter folgendem Artikel
http://derstandard.at/?url=/?id=3132594

Gabriele Wladyka
05.12.2007 18:18
Es hat auch welche gegeben,

die den Kommunismus als schönen Traum dargestellt haben. Im Vergleich zur EU wars im Nachhinein gesehen für die Ostländer das geringere Übel. Damals konnten die meisten Menschen wenigstens ihre Grundbedürfnisse decken, jetzt in der EU nicht mehr.

EUphoriker 
06.12.2007 14:17

Die Menschen im Osten können heute noch immer genauso wie damals den Mist kaufen mit dem sie ihre Grundbedürfnisse gedeckt haben. Es gibt halt jetzt bessere Alternativen, die entsprechend teurer sind.
Und genau das ist das Problem ihrer Argumentation. Teuer hochwertig produzieren im selbstständigen sozialen ökologischen Österreich aber dann billig kaufen geht halt nicht. Und wer bereit ist mehr zu zahlen kann es heute schon tun (Bio statt Gentech, Fair Trade statt Sozialdumping).

Gabriele Wladyka
05.12.2007 18:12
Was die EU so alles macht,

nachzulesen im Standard zum Thema Afrika: "Importe haben den Markt zerstört"

a grünes stricherl 
05.12.2007 16:14
Klingt wirklich gut.

Und wie kommen wir zu diesem punkt?
Was müssen wir tun?

JA zum EU-Austritt
05.12.2007 16:29

Die entscheidende Frage ist: Warum wehrt man sich mit Händen und Füßen dagegen, die Realität zu akezptieren? Nämlich daß die EU für eine sinnvolle Reform bereits viel zu monströs ist.
Es führt ohnehin kein Weg daran vorbei, früher oder später aus dem EU-Traum (welcher für die Mehrheit ohnehin ein Alptraum ist) aufzuwachen.
Je größer die EU, um so unmöglicher werden tiefgreifende Reformen, denn wie heißt es doch:
(Viel zu) viele Köche verderben den Brei!

EUphoriker 
06.12.2007 14:24
Ein Koch und 27 Küchenhelfer

Sie widersprechen sich wenn sie so gegen einheitliche europäische Regeln argumentieren.

E Pluribus Unum
05.12.2007 17:55

Warum man sich wehrt? Weil sie uns eine Realität aufzwingen wollen die unsere nicht ist.

Sparen sie sich die Versuche die Deutungshoheit zu übernehmen.

JA zum EU-Austritt
05.12.2007 22:08

Wenn Sie persönlich Ihren ganz persönlichen EU-Traum weiterträumen wollen, so brauchen Sie keine Angst zu haben, niemand wird Sie daran hindern.
Nur werden Sie dies in Österreich zuünftig kaum umsetzen können.

E Pluribus Unum
06.12.2007 03:47

Sie sind heute aber ganz schön aktiv mit ihrere Kristallkugel...

Beim wir mal in der Realität. Ende 2007, Österreich ist seit mehr als 10 Jahren Mitglied der Union...schaun sie mal dass ihre EU skeptische Bewegung die nächsten 10 über dauert, dann schaun wir weiter.

Potz von Padnerham
13.12.2007 07:51

Nach 13 Jahren EU hat die Mehrheit offensichtlich genug davon, anderenfalls würden sich unsere PolitikerInnen nicht so gegen ein Volksabstimmung streuben. Die Gründe liegen nicht etwa in einer falschen Wahrnehmung der EU durch ihre Bürger, sondern an der brutalen Realität der EU. Glauben Sie ernsthaft, dass sich daran in den nächsten 10 Jahren etwas ändert? Die Frage ist doch eher ob die EU die nächsten 10 Jahre übersteht!

JA zum EU-Austritt
05.12.2007 22:20

Nachtrag: Nachdem sich die EU-Anhänger gern für so ungemein weltoffen halten, wird es doch kein Problem für sie sein, diesen Traum anderswo als in Österreich weiterzuträumen, oder?

E Pluribus Unum
06.12.2007 03:49

Sprechen sie mir gerade das Recht ab meine politischen Ansichten im freien Wettbewerb der Meinungen vorzubringen?

Wünschen sie sich oft ihre politischen Gegner in andere Länder? Muss ja sehr dunkel sein wo sie sind...

proteus
05.12.2007 16:23

Ganz fest die Augen vor der Realität verschließen.

JA zum EU-Austritt
05.12.2007 16:38

Die meisten von den EU-Träumern sind ja keine von den elitären EU-Profiteuren, sie lassen sich nur von Zweiteren willfährig um den kleinen Finger wickeln, in dem sie sich als Werkzeug für die Interessen der wirklichen EU-Profiteure benutzen lassen, in dem sie die diversen VORGEGEBENEN EU-Floskeln (z.B. vom Friedensprojekt oder daß Österreich ohne EU-Mitgliedschaft untergehen würde) brav und artig nachbeten.
Diese EU-Träumer würden es mitunter wirklich gut meinen, so manche(r) erkennt halt erst viel zu spät, daß er/sie nur mißbraucht wurde/wird.

JA zum EU-Austritt
05.12.2007 16:25

Danke, bestens auf den Punkt gebracht!

Augen zu und ausssssssss! ist bekanntlich das grundlegende Denkmotto der meisten von den restlichen heute noch anzutreffenden EU-Gläubigen.

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