Krise erfasst noch heuer Privatkonsum

2. Jänner 2008, 14:25
33 Postings

Deutsche-Bank-Chefökonom Walter erwartet "volle Belastung" - "Oberste Wachstumsgrenze" im nächsten Jahr bei drei Prozent

Wien - Ein Abschiedsgebet für die blühende Weltwirtschaft spricht der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter: "Ja, die Weltkonjunktur ist am Zenit angekommen, Amen. Wir sind im Abschwung." Das erklärte der für seine offenherzige Wortwahl bekannte deutsche Professor und Politik-Berater (Walter ist einer der sieben Wirtschaftsweisen) am Montagabend bei einem Vortrag des vom Business Circle organisierten Wertpapierforum in Wien. Am ausgeprägtesten manifestiere sich der Abschwung in den USA, aber auch in Europa gehe mit dem Jahr 2007 "die schönste Zeit zu Ende".

Zumal nun auch noch "eine Inflationswelle auf uns zukommt, wobei die Deutschen jetzt schon eine Inflation von 7,5 Prozent fühlen, obwohl die tatsächliche nur bei 2,5 Prozent liegt", wie der Volkswirt anmerkte. Er selbst erwartet übrigens ab 2012 einen "bulligen Dollarkurs, wir werden ihn bei 1,60 sehen". Apropos Preise: Jenen von Erdöl sieht Walter 2008 bei 80 Dollar je Fass, die von vielen prognostizierten 100 Dollar hält er für unwahrscheinlich, "da müssten wir schon in China und Russland einmarschieren".

Drei Prozent

Fürs kommende Jahr sieht Walter die "oberste Wachstumsgrenze" global bei drei Prozent, die USA preist er bei 2,5 und Euroland bei 1,8 Prozent Wachstum ein. Wobei er den Europäern jegliche Begabung zur Selbstvermarktung abspricht: "Statt dass wir davon beseelt wären, unsere Stadtstrukturen, unsere Weine, unsere Haushaltsgeräte zu exportieren, sind wird so dermaßen nicht stolz auf uns, dass mir speiübel wird. Eine Lufthansa-Wartung", dachte sich der deutsche Volkswirt bei seinem Vortrag unter leisem Protest seiner Zuhörer in Flugzeuge hinein, "ist doch das Schönste, was einem Flugzeug passieren kann".

Was der Wirtschaft im schlimmsten Fall passieren wird, rechnete Walter anschließend vor. Die Wahrscheinlichkeit eines weltweiten Crashs aus der US-Immobilienkrise stuft er mit 30 Prozent ein, "wenn der kommt, besteht weltweite Ansteckungsgefahr". Chaotische Wechselkurskorrekturen hält er für unwahrscheinlich, ein "hard landing" Chinas (findet statt, wenn eine brummende Konjunktur diretissima in eine Rezession dreht) hält Walter jedenfalls für die Zeit bis 2010 für gering.

In den USA sieht Walter, neben dem Leistungsbilanzdefizit, noch eine wirkliche Gefahr: Die "anhaltende und ausgeprägte" Immobilienmarktkrise. Sie werde ab dem vierten Quartal erstmals auch auf den privaten Konsum durchschlagen, "jetzt kommt die volle Belastung". (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 5.12.2007)

  • Norbert Walter von der Deutschen Bank sieht Wolken aufziehen.
    foto: deutsche bank

    Norbert Walter von der Deutschen Bank sieht Wolken aufziehen.

Share if you care.