"Das Spiel 'Wer hat Schuld?' gibt es für mich nicht"

13. Februar 2008, 10:25
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Unterrichtsministerin Schmied fordert im STANDARD-Interview "bestens geeignete Menschen" für den Lehrberuf und die Verbesserung der Chancengerechtigkeit

Standard: Die ÖVP bezweifelt die Aussagekraft von Pisa. Wie wollen Sie mit den Ergebnissen umgehen?

Schmied: Ich komme aus der Wirtschaft, dort haben wir uns ständig Vergleichen gestellt. Ich sehe Pisa sehr positiv im Sinne des Erkenntnisgewinns. Interessant wird es, in die Details zu gehen, das ist viel zielführender als parteipolitische Scharmützel. Für mich gibt es dieses Spiel "Wer hat Schuld?" nicht. Es geht darum, auf Verbesserungspotenziale aufmerksam gemacht zu werden. Seriöse Studien helfen, mehr Qualität in die Bildungspolitik zu bringen.

Standard: VP-Bildungssprecher Fritz Neugebauer meint, das Pisa-Ergebnis würde etwa durch einen hohen Anteil an behinderten Schülern verzerrt.

Schmied: Das ist für mich völlig unverständlich und entspricht nicht meinem Menschenbild.

Standard: Inwiefern lässt Pisa Rückschlüsse auf ein System zu?

Schmied: Mich interessiert, welche Maßnahmen andere Länder gesetzt haben, etwa Polen, das eine beeindruckende Entwicklung im Lesen hingelegt hat. Natürlich muss eine bestimmte Maßnahme, die in Polen erfolgreich war, nicht eins zu eins in Österreich zum Erfolg führen. Es ist wichtig, von den Besten zu lernen.

Standard:  Das Bildungsniveau der Eltern ruft extreme Unterschiede bei den Pisa-Ergebnissen hervor. Wie weit kann Politik da überhaupt eingreifen?

Schmied: Ich halte das für eine ganz zentrale Aufgabe der Politik. Chancengerechtigkeit und gezielte Leistungsförderung – das sind die zwei Ziele, die wir verfolgen müssen, speziell bei der Neuen Mittelschule. Ich erwarte mir viel von der Sprachförderung im Kindergarten und möchte sie im September 2008 starten.

Standard:  Jeder dritte österreichische Schüler ist Risikoschüler – wie kann man diesen hohen Anteil reduzieren?

Schmied: Das macht mich sehr betroffen, weil das jene Gruppe ist, die den Anschluss an lebensbegleitende Bildungsprozesse nur schwer schafft. Wir müssen uns auch mit der Lern-, Lehr- und Prüfkultur in unseren Schulen auseinandersetzen. Es geht weniger um Auswendiglernen als vielmehr um die Vermittlung von Kompetenz. Die Schüler müssen zu kritischen Fragen angeregt werden.

Standard: Das bedeutet auch neue Herausforderungen für die Lehrer. An pädagogischen Hochschulen ist ein Eignungstest vor Studienbeginn bereits üblich. Sollte man das auch auf die Universitäten übertragen?

Schmied: Darüber muss man sich Gedanken machen. Das ist nicht mein direkter Zuständigkeitsbereich, aber der Lehrberuf hat so eine wichtige Stellung, dass es wichtig ist, geeignete Personen dafür zu gewinnen. Ich werde mir im kommenden Jahr genau ansehen, welche Maßnahmen die einzelnen pädagogischen Hochschulen gesetzt haben, und möchte daraus auch Schlüsse für das gesamte System ziehen. Wir brauchen bestens geeignete Menschen im Lehrberuf. Auch mit Humor und Poesie. (DER STANDARD Printausgabe, 5. Dezember 2007)

  • "Seriöse Studien helfen, mehr Qualität in die Bildungspolitik zu bringen", meint Schmied im Bezug auf PISA. Mit Günter Haider präsentierte sie am Dienstag die Ergebnisse.
    foto: standard/urban

    "Seriöse Studien helfen, mehr Qualität in die Bildungspolitik zu bringen", meint Schmied im Bezug auf PISA. Mit Günter Haider präsentierte sie am Dienstag die Ergebnisse.

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