Wie kann die organisierte Fanszene Einfluss auf ihren Verein nehmen? Vertreter der Brigata Graz geben im Interview Auskunft
ballestererfm: Wie sieht momentan die Mitbestimmung bei Sturm aus Sicht der Brigata aus?
Thomas Lang: Das Verhältnis ist gut. Generell hört sich überall dort, wo Geld im Spiel ist, die Bewegungsfreiheit auf. Aber jetzt haben wir das Gefühl, dass der Verein daran interessiert ist, was wir denken. Man geht auf uns zu und unsere Meinung ist wichtig. Diese Position haben wir uns im Laufe der Zeit erarbeitet. Gerade durch die Aktionen,
in denen wir unserer Linie treu geblieben sind.
Oliver Parfi: Die Leute im Verein haben erkannt, welches Potenzial in uns steckt. Es ist heutzutage eben entscheidend, dass sich die Verantwortlichen unsere Meinung nicht nur anhören, sondern auch sehen, dass sie davon profitieren können. Die wollen nicht nur Frieden mit den Fans. Das ist der Unterschied zu früher. Da wollte man uns mundtot machen. Der Kartnig hätte genauso von uns profitieren können. Diese Erfahrung hat noch jeder gemacht, wenn er sich mit uns getroffen hat.
Auf welchen Gebieten findet eine Einbindung statt?
Parfi: Wir haben bei vielen Themen eine Stimme. Angefangen vom Merchandising über Fanservice bis hin zu Vereinsveranstaltungen wie dem Tag der offenen Tür. Ein anderes Beispiel war etwa, dass Walter Hörmann (Sportdirektor, Anm.) das Bedürfnis gehabt hat, sich mit seinem Konzept an uns zu wenden, damit wir im Bilde sind.
Lang: Ein Boulevardjournalist würde schreiben: »Sturmfans bestimmen die Transfers«. Das ist aber überhaupt nicht so. Walter Hörmann setzt sich nur mit uns hin und präsentiert sein Konzept und fragt uns generell, was wir davon halten und ob wir diesen Weg mitgehen können.
Mit Alexander Stangl sitzt ein Vertreter der Kurve im Vorstand. Kann er auf Augenhöhe mit den anderen reden? Hat er was zu sagen?
Lang: Er war vor allem in der Vorbereitung auf den Zwangsausgleich und die neue Saison tätig, beispielsweise als es um die Dressengestaltung gegangen ist. Er ist definitv auf Augenhöhe mit den anderen.
Parfi: Er hat sicher mehr Dinge gemacht, als er offiziell hätte machen müssen,
und er sitzt sicher nicht nur als Fanvertreter da drinnen, sondern hat auch Aufgabenbereiche, die er selbständig erledigt. Er ist sowohl von uns nominiert worden als auch da hineingewachsen. Er ist einer der ersten Stunde und verkörpert unsere Interessen. Wir arbeiten mit der neuen Klubführung nicht erst zusammen, seit sie den Verein übernommen hat. Die Kontakte sind schon vor Jahren im Hintergrund entstanden.
Wie schaut eure Kurzbeschreibung der Entwicklung von der Totalopposition
in der Ära Kartnig zur jetzigen Lage aus?
Parfi: Wer uns kennt, weiß, dass wir die Letzten sind, die reine Frontalopposition betreiben. Wir haben am Anfang versucht, mit dem Kartnig zu reden, auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen und Lösungsvorschläge zu bringen. Wir haben ein mehrseitiges Konzept zur Erweiterung der Fansektoren präsentiert. Das ist aber auf taube Ohren gestoßen, weil Kartnig uns immer als jemanden gesehen hat, der ihn angreift. Und das war ja im Endeffekt auch so, weil Sturm unter seiner Führung immer näher dem Abgrund entgegen geschlittert ist. Wir haben versucht, den Verein weiter zu bringen. Die Totalopposition ist nur daraus resultiert, dass beim Verein alle dicht gemacht haben und man uns massiv angegriffen hat.
Wenn nichts mehr geht, wird der Fan wichtig. Haben Fanvereine wie die Salzburger oder Wimbledon eine Zukunft?
Lang: Offensichtlich nicht. Zumindest nicht im großen Fußballgeschäft. Man muss zur Kenntnis nehmen, dass ein reiner Fanverein Ideale vertritt, die mit Geldgebern einfach nicht vereinbar sind. Fanvereine können im Fußballbusiness nicht bestehen. Das ist der radikale Blick. Aber, und da sind wir wieder bei uns angelangt oder bei Rapid, wenn man bei der Aufbauarbeit Kompromisse eingeht und das Endziel nicht aus den Augen verliert, ist es möglich, dass man Mitgliederinteressen in einem Verein unterbringt, obwohl er von einem Geldgeber abhängig ist. Mitgliedervereine dürften es aufgrund ihrer Extremposition schwer haben. Das zeigt die Erfahrung. Ohne dass ich deren Bilanzen kenne.
Man könnte sagen: Eine gute Fankurve wirkt wie ein Sicherheitsgurt, weil man nur mit diesem Multiplikator einen größeren Aufschrei produzieren kann. Sehr ihr das auch so?
Parfi: Ich muss da immer an einen Spruch des ehemaligen Chefs der Ultras Marseille denken, der seine Gruppe als die »Wächter des Vereins« definiert hat. Auf alle Fälle ist es wichtig, dass eine Fankurve darauf schaut, dass die Dinge nicht komplett aus dem Ruder laufen. Aber ich finde es ist auch wichtig, nicht nur zu kontrollieren, sondern den Verein auch in gewissen Punkten weiterzubringen und mitzuarbeiten. Wir sollten uns nicht ins Tagesgeschäft einmischen oder in sportliche Belange, aber es gibt viele Bereiche, wo wir unser Knowhow einbringen können.
Werdet ihr, wenn ihr euch eine gewisse Machtposition im Verein erobert habt, eure Kritik ein bisschen zurücknehmen?
Lang: Es gibt bei uns Leute, die sind bereits zufrieden. Dann gibt es Leute wie mich, die sind nie zufrieden. Ich finde immer ein Haar in der Suppe. Ich sehe immer wieder Baustellen, und wir sind noch lange nicht dort angekommen, wo wir hinwollen.
Das Gespräch führte Martin Schreiner