Eine Bloggertragödie

29. Februar 2008, 21:10
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Nur um die Ausforschung des Dichand-Doubles nicht unnötig zu er- schweren, ist es mir ein Anliegen festzustellen: Ich bin's nicht!

Das kommt davon, wenn er nicht auf mich hört. Wäre er unter dem von mir vorgeschlagenen Künstlernamen "togger-blogger" in die weite Welt des Internet hinausgegangen, wäre ihm erspart geblieben, worüber er sich gestern, auf sein Printmedium zurückgreifend, beklagen musste. Aber nein, im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit konnte Hans Dichand, leider als solcher, der Versuchung nicht länger widerstehen, der Welt auch elektronischen Einblick in seine Gedankenwelt aufzudrängen - vielleicht ein altersbedingter Anfall von Horror Vacui -, und sei es nur, um jeden Verdacht des Publikums zu zerstreuen, die im "Falter" verheißene Pensionswelle in der "Krone" könnte neben solchen Intellektuellen wie Gnam und Kindermann auch ihn hinwegschwemmen.

Also sah er sich genötigt, auf Seite 2 einen zweispaltigen, gelb unterlegten Kasten einzurücken: Liebe Leser! Jener unbekannte Blogger, der unter meinem Namen im Internet schreibt, hat seine Beiträge etwas verändert und bringt auch das Foto von mir nicht mehr. Wir werden diesen Fälscher sicher bald ausforschen. In meinem Blog geht es heute um die Parlamentswahlen in Russland und um Putins künftige Rolle. Hans Dichand.

Nur um die Ausforschung dieses Dichand-Doubles nicht unnötig zu erschweren, ist es mir ein Anliegen festzustellen: Ich bin's nicht! Wie so oft, wenn das Original seiner Umwelt schreibend vermitteln will, was in seinem Kopf vorgeht, blieb auch in diesem Fall das Ergebnis dunkel. Wieso wirft er jemandem, der die intellektuelle Last auf sich nimmt, als Hans Dichand vor die bloggende Gemeinde zu treten, vor, er habe seine Beträge etwas verändert?

Eigene Beiträge zu verändern sollte doch Bloggern nicht verboten sein, egal, unter welchem Namen sie auftreten. Und ob sich die diskrete Usurpation des Autorennamens nachteilig auf die Erwartungen auswirkt, die sich das Publikum von den Beiträgen des Originals macht, müsste erst noch bewiesen werden. Vielleicht ist da so etwas wie pädagogischer Eros am Werk. Oder doch nur jemand, der als Dichands Hausverstand unauffällig an der Verdeutlichung seiner Ideen mitwirken wollte?

Nichts als gekränkte Eitelkeit lässt sich hinter der Beschwerde vermuten, der Imitator bringt auch das Foto von mir nicht mehr. Empört sich Dichand, der echte, nun darüber, dass jemand sein Foto brachte - oder dass er es nicht mehr bringt? Wer sich so gern abgebildet sieht, dass er selber sein Konterfei ins Internet stellt, sollte es gelassen nehmen, wenn sich ein anderer an dieser Aktion beteiligt. Aber jemanden gleich einen Fälscher zu nennen, nur weil er die Verbreitung des Porträts einstellt, erscheint übertrieben.

Harren wir also dessen Ausforschung. Die könnte sich hinziehen, war der gelbe Kasten vom Montag doch schon der zweite, schrillere Alarm des verdoppelten Hans Dichand. Schon einen Tag zuvor hatte er die "Krone"-Leser um ihre verdiente Sonntagsruhe gebracht: Liebe Leser! Kaum habe ich im Internet als Blogger bei krone.at begonnen, taucht plötzlich ein Unbekannter auf, der sich auch Hans Dichand nennt und mit einem Foto von mir im Internet erscheint. Ich werde natürlich sofort versuchen, diesen Fälscher zu überführen. Hans Dichand.

Ein Blogger, der nebenbei noch Herausgeber einer Zeitung ist, hat dem Rest der bloggenden Kommune einen Heimvorteil voraus: Er kann täglich abdrucken, worüber er bloggen wird oder auch gebloggt hat, und so einen Fälscher wenn schon nicht entlarven, so doch auf dessen paradoxe Intervention als anonymer Herostrat aufmerksam machen. Er kann also, wie etwa am Montag, schreiben: In meinem Blog geht es heute um die Parlamentswahlen in Russland und um Putins zukünftige Rolle.

Für den Fälscher stellt das einerseits eine indirekte Werbung dar, weil damit das Interesse an der bloggenden Konkurrenz geweckt wird, andererseits eine gewisse, wenn auch nicht allzu große Herausforderung, mit seinem originären Doppelgänger intellektuell so weit zu verschmelzen, dass er ahnt, worüber dieser am nächsten Tag bloggen könnte. Das ist freilich nicht jedermanns Sache. Vielleicht sehnt er sich schon danach, Dichands Versprechen, er werde natürlich sofort versuchen, diesen Fälscher zu überführen, möge rasch über das Versuchsstadium hinausgelangen und ihn von der selbst auferlegten Rolle befreien.

Was von Dichands Versprechen zu halten ist, steht im selben Blatt. Man werde den EU-Reformvertrag abdrucken, um den Verrat der Politiker am Volk zu enthüllen, hieß es. Was nun in Fortsetzungen gedruckt wird, ist nicht der Vertrag, sondern die prolongierte "Krone"-Kampagne mit Leserbriefen, zusätzlich gezeichnet von einem Redakteur, der seine hellseherischen Fähigkeiten bisher mehr im Lokalteil erprobte. Einer von denen, die genau wissen, dass Julius V. und Ehefrau seelenruhig schlummerten, als die Tresorknacker - Villenmarder! - zuschlugen. Und auch: Angesichts des prall gefüllten Stahlschrankes müssen sich die Verbrecher wie Piraten auf einer Schatzinsel gefühlt haben. Oder wie eben die EU in Österreich. (Günter Traxler/DER STANDARD; Printausgabe, 4.12..2007)

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