Auschwitz als "Standortvorteil"

Redaktion, 1. Dezember 2007, 18:30
  • Artikelbild
    foto: ap photo/markus schreiber

Eine sozialwissenschaftliche Diplomarbeit über den Zusammenhang von deutscher Vergangenheits-
bewältigung mit antiamerikanischen Diskursen

Antiamerikanische Ressentiments haben im "alten Europa" (Hegel) im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen eine lange Tradition. Die USA werden als Quelle aller möglichen und unmöglichen Übel identifiziert. Wurde der Antiamerikanismus während des Kalten Krieges meist vom Antikommunismus überlagert, so ist seit 1989 ein Wiederaufleben dieser deutsch-europäischen Ideologie festzustellen.

Bedingung für die Konstruktion nationaler Identität ist die Schaffung gemeinsamer Feindbilder. Im Fall der neuen kollektiven Identität des wiedervereinigten Deutschlands lässt sich "Amerika" als ein zentrales Feindbild ausmachen. Bernhard Forchtner zeigt in seiner Diplomarbeit, dass die neuere Geschichte des deutschen Antiamerikanismus mit der Form deutscher Vergangenheitsbewältigung in Verbindung steht. Für seine begriffliche und diskursanalytische Annäherung an diese Problematik dient dem Autor die Figur des Bußrichters aus Albert Camus' Roman "Der Fall" als Folie.

Schuldbekenntnis als Kapital

Das öffentliche und demonstrative Eingeständnis von Schuld des Bußrichters ist weniger reflektierte Selbstkritik als vielmehr moralisches Kapital, das die Selbsterhöhung über andere ermöglicht. Die (Nicht-)Auseinandersetzung mit den Verbrechen, insbesondere dem Holocaust, in den postnationalsozialistischen Gesellschaften hat seit 1945 verschiedene Transformationen erfahren. Forchtner setzt die "Aufarbeitung" der Vergangenheit in den Kontext der Konstruktion kollektiver (bundes-)deutscher Identität nach 1945 und zeigt die verschiedenen Formen von Vergangenheitsbewältigung bis in die Gegenwart auf. Standen in den ersten Jahren bzw. Jahrzehnten nach 1945 vor allem Beschweigen und Verharmlosen im Zentrum des gesellschaftlichen Diskurses, so steht seit den 1960er-Jahren eine vermehrte öffentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der BRD, die schließlich in einer "Routinisierung des Tätertraumas" endet.

Das moralische Kapital des Bußrichters

Diese Anerkennung eigener Schuld führt jedoch nur in den wenigsten Fällen zu einer selbstkritischen Reflexion, sondern diene, so Forchtner, unter anderem einer Legitimation eines neuen "progressiven Patriotismus". Auschwitz wird zwar als deutsches Verbrechen betrachtet, allerdings gleichzeitig durch den Hinweis auf die "erfolgreiche" Vergangenheitsbewältigung der neuen wiedervereinigten Republik zum ideologischen Argument für die Legitimation zur moralischen Instanz. Camus' Bußrichter bringt das wie folgt auf den Punkt: "Nachdem ich lange und unermüdlich in meinem Gedächtnis geforscht hatte, erkannte ich schließlich, dass die Bescheidenheit mir half, zu glänzen, die Demut, zu siegen, und die Tugend, zu unterdrücken."

Diese Tendenz zur Bußrichter-Attitüde im deutschen öffentlichen Diskurs stellt insofern eine innovative Form von Vergangenheitsbewältigung dar, da sie den "Dualismus von Leugnung oder Verdrängung gegenüber konsequenter Selbstkritik" auflöst. Das "Wunder" dieser neuen Form von Vergangenheitsbewältigung besteht nicht darin, durch Beschweigen, sondern durch offensive, aber dennoch nicht weniger ideologische Auseinandersetzung aus der Vergangenheit politisches Kapital zu schlagen. Deutschland habe, so die herrschende Meinung im öffentlichen Diskurs, von Auschwitz gelernt, und müsse nun als moralische Instanz "die Anderen" kritisieren. Der erste globale Auftritt als Bußrichter ist der Jugoslawienkonflikt, in dem Deutschland nicht trotz, sondern, ideologisch unterfüttert, gerade wegen der eigenen "Verantwortung vor der Vergangenheit" das erste Mal seit 1945 wieder in den Krieg zieht.

"Die neuen Täter": Amerika als innerwestliche Antithese

Notwendige Bedingung der Konstruktion einer neuen, betont unbeschwerten kollektiven Identität sind neben dem "Wir" "die Anderen". Der Autor untersucht die vergangenheitspolitische Transformation am Beispiel des antiamerikanischen Diskurses in Deutschland seit der Wiedervereinigung vor dem Hintergrund des Irakkonfliktes 2003 anhand der diskurstheoretischen Analyse und Interpretation ausgewählter Artikel und Reden deutscher Politiker und Intellektueller. Abseits legitimer Kritik an der amerikanischen Irak-Politik werde, so die Conclusio Forchtners, mit dem offensiven Verweis auf das deutsche "Wunder der Vergangenheitsbewältigung" ein positives Selbstbild mit gleichzeitiger negativer Fremdbeschreibung konstruiert. Dies sei nicht mit kritischer Aufarbeitung der Vergangenheit zu verwechseln, sondern als ressentimenthafter Diskurs zu benennen, der nicht zuletzt politischen Machtinteressen dient.

Bernhard Forchtner hat mit seiner Diplomarbeit eine kritische Auseinandersetzung mit dieser neuen Form von Vergangenheitspolitik, die sich neben herkömmlichen Formen der Schuldabwehr etabliert hat, geschrieben und diese als ideologisch entlarvt.

Die Arbeit "Zur Diskursiven Konstruktion deutscher Bußrichter. Eine Untersuchung der Wahlverwandtschaft deutscher Holocaust-Narration und antiamerikanischer Disposition nach 1989" (Bernhard Forchtner, 2007) ist im Volltext nachzulesen.

Der Autor
Bernhard Forchtner (Jg. 1980, Diplomsozialwissenschaftler) studierte von 2002 bis 2007 Soziologie und Politikwissenschaft in Berlin. Seit Oktober 2007 ist er Doktorand an der University of Lancaster/UK.

Der Rezensent
Matthias Falter lebt und arbeitet als Politikwissenschafter in Wien.

Logo: textfeld

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 60
1 2
Hugin & Munin
00
22.1.2008, 22:56
Kurzfassung der Diplomabeit:

Aus der Not eine Tugend machen.

Und daß der materielle Unterbau eines sich aus wirtschaftlichen Gründen vereinigenden EUropa eine gemeinsame EUropäische Ideologie fordert und dazu die ursprünglichen politischen Gründe wieder aufgreift, wen wundert das?
Und Zusammengehörigkeitsgefühle fordern Abgrenzung.
Nur bei den Gründen für das deutsche Jugoslawien-Engagement stimme ich nicht zu. Die Gründe waren keineswegs EUropäisch sondern sehr deutsch. (Streit mit GB, das YU erhalten wollte, um D weiterhin auszuschließen)
Deutsche Gründe aus einer Zeit, noch bevor De Gaulle die US-Truppen aus Frankreich hinauswarf.

Die meisten der wichtigen Dinge sind einfach zu erklären, wenn man versucht, sie zu verstehen.
Mir gfallts.

Christian S
00
13.12.2007, 20:40

Bei dieser Diplomarbeit handelt es sich um den gelungenen Versuch, die üblichen Vorurteile über Sozialwissenschafter und der Relevanz ihrer Arbeiten eindrucksvoll zu bestätigen.
Gratulation!

RS69
 
00
13.12.2007, 22:00

Na, dann verlinken Sie doch mal auf Ihre Diplomarbeit, damit wir einen Vergleich haben.

Christian S
00
13.12.2007, 22:26

Die Bedeutung meiner Diplomarbeit klar erkennend, würde ich erst gar nicht auf die Idee kommen, diese im Standard öffentlich zu machen.

Für soviel Mut sollte man den Ex-Diplomanden mit einem Reisestipendium belohnen, damit er sich mit seinem israelischen Fachkollegen treffen kann, über den es umlängst ebenfalls einen guten Standard-Artikel gab. Leider habe ich jetzt den Namen vergessen; ich meine diesen Sozialwissenschafter, der herausgefunden hat, dass Israel keiner militärischen Bedrohung ausgesetzt ist.

Die Beiden hätten sich bestimmt viel zu erzählen.

RS69
 
00
14.12.2007, 10:02

Na dann widersprech ich nicht mehr. ;-)

plau graut
 
00
11.12.2007, 20:59
bitte wo?

Wo kann man SPENDEN für
Meikel?

habe selten so gelacht.

Ravi Ravendro
00
7.12.2007, 13:40
Interessante Theorie

zur "neuen Form von Vergangenheitspolitik, die sich neben herkömmlichen Formen der Schuldabwehr etabliert hat". Klingt einleuchtend und erklärt das Paradoxon oftmaliger Wiederholung veralteter Argumentation in der heutigen Politik und Gesellschaft, bei gleichzeitiger überschwenglicher "Selbstanklage". Dass es aber auch "legitime Kritik an der amerikanischen Irak-Politik" gibt, gesteht Forchtner ein, wird aber in diesem Bericht nicht besonders betont. Hat das mit dem Artikel zu tun, oder mit Forchtners Arbeit?

Igor Gassner
22
4.12.2007, 14:49
Bitte könntet ihr die Artikel

wenigstens ein wenig umschreiben wenn ihr sie vom thornbee Institut für Pyschologische Kriegsführung übernehmt das ganze ist ja so ein offensichtlicher Schmonzes das man es gar nicht kommentieren braucht.

Artischocke
 
12
3.12.2007, 16:44

Wenn Auschwitz der Grund ist, dann dürfte es ja nur in Deutschland "Antiamerikanismus" geben. Wie erklärt sich der Autor dann den "Antiamerikanismus" in anderen Ländern? Oder vielleicht gibt es diesen "Antiamerikanismus" gar nicht und es hat veilleicht doch etwas mit der Politik der USA zu tun?

solandre
 
00
22.1.2008, 06:17

dieses argument kann man bringen, es ist aber wenig tiefsinnig, finden sie nicht selbst?

Klaus Santa
00
3.12.2007, 12:27
Stereotype gibts dies- und jenseits des Atlantiks.

Das ist weder neu noch kommt es überraschend. Auf beiden Seiten kann aber, je nach Wahl der Zeit Öl oder Sand in die Flammen gießen. Derzeit wird von den USA durch das internationale Verhalten Öl hineingegossen. Dieser Ansatz geht mir unter anderem in der Diplomarbeit ab. Manchmal kommt es darauf an, genauer zu betrachten, was keine Beachtung findet.

Wilhelm Pimpovich
03
3.12.2007, 10:49
Ich verstehe mich als eingefleischten Demokraten

und schärftsten Gegner aller diktatorischen und faschistischen Ideologien. Schon, aber nicht alleine aus diesem Grund verurteile ich alle Diktaturen des 20.Jahrhunderts, von Italien, Spanien, Russland bis Deutschland usw. auf das Heftigste. Und genau aus jenem Grund bin ich heute ein Gegner der US-Politik: Sie predigt Wasser und trinkt Wein, will heißen, sie legt an andere Länder Maßstäbe an, die für sie selbst nicht gelten dürfen und tritt die Grundwerte der Demokratie mit Füßen. Wenn der Bösewicht böses tut, so ist es zwar nicht gut, aber er ist nuneinmal der Bösewicht. Wenn der Gute böses tut und meint er sei das Maß aller Dinge, dann ist das offensichtlich und wird von den Zusehern genauso verurteilt.

Major Lee
 
00
3.12.2007, 10:15
Wie schafft der Mann...

... daß seine Diplomarbeit auszugsweise im Std veröffentlicht wird?
Dieses Land ist wahrhaft "DIE" Bananenrepublik schlechthin! Entweder man liebt sie oder man haßt sie.

die rote baronin
01
2.12.2007, 18:32

Ich denke, dass das was hier beschrieben wird nun wirklich nichts neues ist. Wenn man die Vergangenheit des eigenen Landes aufarbeitet, ist es natürlich leichter über andere zu richten, da es keinen Vorwurf alla "kehrt´s vorher vor der eigenen Haustür" riskieren muss. Aber dies ist nicht der einzige Grund für den deutschen Antiamerikanismus. Auch in anderen europäischen Ländern (bzw. weltwiet) herrscht eine solche Stimmung. Da gibt es noch massenhaft andere Gründe.

good old europe
14
2.12.2007, 13:42

Ich habe die Aussagen zum Krieg im Irak relativ genau verfolgt aber an Verweise zu "Wunder der Vergangenheitsbewältigung" kann ich mich nicht erinnern. So eine Aussage wäre ja auch ein so schwaches Argument, dass man es als "offensichtlicher Schwachsinn" abhaken könnte.
Vielleicht schreibt mal jemand eine Dipl oder Diss zum Thema: "Sind die USA heute das Gegenteil der USA von 1940"? Ich meine, man betrachte, wie viel sich sonst im Zeitraum von 70 Jahren tut! Wo war Österreich 1938 und wo war es 70 Jahre zuvor? Was kann in 70 Jahren alles passieren? Was haben die USA heute noch mit den USA vor 70 Jahren gemeinsam? Vielleicht eine Verfassung, die seit jeher ignoriert wird?

NiccoloMachiavelli
 
01
3.12.2007, 10:12
""Sind die USA heute das Gegenteil der USA von 1940"?

In der Tat, das wäre wirklich ein sehr interessantes Thema zu diskutieren und zu erforschen. Das Ergebnis wäre höchst interessant. Würden die USA von 1940 die USA von jetzt als totalitären Staat sehen?

schwejk
00
3.12.2007, 04:05
"Sind die USA heute das Gegenteil der USA von 1940"?

Viele US-Amerikaner neigen zu dieser Ansicht.

Arminius
01
2.12.2007, 15:10

"Österreichs Tschadeinsatz im Lichte der Erfindung des Zündnadelgewehrs und der damit einhergehenden Vernichtung der österreichischen Armee bei Königgrätz unter besonderer Berücksichtigung des durch Bertha von Suttners Ideen induzierten Verlierertraumas Deutschösterreichs."

Wäre das nichts?

emanze c
00

Wow, Sie haben meinen Tag erhellt! Genialer Titel :D

Bertel Mann
02
2.12.2007, 13:18
Schöne Idee

Dadurch, dass ich dem anderen bestimmte Motive unterstelle (Selbsterhöhung durch vorgebliche Selbsterniedrigung), brauche ich mich nicht mehr mit seiner Kritik auseinandersetzen.
Besonders schön daran: diejenigen, denen ich diese Motive unterstelle, können niemals das Gegenteil beweisen.

NiccoloMachiavelli
 
00
3.12.2007, 10:15

man kann auch überspitzt das ganze so zusammenfassen:
Kritik an den USA, die mit dem Schlagwort (eigentlich Unwort) "Antiamerikanismus" gleich einmal herabgestellt wird, wird schlussendlich mit der Faschismuskeule erschlagen ....

Thomas Gummibaer
11
2.12.2007, 12:09
Dear Autor beklagt sich ueber Unbelibheit der VSA

die er zur Ideologie hochstilisiert?
Da weint er am falschen Grab, er sollte sich eher mit den Amerikanern auseinnander setzen, anstat die Welt fuer die amerikanische Unbeliebtheit schuldig zu strechen.

Bertel Mann
00
2.12.2007, 16:21
http://www.sueddeutsche.de/,tt3m1/au... 28/145991/

Vielleicht sind es eher Meldungen wie diese, die Kritik an den USA hervorrufen.
Man kann sich dieser Kritik durch Unterstellungen allerdings sehr angenehm entziehen...

_ silurus
13
2.12.2007, 11:13
Ewige Erbschuld für Deutschland?

Vergangenheitsbewältigung ist enorm wichtig(und in Österreich eher ein Problem - Stichwort erstes Opfer) -Aber gerade Deutschland betreibt seit langem eine absolut übertriebene Selbstgeißelung nach außen und lässt keine Gelegenheit aus auf seine immerwährende Schuld hinzuweisen...die ewigen Buhmänner Europas.
Dass dies den jüngeren Generationen schön langsam aufstößt, wundert mich nicht...die Reaktionen auf Amerika in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts mit den heutigen zu vergleichen, halte ich für absolut unseriös, da die Beweggründe ungleich andere sind.

Pefo
40
3.12.2007, 08:39

Nun, silurus,

die Schuld von Deutschland und Österreich an dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte bleibt natürlich bestehen.

Niemand aber verlangt, daß sich die heutige Jugend schuldig fühlt.
Entgegen Ihrer Behauptung stößt manches nicht aber erst der jetzigen Generation auf.

Das Unbehagen und die Demonstrationen gegen den Indochina-Krieg (Vietnam) haben Sie aber vielleicht absichtlich verdrängt, da sie von der sog. 68-er-Generation geprägt waren, die keineswegs die Schuld von D+Ö am 2.Weltkrieg abstreiten wollte.

Übrigens sollte man nicht die "Jugend" verallgemeinen.
Fast kein Jugendlicher, den ich kenne, hat Probleme mit den Eingeständnissen der deutschen Politiker.
Sie, silurus, kennen eben die andere Jugend.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 60
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.