Eine sozialwissenschaftliche Diplomarbeit über den Zusammenhang von deutscher Vergangenheits-
bewältigung mit antiamerikanischen Diskursen
Antiamerikanische Ressentiments haben im "alten Europa" (Hegel) im Allgemeinen und in Deutschland im Besonderen eine lange Tradition. Die USA werden als Quelle aller möglichen und unmöglichen Übel identifiziert. Wurde der Antiamerikanismus während des Kalten Krieges meist vom Antikommunismus überlagert, so ist seit 1989 ein Wiederaufleben dieser deutsch-europäischen Ideologie festzustellen.
Bedingung für die Konstruktion nationaler Identität ist die Schaffung gemeinsamer Feindbilder. Im Fall der neuen kollektiven Identität des wiedervereinigten Deutschlands lässt sich "Amerika" als ein zentrales Feindbild ausmachen. Bernhard Forchtner zeigt in seiner Diplomarbeit, dass die neuere Geschichte des deutschen Antiamerikanismus mit der Form deutscher Vergangenheitsbewältigung in Verbindung steht. Für seine begriffliche und diskursanalytische Annäherung an diese Problematik dient dem Autor die Figur des Bußrichters aus Albert Camus' Roman "Der Fall" als Folie.
Schuldbekenntnis als Kapital
Das öffentliche und demonstrative Eingeständnis von Schuld des Bußrichters ist weniger reflektierte Selbstkritik als vielmehr moralisches Kapital, das die Selbsterhöhung über andere ermöglicht. Die (Nicht-)Auseinandersetzung mit den Verbrechen, insbesondere dem Holocaust, in den postnationalsozialistischen Gesellschaften hat seit 1945 verschiedene Transformationen erfahren. Forchtner setzt die "Aufarbeitung" der Vergangenheit in den Kontext der Konstruktion kollektiver (bundes-)deutscher Identität nach 1945 und zeigt die verschiedenen Formen von Vergangenheitsbewältigung bis in die Gegenwart auf. Standen in den ersten Jahren bzw. Jahrzehnten nach 1945 vor allem Beschweigen und Verharmlosen im Zentrum des gesellschaftlichen Diskurses, so steht seit den 1960er-Jahren eine vermehrte öffentliche Auseinandersetzung mit dem Holocaust in der BRD, die schließlich in einer "Routinisierung des Tätertraumas" endet.
Das moralische Kapital des Bußrichters
Diese Anerkennung eigener Schuld führt jedoch nur in den wenigsten Fällen zu einer selbstkritischen Reflexion, sondern diene, so Forchtner, unter anderem einer Legitimation eines neuen "progressiven Patriotismus". Auschwitz wird zwar als deutsches Verbrechen betrachtet, allerdings gleichzeitig durch den Hinweis auf die "erfolgreiche" Vergangenheitsbewältigung der neuen wiedervereinigten Republik zum ideologischen Argument für die Legitimation zur moralischen Instanz. Camus' Bußrichter bringt das wie folgt auf den Punkt: "Nachdem ich lange und unermüdlich in meinem Gedächtnis geforscht hatte, erkannte ich schließlich, dass die Bescheidenheit mir half, zu glänzen, die Demut, zu siegen, und die Tugend, zu unterdrücken."
Diese Tendenz zur Bußrichter-Attitüde im deutschen öffentlichen Diskurs stellt insofern eine innovative Form von Vergangenheitsbewältigung dar, da sie den "Dualismus von Leugnung oder Verdrängung gegenüber konsequenter Selbstkritik" auflöst. Das "Wunder" dieser neuen Form von Vergangenheitsbewältigung besteht nicht darin, durch Beschweigen, sondern durch offensive, aber dennoch nicht weniger ideologische Auseinandersetzung aus der Vergangenheit politisches Kapital zu schlagen. Deutschland habe, so die herrschende Meinung im öffentlichen Diskurs, von Auschwitz gelernt, und müsse nun als moralische Instanz "die Anderen" kritisieren. Der erste globale Auftritt als Bußrichter ist der Jugoslawienkonflikt, in dem Deutschland nicht trotz, sondern, ideologisch unterfüttert, gerade wegen der eigenen "Verantwortung vor der Vergangenheit" das erste Mal seit 1945 wieder in den Krieg zieht.
"Die neuen Täter": Amerika als innerwestliche Antithese
Notwendige Bedingung der Konstruktion einer neuen, betont unbeschwerten kollektiven Identität sind neben dem "Wir" "die Anderen". Der Autor untersucht die vergangenheitspolitische Transformation am Beispiel des antiamerikanischen Diskurses in Deutschland seit der Wiedervereinigung vor dem Hintergrund des Irakkonfliktes 2003 anhand der diskurstheoretischen Analyse und Interpretation ausgewählter Artikel und Reden deutscher Politiker und Intellektueller. Abseits legitimer Kritik an der amerikanischen Irak-Politik werde, so die Conclusio Forchtners, mit dem offensiven Verweis auf das deutsche "Wunder der Vergangenheitsbewältigung" ein positives Selbstbild mit gleichzeitiger negativer Fremdbeschreibung konstruiert. Dies sei nicht mit kritischer Aufarbeitung der Vergangenheit zu verwechseln, sondern als ressentimenthafter Diskurs zu benennen, der nicht zuletzt politischen Machtinteressen dient.
Bernhard Forchtner hat mit seiner Diplomarbeit eine kritische Auseinandersetzung mit dieser neuen Form von Vergangenheitspolitik, die sich neben herkömmlichen Formen der Schuldabwehr etabliert hat, geschrieben und diese als ideologisch entlarvt.
Die Arbeit "Zur Diskursiven Konstruktion deutscher Bußrichter. Eine Untersuchung der Wahlverwandtschaft deutscher Holocaust-Narration und antiamerikanischer Disposition nach 1989" (Bernhard Forchtner, 2007) ist im Volltext nachzulesen.
Der AutorBernhard Forchtner (Jg. 1980, Diplomsozialwissenschaftler) studierte von 2002 bis 2007 Soziologie und Politikwissenschaft in Berlin. Seit Oktober 2007 ist er Doktorand an der University of Lancaster/UK.
Der RezensentMatthias Falter lebt und arbeitet als Politikwissenschafter in Wien.