Finanzkrise schwappt über

2. Jänner 2008, 17:21
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In einigen Reformstaaten Ost- und Südosteuropas wirkte sich die Kreditverknappung bereits negativ aus

Vor allem auf dem Balkan und im Baltikum steigen die Risikoprämien für Kredite. Der Konsum und die Exporte könnten darunter leiden, der Aufschwung könnte ins Stocken geraten.

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Wien - Die seit Monaten zu vernehmenden Warnsignale internationaler Institutionen, die auf steigende Ungleichgewichte in Ost- und Südosteuropa hinweisen, scheinen berechtigt gewesen zu sein. In den letzten Wochen haben die Schockwellen der internationalen Finanzkrise mehrere Länder der Region erfasst.

Augenscheinlichstes Zeichen der Ansteckung ist die Zurückhaltung bei der Kreditvergabe aus Angst vor Zahlungsunfähigkeit. Dieses Risiko lässt sich am besten an den Prämien messen, mit denen man sich gegen Kreditausfälle versichern kann. Die Aufschläge sind in Rumänien und Bulgarien seit Jahresmitte um rund 50 und im Baltikum um 75 Basispunkte gestiegen, berichtet Unicredit-Osteuropa-Analyst Simon Quijano-Evans. Ähnliche Probleme, wenngleich in geringerem Ausmaß, wurden in Serbien und Kroatien beobachtet.

Hauptproblem dieser Länder sind die hohe Auslandsverschuldung und die teilweise riesigen Leistungsbilanzdefizite (siehe Grafik und unten stehendes Interview). Quijano-Evans: "Die Entwicklung geht in die falsche Richtung", die Kreditkrise stelle zusehends ein Problem für die betroffenen Länder dar. Ähnlich lautet der Befund der Weltbank: Sie spricht in einem vor kurzem veröffentlichten Bericht vom "Risiko, dass sich die Finanzkrise vertieft und die Außenfinanzierung dann möglicherweise dauerhaft schrumpft". Auch hier wären die Folgen für Staaten mit hohen Leistungsbilanzdefiziten am schmerzhaftesten.

Konsum auf Pump

Die Situation gilt auch deshalb als ernst, weil der Konsum-Aufschwung in Ost- und Südosteuropa zusehends auf Pump finanziert wird. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat bereits im Oktober davor gewarnt, dass ein Platzen der Kreditblase die Realwirtschaft gefährden könnte. Anzeichen dafür gibt es vor allem am Häusermarkt, wo der Höhepunkt bereits überschritten sein dürfte - beispielsweise im Baltikum und in Rumänien. Sinkende Häuserpreise wiederum gefährden die Besicherung von Hypothekarkrediten und können zu Ausfällen bei den Banken führen - die US-Immobilienkrise hat dies hinlänglich gezeigt.

Nicht gerade aufbauend für die Region ist die Konjunkturabschwächung in Westeuropa, die Exporte aus dem Osten und Südosten beeinträchtigen dürften, wie Quijano-Evans meint. Zudem leiden einzelne Staaten unter den fixen Wechselkursen, die zu einem Inflationsschub im Inland führen und dadurch die Ausfuhren verteuern. "Das drückt auf die Wettbewerbsfähigkeit", meint der Experte. Die rumänische Währung, die nicht an den Euro gekoppelt ist, ist hingegen seit Mitte Juni um zwölf Prozent abgestürzt.

Für die heimischen Banken mit ihrer starken Ost-Präsenz sind das schlechte Nachrichten. Der Währungsfonds prüft gerade das Risiko des Engagements in der Region. (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2.12.2007)

  • Infografik: Hohe Leistugnsbilanzdefizite in Osteuropa
    grafik: standard

    Infografik: Hohe Leistugnsbilanzdefizite in Osteuropa

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