Der Brennstoff, der aus der Kälte kommt

2. Jänner 2008, 16:58
6 Postings

In Sibirien wird nördlich des Polarkreises nach neuen Gasvorkommen gebohrt. Von weiter südlich fließt bereits Gas nach Österreich - Reportage

"Sa was, sa nas, sa gas" – "Auf euch, auf uns, aufs Gas." So lautet der traditionelle Trinkspruch der "Gasowiki", der mehr als 400.000 Beschäftigten des russischen Energieriesen Gasprom. Jewgenij Pewnew ist einer von ihnen. Ob er auch aufs Gas anstößt? "Ja, aber nicht hier." Jewgenij, mit dem Rücken zum Bohrturm stehend, zeigt um sich: Permafrost, so weit das Auge reicht. "Alkohol und Kälte, das verträgt sich nicht", sagt er.

"Hier", das ist 200 km über dem Polarkreis, eine halbe Hubschrauberstunde von Jamburg entfernt, der Stadt am Ende der Welt. Jewgenij ist seit Sommer hier. Für ihn, den Leiter eines mehr als 40-köpfigen Explorationsteams, sind der Bohrturm und die Wohncontainer zur zweiten Heimat geworden. Die erste Heimat ist Samara, die Stadt an der Wolga. Dort hat der knapp 50-Jährige Frau und Kinder, dorthin fliegt er alle 15 Tage.

"Zwei Wochen wird hart gearbeitet, dann gibt es zwei Wochen Freizeit – und Wodka", sagt Jewgenij. Die Arbeit macht dann ein anderer Trupp. Zeit ist Geld, der Bohrmeißel schafft 20 Zentimeter in der Stunde und dreht sich Tag und Nacht tiefer in den eisgefrorenen Boden. Bis auf 4020 Meter will man kommen. Dort wird Gas vermutet, eingepresst in die Poren von Sandstein. 3900 Meter hat man erreicht. "Das Gas", meint Jewgenij, "wird dann auch nach Österreich strömen."

Privilegierte Schicht

Man sieht den Leuten den Stolz an, "Gasowiki" zu sein, Angehörige einer elitären, privilegierten Schicht, die mehr als die Hälfte von Russlands Devisen erwirtschaftet. Aus gut 1000 Bohrlöchern holen sie in der Region Jamburg jährlich rund 225 Mrd. m3 Erdgas aus dem Boden – etwa 25-mal mehr wie in Österreich pro Jahr verbraucht wird.

Mit Hochdruck wird das geruch- und farblose Gas dann Richtung Süden gepumpt; bis es nach etwa 5000 km bei Baumgarten im Marchfeld (siehe Grafik) ankommt und die Wohnstuben in Österreich wärmt, vergeht fast eine Woche. Hauptabnehmer ist die Econgas GmbH, eine Großhandelsgesellschaft mit 50 Prozent OMV-Beteiligung. Für den typischen Gasgeruch sorgen die regionalen Verteilunternehmen, indem sie das Gas odorieren – spricht Duftstoffe beimischen.

Im Gegenzug fließen jedes Jahr rund 1,25 Mrd. Euro allein aus Österreich nach Russland. Doch die Devisenbeschaffung hat auch ihren Preis. Zwar treten in Jamburg Erfrierungen nicht häufiger auf als Verbrennungen am Äquator. Doch die Arbeit in der grimmigen Kälte sei "eine Quälerei für Leib und Seele", sagt Wladimir Mironow, verantwortlich für die Gasproduktion in der Region.

Beschwerden sind normal

Mediziner sagen, fast jeder zweite Mann leide an Prostatabeschwerden. Atemwegs-, Lungen- und Herzerkrankungen seien "normalno", wie die Russen sagen. Die ständige Dunkelheit im Winter führe außerdem zu Depressionen bis hin zu Grenzzuständen.

Zurzeit zeigt sich die Sonne keine vier Stunden am Horizont; am kürzesten Tag des Jahres, dem 23. Dezember, sind es exakt eine Stunde und 27 Minuten. Auch deshalb hängen in den Wohnblöcken überall Poster, welche die Goldstrände des Schwarzen Meeres und blühende russische Landschaften zeigen.

So ist es auch kein Wunder, dass fast jeder dritte Gasarbeiter auf diesem zivilisationsfeindlichen Außenposten in der Regel nach zwei Jahren seine Koffer für immer packt. Da helfen selbst Einrichtungen wie ein Kulturzentrum, eine Sporthalle oder eine 24 Stunden zugängliche Bibliothek wenig. Schwangeren Frauen wird darüber hinaus dringend empfohlen, die kinderlose Siedlung auf schnellstem Weg zu verlassen.

Wer wie Gulnas Kolokowa fast zehn Jahre am Rande des Polarkreises verbracht hat, entwickelt dennoch eine eigenartige Sehnsucht nach dem friedlichen Norden. Sie, die gut 2000 km südwestlich in der Hauptstadt Baschkortostans, Ufa, aufgewachsen ist und auch ihre Verwandschaft noch dort hat, ist wie magisch angezogen von Nowy Urengoi, der zweiten Gasprom-City am Polarkreis. "Wir schätzen die Verlässlichkeit hier, sehen eine Zukunft, genießen viele soziale Vorteile und erhalten gutes Geld", sagt sie.

Traum von der Datscha im Süden

Der Durchschnittslohn beträgt umgerechnet 2000 Euro brutto im Monat. Netto seien es 1750 Euro, sagt Sulfar Salikhow, Vizechef von Jamburggasdybocha, einer Tochterfirma von Gasprom. Das ist sechs- bis siebenmal mehr, als ein Durchschnittsrusse verdient. Der Großteil des Lohns seien Zulagen für die erschwerten Arbeitsbedingungen im hohen Norden, wo selbst das Aufsuchen einer Toilette gut überlegt sein will.

Gulnas träumt davon, einmal viel Geld zu haben und sich eine Datscha im Süden leisten zu können. Zuhause in der Zweizimmerwohnung ist es heiß. Zumindest das Gas kostet hier fast nichts. (Günther Strobl aus Jamburg, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 1./2.12.2007)

  • Nahe der Stadt Nowy Urengoi (im Bild eine Gassammelstelle) liegt das größte Erdgasfeld der Welt. Auch von dort kommt Gas nach Österreich.
    foto: standard/strobl

    Nahe der Stadt Nowy Urengoi (im Bild eine Gassammelstelle) liegt das größte Erdgasfeld der Welt. Auch von dort kommt Gas nach Österreich.

  • Infografik: Weg des sibirischen Gases nach Österreich
    grafik: standard

    Infografik: Weg des sibirischen Gases nach Österreich

Share if you care.