In den USA trocknen die Kreditflüsse aus

2. Jänner 2008, 14:25
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Die Kreditvergabe wird drastisch zurückgefahren, Wirtschaftsforscher erwarten deswegen für 2008 einen Rückgang des Weltwirtschaftswachstums

New York/Wien - "Der Kreditfluss an amerikanische Unternehmen trocknet in einem Ausmaß aus, wie man es seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat", schrieb die New York Times am Donnerstag. "Das bedroht die Schaffung von Jobs, die Expansionspläne der Firmen und intensiviert die Sorgen, dass die Volkswirtschaft sich in Richtung einer Rezession bewegt."

Die Ursache der Sorgen ist folgende: Die Summe der beiden wichtigsten amerikanischen Kreditformen - die Geschäfts- und Industriekredite sowie die kurzfristigen Darlehen, die als "Commercial Paper" bekannt sind - fielen von einem Höchststand von 3,3 Billionen Dollar auf 3,0 Billionen Mitte November. Dies ist ein Rückgang von fast neun Prozent. Dies sei eine deutliche Auswirkung "der Leiden der Immobilien- und Hypothekenbranche".

Große Sache

Seitens der großen Investmentbanken werden solche Nachrichten zum Anlass genommen, um von der Notenbank Federal Reserve eine neuerliche deutliche Zinssenkung zu fordern. "Das ist eine große Sache", wird etwa Andrew Tilton, ein leitender Ökonom bei Goldman Sachs zitiert, "man engt das Wachstum jener Unternehmen ein, die als verletzlich gelten. Wenn sie nichts mehr ausborgen können, werden die Optionen limitiert".

Ein "Credit Crunch" wie jetzt sei auch vor anderen Rezessionen aufgetreten, etwa Ende der 90er Jahre, nachdem der Hedgefonds Long Term Capital Management 1998 zusammen gebrochen war.

"Schreckensnachricht"

Christian Kesberg, Österreichs Handelsdelegierter in New York, hält derartige Berichte für einseitig. "Es ist immer die gleiche Ecke, aus der die Schreckensnachrichten kommen", sagt er im Standard-Gespräch, "nämlich von jenen, die wollen, dass Bernanke (Ben, US-Notenbankchef) noch einmal mit den Zinsen ordentlich runter geht". Die realen ökonomischen Rahmendaten der USA seien nicht so übel, so Kesberg. Was den Amerikanern jetzt "auf den Kopf fällt", sei die Regulierungsskepsis, die in den Kreditmärkten bis vor dem Zusammenbruch der schlecht besicherten Immobiliendarlehen ("Subprimes") im Sommer geherrscht hatte.

Kesberg illustriert die früher herrschende Mentalität, damit, dass es in den USA sogar schon ein geflügeltes Wort für die leichtfertig vergebenen Konsumkredite gibt: "Liar Loans", zu deutsch: "Darlehen für Lügner." Beschäftigungslose, die behaupteten, sie hätten 15.000 Dollar Einkommen pro Jahr, hätten so ungeprüft Kredit bekommen, weil die Risiken über "Asset Backed Securities" ohnehin weltweit gestreut werden konnten.

Weltweite Folgen

Die Auswirkungen der US-Kreditkrise werden sich merklich auf die Weltwirtschaft durchschlagen, davon ist trotz allem das Wiener Wirtschaftsforschungsinstitut überzeugt. Das Wifo rechnet damit, dass das Wachstum der weltweiten Produktion von heuer real fünf Prozent auf 4,75 Prozent im kommenden Jahr zurückgeht. Für den Euro-Raum erwartet das Wifo heuer noch ein BIP-Wachstum von 2,7 Prozent, 2008 dann eine Abschwächung auf 1,9 Prozent.

Das Wifo zur US-Krise weiter: Seit dem Frühjahr 2007 sinken die Immobilienpreise, die Wohnbauinvestitionen liegen um etwa ein Viertel unter ihrem Höchstwert von Ende 2005, jüngste Daten weisen auf eine weitere Verschärfung des Einbruchs hin. In der Folge stiegen die Risikoprämien auf den internationalen Finanzmärkten. Die Folge werde laut Wifo über die Konsumzurückhaltung eine merkliche Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in den USA - es dürfte im Jahr 2008 real neuerlich unter zwei Prozent und damit deutlich unter dem langfristigen Durchschnittswert liegen.

Die Ratingagentur Standard & Poor's erwartet übrigens beim Höhenflug des Euro in Relation zum Dollar noch nicht der Spitzenwert erreicht wurde: 1,55 Dollar für einen Euro werden für das zweite Quartal 2008 prognostiziert. (Leo Szemeliker, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 30.11.2007)

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