420.000 Menschen haben zu wenig Geld, um heuer im Winter so zu heizen, wie sie es nötig und wir alle für wünschenswert hielten - von Otto Ranftl
Die Obersteiermark friert. Das ist im übertragenen Sinn zu verstehen. 420.000 Menschen haben zu wenig Geld, um heuer im Winter so zu heizen, wie sie es nötig und wir alle für wünschenswert hielten. Die Armutskonferenz hat das ausgerechnet. Mehr als ein Achselzucken ist diese Zahl vielen nicht wert.
Immerhin lässt eine solche körperliche Regung eine marginale Beschäftigung mit dem Thema erkennen. Diese lässt sich vertiefen. Es passt da ganz gut, dass das Wirtschaftsforschungsinstitut gerade eben festgestellt hat: Der Einkommensanteil der unteren Schichten ist merklich zurückgegangen, jener der obersten deutlich gestiegen. Zehn Prozent der Angestellten haben mehr als 3850 Euro im Monat verdient. Wie viel mehr? Diese zehn Prozent durften sich über zusammen 29 Prozent der Einkommen freuen. Mit der Armutskonferenz haben die Forscher, die das errechnet haben, nichts zu tun.
Ihr Befund klingt wie ein Offenbarungseid des Sozialstaates. Jahrzehntelang wurde umverteilt, wurden Hilfs- und Zusatzzahlungen erfunden, und dann das. Die Einkommensschere geht immer weiter auf, so als würde es Wohlfahrtspolitik einfach nicht geben.
Das stimmt doch nicht, werden Politiker einwenden und auf Ausgleichs- und andere Zahlungen verweisen. Falsch: Sie lassen sich in Debatten um 20 Euro mehr für Mindestpensionisten verstricken und ziehen keine Schlüsse aus dem Faktum, dass das Wachstum der Finanz- und Besitzeinkünfte jenes der Lohneinkommen hinter sich gelassen hat. Fällt jemand in der Partei der sozialen Wärme jetzt das Stichwort Erbschaftsteuer ein?
Es besteht Handlungsbedarf. Ein Ziel könnte es ja sein, die Zahl der Armutsgefährdeten in Österreich erst einmal zu halbieren. Dann würde fast nur noch ganz Graz frieren. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.11.2007)