Warum Menschen ihren Glauben wechseln

11. Jänner 2008, 18:30
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Konversion als Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe der "Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit "

"Der Taufzettel ist das Entréebillet zur europäischen Kultur", begründete seinerzeit der aus einer jüdischen Familie stammende Dichter Heinrich Heine seine persönliche Konversion zum evangelischen Christentum. Das Erlangen größerer gesellschaftlicher Akzeptanz und neue Aufstiegsmöglichkeiten waren für viele Juden im 19. Jahrhundert das entscheidende Motiv zum Christentum überzutreten ... aber bei weitem nicht das einzige, wie Maria Diemling in ihrem Aufsatz "Grenzgängertum: Übertritte vom Judentum zum Christentum in Wien, 1500 - 2000" in der "Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit" zeigt.

Mit ihrem Thema spiegelt sie zugleich die Bandbreite des von Thomas Winkelbauer und Marlene Kurz herausgegebenen aktuellen Hefts mit dem Titel "Glaubenswechsel" wider. Denn Motive für eine Konversion gibt es viele. Sie können von einem unmittelbar emfpundenen religiösen Erlebnis ausgelöst werden (das Cover der Ausgabe zeigt die "Bekehrung des Paulus"), stehen meist aber in einem komplexen sozialen Kontext: Sei es der gesamtgesellschaftliche Rahmen, seien es Prozesse im "Mikrokontext" von Familie oder Nachbarschaft. Grundsätzlich beruht Konversion auf einer freiwilligen Entscheidung - die allerdings von außen sehr wohl forciert werden kann, wie Jörg Deventer in seinem Beitrag "Konversionen zwischen den christlichen Konfessionen im frühneuzeitlichen Europa" verdeutlicht.

Breiter Raum wird den wechselseitigen Beziehungen der drei großen monotheistischen Religionen Christentum, Islam und Judentum gewidmet - aber auch weniger bekannte Beispiele von Konversionsbewegungen werden angeführt: So gab es rund um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in Deutschland eine Welle von Übertritten vom Christentum zum Buddhismus, beschrieben in Alexander Jakuschs Aufsatz "Identitätssuche, Lebensreform und Zivilisationsabkehr". Vor allem gebildete Menschen fanden inmitten einer als krisenhaft empfundenen Phase der gesellschaftlichen Entwicklung in diesem speziellen Glaubenswechsel ihren Ausweg. - Vergleicht man dies mit der Tatsache, dass der Buddhismus in jüngerer Vergangenheit ohne sein Zutun erneut zur "Modereligion" von Prominenten geworden ist, schließt sich damit auch der Kreis von der Historie zur Gegenwart. (red)

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Wiener Zeitschrift zur Geschichte der Neuzeit

Die Zeitschrift wird von den NeuzeithistorikerInnen des Instituts für Geschichte der Universität Wien herausgegeben und erscheint zweimal jährlich.
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    coverfoto: studienverlag
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