Quote bestimmt Drehbuchqualität

11. Jänner 2008, 15:15
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Es gibt großartige amerikanische AutorInnen - Und es gibt hervorragende deutsche und österreichische AutorInnen

US-Drehbuchautoren streiken! Diese Schlagzeile ermunterte Herrn Rauscher dazu, in seiner Kolumne vom 19. 11. die amerikanischen Kollegen (zu Recht) zu loben. Und die deutsche Reihe "Pfarrer Braun" mit der literarischen Figur des "Pater Brown" und überhaupt eine Reihe mit einer Serie zu verwechseln. Die "Ilias" wurde auch erwähnt. Um zu betonen, wie sehr US-Drehbuchautoren deutschen und österreichischen Kollegen überlegen seien.

Dem ist nicht so.

Es gibt großartige amerikanische Autor/innen. Und es gibt hervorragende deutsche und österreichische Autor/innen. Das Arbeitsumfeld ist allerdings ein völlig anderes. Fernsehen ist ein Massenmedium. Einschaltquoten bestimmen den Markt. TV Drehbuchautor/innen sind von Aufträgen abhängig, die originellste Idee nützt nichts, wenn sie eine unverfilmte Idee bleibt. In Österreich werden mehrere dutzend in Auftrag gegeben. Verfilmt wird allerdings nur ein Bruchteil.

Der Wettbewerb ist beinhart. Was unterscheidet ein verfilmtes Buch von einem nicht verfilmten Buch? Die Qualität. Die Co-Produktionstauglichkeit. Und die Markttauglichkeit. Die Story muss funktionieren. Die finanzielle Situation des ORF ist so prekär, dass das Scheitern von Formaten kaum verkraftet werden kann.

Die wenigen heimischen TV-Filme, Reihen und Serien erzielen - auch und gerade wegen der Drehbuchautor/innen - im ORF häufig Quoten über oder nahe bei 1 Million. Und in Deutschland 5 bis 7 Millionen. Die zitierten US-Sozialsatiren kommen im ORF Vorabendprogramm kaum auf 150000 und US-Krimiserien im Hauptabend selten über 500000. Bei aller Qualität. Sind heimische TV-Konsumenten dümmer? Leichter zu befriedigen? Wohl kaum. Von komplizierten Erzählstrukturen überfordert? Möglicherweise. Konservativer? Ja.

Es ist das alte Spiel von der Breite, aus der die Spitze wachsen muss. US-Serien schöpfen aus der Tradition tausender Vorgängerserien, die die Grenzen der Genres so weit ausgereizt haben, dass Grenzüberschreitungen nicht nur möglich sondern für die Geldgeber geradezu finanziell notwendig sind. Im TV-Geschäft entsteht Innovation offenbar nur, wenn alte Konzepte nicht mehr funktionieren.

Eine Chance im deutschsprachigen Raum bietet der Krimi. Wir werden von Krimis überflutet. Deswegen wird das einzige Genre, das bei uns TV-Tradition hat, innovativ werden. Zwangsläufig.

Man kann innovative Konzepte nicht verordnen. Die Mehrheit der heimischen Konsumenten will regional verwurzelte Serien und Reihen sehen, die klar definierte, leicht nachvollziehbare Erzählstrukturen aufweisen und einem eindeutigen Genre zuzurechnen sind. Immer noch. Warum? Weil es viel zu wenige davon gab und gibt. (Martin Ambrosch, DER STANDARD Printausgabe, 24./15.11.2007)

Zum Autor
Martin Ambrosch ist Obmann des Drehbuchverbandes.

Zum Thema
derStandard.at/Etat-Schwerpunkt zum Streik der US-Drehbuchautoren

  • Funktionierendes Format deutscher Herkunft: Ottfried Fischer alias Bulle, hier sinniert er über Bestseller.
    foto: lisa film / stefan haring

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