"Wollten nicht vorgreifen"

2. Jänner 2008, 10:42
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Die Wiener Börse zieht erste Konsequenzen aus dem FMA-Bescheid zu Meinl European Land - Vorstand Schaller im STANDARD-Interview

Die Wiener Börse hat beschlossen, Meinl European Land per 21. Dezember aus dem ATX-Prime zu werfen. Warum die Zeit dafür reif war, erklärt Vorstand Heinrich Schaller auf Nachfrage von Bettina Pfluger.

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STANDARD: Warum hat sich die Börse gerade jetzt für den Ausschluss der MEL aus dem ATX-Prime entschlossen?

Schaller: Wir haben immer gesagt, dass wir einer FMA-Entscheidung nicht vorgreifen und keine Vorverurteilung vornehmen wollen. Die FMA hat jetzt eine Entscheidung herausgegeben, die zwar noch nicht rechtskräftig ist, aber es ist die Meinung einer Behörde.

STANDARD: Ist jetzt der richtige Zeitpunkt für diesen Schritt? Die Aktie hat ja schon viel gelitten. Hätte die Börse nicht schon früher handeln sollen?

Schaller: Die Aktie hätte noch mehr leiden können. Wir haben dieses Zeichen gegeben, indem wir bewusst keine Vorverurteilung vornehmen wollten und die Aktien im Prime Market belassen haben. Eine erneute Aufnahme der MEL in den Prime Market ist nicht ausgeschlossen. Ich wäre daran nicht uninteressiert.

STANDARD: Kann sich die MEL gegen den Rausschmiss aus dem Index wehren?

Schaller: Das ist ein privatrechtlicher Vertrag zwischen der Wiener Börse und dem Unternehmen, und gegen eine einseitige Vertragsauflösung gibt es ganz normale Rechtsmöglichkeiten. Es gibt mit MEL keine Sonderlösungen.

STANDARD: Erwarten Sie eine Anfechtung?

Schaller: Wir werden sehen. Ich bin eher daran interessiert, dass wir mit MEL konstruktiv daran arbeiten, dass dieses Thema rasch erledigt wird.

STANDARD: MEL sagt, der Rauswurf sei "unverständlich".

Schaller: Wir werden sicher noch viel mit Meinl European Land über dieses Thema diskutieren.

STANDARD: In dem Prospekt für die Zulassung zum Prime Market steht, dass nur "Stammaktien" aufgenommen werden dürfen. Die MEL-Zertifikate sind aber keine Stammaktien.

Schaller: Nach Rechtsansicht der Wiener Börse sind in dieser Konstellation Aktien und Zertifikate als gleich anzusehen.

STANDARD: MEL sagt, "dass die Notiz im Prime Market von der Börse gewünscht war und MEL bloß der Einladung folgte"...

Schaller: Darüber will ich nicht streiten, das ist Interpretationssache.

STANDARD: Aber Sie haben gesagt, es sei Ihr Wunsch, dass das Unternehmen wieder in den ATX-Prime kommt.

Schaller: Ja, insbesondere weil ich glaube, dass es sowohl für die Anleger und das Unternehmen als auch für den gesamten Markt sehr vorteilhaft wäre. Damit würde man verstärkt Vertrauen für das Unternehmen schaffen.

STANDARD: Hat die Börse aus der Meinl-Causa einen Imageschaden erlitten? Oft ist schon die Frage aufgetaucht, ob die Börse zu wenig geprüft hat?

Schaller: Die Börse kann nur das prüfen, was ihr bekannt ist, und das ist auch passiert.

STANDARD: Sind Sie dabei auch zum Entschluss gekommen, dass die Worte Aktien und Zertifikate irreführend verwendet und Publizitätsvorschriften verletzt wurden?

Schaller: Wir haben bewusst gesagt, dass wir glauben, dass die Informationen nicht hinreichend waren.

STANDARD: Hätte das nicht schon gereicht, um den Segmentwechsel zu begründen?

Schaller: Wir wollten einer untersuchenden Behörde nicht vorgreifen.

STANDARD: Die betroffenen Personen haben gegen den Strafbescheid berufen. Was, wenn er nicht rechtsgültig wird?

Schaller: Ich bin überzeugt davon, dass das Thema bis zu einer weiteren Entscheidung, insbesondere was die Transparenzrichtlinien und die Umstrukturierungen der MEL betrifft, erledigt ist.

STANDARD: Im Strafbescheid der FMA steht auch, dass die Wiener Börse die Begriffe Aktien und Zertifikate bei der MEL irreführend verwendet hat.

Schaller: Wir haben das dementiert. Und auch die FMA, die diesen Bescheid ausgestellt hat, hat das dementiert. Ich bin überzeugt davon, dass das Dementi hält.

STANDARD: Wird es in der Börse personelle Konsequenzen geben?

Schaller: Definitiv nein. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.11.2007)

Zur Person
Heinrich Schaller (47) ist 1987 in die RZB eingetreten. Von 2000 bis 2004 war er Vorstandsdirektorstellvertreter der RLB OÖ. Seit März 2006 ist Schaller Vorstand der Wiener Börse.
  • Einladung der Wiener Börse an MEL, in den ATX-Prime zu gehen? Börsenvorstand Schaller: "Interpretationssache."
    foto: standard/urban

    Einladung der Wiener Börse an MEL, in den ATX-Prime zu gehen? Börsenvorstand Schaller: "Interpretationssache."

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