"Homosexuelle sind sichtbarer geworden"

29. Februar 2008, 08:14
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Myriam Navas von der Homo- und Trans­sexuellen-NGO "Cogam" im Interview über die "schlimme Situation" in Österreich und ein spanisches Gesetz, das alle Paare gleichstellt

Myriam Navas, die Präsidentin der spanischen NGO Cogam, welche für die Rechte von Homo-, Hetero- und Transsexuellen kämpft im Interview über Homophobie, konservative Richter und eine 2.500 Euro Adoptionsprämie, welche in Spanien auch gleichgeschlechtlichen Paaren zuteil wird. In Österreich sei die Situation fast so schlimm wie in Polen, meint sie. Das Gespräch führte Jan Marot.

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derStandard.at: Wie lebt es sich "homosexuell" in Spanien nach den Reformen durch die sozialistische Regierung unter José Luis Rodriguez Zapatero?

Myriam Navas: Es hat sich viel verändert, auf verschiedenste Weise: Auf der einen Seite sind Homosexuelle sichtbarer geworden. Es gibt das Gefühl von Freiheit, einer Gleichheit vor dem Recht. Wir leben in einem besseren Land. Die Menschen leben besser und glücklicher. Die Akzeptanz ist gestiegen, die Bevölkerung sieht es als normal, gibt es doch Homosexuelle im Freundeskreis, bei der Arbeit, in der Familie. In aller Normalität.

derStandard.at: ... und auf der anderen Seite?

Navas: Die Freiheit, das Sichtbarsein in der Öffentlichkeit, das brachte auch eine signifikante Steigerung homophober Gewalt mit sich. Wir sind an einem alarmierenden Punkt angelangt. Mann muss die Attacken gegen Homosexuelle unterbinden, dagegen mit Öffentlichkeit ankämpfen.

derStandard.at: Gab es „Fehler“ der Regierung Zapateros in der Gesetzgebung?

Navas: Nein. Wir hatten das Glück, dass die Gesetze haargleich mit denjenigen sind, welche für heterosexuelle Paare gemacht wurden. Einzelne Länder, wie Frankreich etwa, oder Holland oder Belgien, sie haben eine in einzelnen Punkten variirende Legislatur, die einem etwa das Adoptionsrecht vorenthält.

derStandard.at: Ein Adoptionsrecht klingt in Österreich fast utopisch. Homosexuellen-Organisationen kritisierten 35 Differenzen im geplanten Gesetz, dass eine “Lebensgemeinschaft” erlaubt …

Navas: Die Rechte in Spanien sind exakt dieselben. Es ist de facto die selbe „Ehe“. Die Situation in Österreich ist fast so schlimm wie in Polen.

derStandard.at: Gab es Probleme mit dem Adpotionsrecht?

Navas: Anfangs, aber nur sporadisch, vor allem beim Anmelden. Mittlerweile gibt es aber nicht einmal mehr bei künstlicher Befruchtung lesbischer Paare Schwierigkeiten.

derStandard.at: Wie sieht die Ultrarechte Spaniens die neugewonnene Freiheit der Schwulen und Lesben?

Navas: Das ist alarmierend, aber auch zum einen verständlich. Menschen, die jahrzehntelang im Glauben waren, Homosexuelle hätten keine Rechte, und ein einziges Gesetz dreht das Ganze um, diese reagieren mit verstärktem Hass und Gewalt. Die Rechtsparteien übten auch Druck auf einzelne Richter aus, dass sie keine Schwulen und Lesben trauen.

derStandard.at: Bekommen homosexuelle Paare nun auch die 2.500 Euro- Geburten- und Adpotionsprämie, welche Zapatero mit 1. Juli eingeführt hat?

Navas: Natürlich, wie ich sagte, wir haben die exakt selben Rechte wie ein heterosexuelles Ehepaar auch.

derStandard.at: Der Richter Fernando Ferrín Calamita hat schon mehrmals versucht lesbischen Eltern das Sorgerecht zu entziehen, er wurde auch bekannt, als er "Oben-ohne" Badende bei Cadíz ins Gefängnis warf. Ein Einzelfall?

Navas: Zum Glück gibt es nicht mehr von dieser Sorte. Die Fälle wo ein Richter sich weigerte eine Ehe zwischen Homosexuellen anzuerkennen oder wie in diesem Fall das Sorgerecht entziehen wollte, die kann man an einer Hand abzählen. Wir sind sehr zufrieden, wie das Gesetz seit 2005 umgesetzt wird. Ohne Einsprüche und in vollster Normalität vollzog sich die Änderung.

derStandard.at: Polemik schürte auch jüngst ein Lehrbuch des Casals-Verlages für die Staatsbürgertums-Kunde. Man schrieb schlichtweg, dass ein Mann und ein Mann niemals eine Famlie sein können. Und die Gleichheit ist ein Fundament des neuen Schulfaches ...

Navas: Die Sache ist in der Tat problematisch. Rechte Kreise und Kirche kritisieren das neue Schulfach mit dem Vorwand, Zapatero würde seine Ideologie verbreiten wollen. Doch die Kompetenz liegt bei den autonomen Gemeinschaften. Sie übernehmen auch die Empfehlung der Schulbücher etwa. So kommt es, dass sich die Casals-Bücher verkaufen. Sie können ja auch schreiben was sie wollen. Doch Grundpfeiler ist die Gleichheit, ein Mann und ein Mann können genau so wie zwei Frauen ein Kind haben, und somit „Familie“ sein. Es ist eine Schande, dass solche Bücher existieren. Bei den alarmierenden Zahlen der homophoben Attacken wäre Bildung der wohl effektivste Weg, diese Intoleranz zu mindern.

derStandard.at: Sie haben auch jüngst eine Hotline eingerichtet, SOS-Homo- y Transfobia, wo man Attacken gegen Homo- und Transexuelle melden kann, mit welchen Ziel?

Navas: Wir wissen, dass die Gewalt gegen Homosexuelle stark zugenommen hat. Wir wollen nun Daten sammeln, um auf die Situation aufmerksam zu machen. Dann werden wir, nach der Evaluierung eine Info-Kampagne starten, vielleicht auch Druck auf den Gesetzgeber ausüben.

derStandard.at: Wird das "Gesetz der historischen Erinnerung", das die Verbrechen der Diktatur Francos aufzuarbeiten sucht und auch die Verfolgung von Homosexuellen behandelt, Entschädigungszahlungen bringen?

Navas: Ich hoffe. Festgeschrieben steht, dass auch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung Verfolgte, Inhaftierte gleich behandelt werden. (Von Jan Marot aus Granada, 27.11.2007)

Zur Person:
Myriam Navas (30), lebt in Madrid, ist eine unverheiratete Industrieingenieurin und werkt tagtäglich mit Elektrizität. Früher waren es Schalter und Differenziale, heute ist sie Mechanikerin für Kraftwerke. Seit zwei Jahren ist sie Präsidentin der Homo- und Transsexuellen NGO „Cogam“ mit Sitz in Madrid.

Link:
www.cogam.es

  • Myriam Navas: "Wir hatten das Glück, dass die Gesetze haargleich mit denjenigen sind, welche für heterosexuelle Paare gemacht wurden."
    foto: marot

    Myriam Navas: "Wir hatten das Glück, dass die Gesetze haargleich mit denjenigen sind, welche für heterosexuelle Paare gemacht wurden."

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