Tief unten im Fluss - Peter Truschner

4. Februar 2008, 11:28
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Ich streifte die Hose ab, stand auf und zog mir die Unterhose aus. Ich näherte mich dem Wasser. Seine Kälte kroch mir unter die Haut

Kein Mondlicht, keine Lampe schien mir.

* * *


Ich fiel die Böschung hinunter. Ich versuchte an Steinen und Gebüsch Halt zu finden, mich mit den Beinen dem Fall entgegenzustemmen, was beim Grad meiner Betrunkenheit lediglich dazu führte, dass ich mir die Hände aufschürfte und den rechten Knöchel verstauchte – ein Umstand, der mir jedoch erst später bewusst wurde, als ich wieder nüchtern war.

Als ich am Ufer zu liegen kam, hätte sich einem Auge, das mein Leben – zumindest mein Nachtleben – unbemerkt begleitete, ein vertrautes Bild geboten. Ich: flach liegend; erschöpft; träges Fleisch, das über eine Abstellkammer der Seele verfügte, aus der ein Laut drang, der alles zugleich war: selbstmitleidiges Wimmern, Stöhnen, die Lebensgeister verabschiedendes Röcheln.

Wenn ich um diese Zeit angezogen war und auf dem Fußboden lag wie die leere Flasche Whiskey, die ich die Stunden davor mit mir herumgetragen hatte wie eine Handtasche, befand ich mich in meiner eigenen Wohnung. War ich nackt und lag ich auf einem Bett, befand ich mich mit Sicherheit in der Wohnung einer Frau, die ich am selben Abend in einer Bar kennengelernt hatte. Gleichgültig, ob ich schon einschlief, während ich mich an ihr zu schaffen machte, oder erst nachdem ich in ihr gekommen war, bildete ich mit ihr für kurze Zeit einen heterogenen Klumpen, der sich aus all jenen Hoffnungen und Enttäuschungen, all der Begierde und all dem Überdruss zusammensetzte, die in jener Nacht ihren Ausdruck fanden. Gemeinsam gaben wir ein Beispiel für jene tieftraurige Vitalität, die unsere Energie verbrauchte und ihre größte Entfaltung im Augenblick unserer größten Betäubung erreichte. Der Alkohol setzte den Widerspruch außer Kraft, ich nahm mich in den Armen der Frau zugleich als flirrend und behäbig, erregt und abgestumpft wahr und spürte, wie sich neue, salzige Rinnsale ihren Weg durch die Schicht an kaltem, eingetrocknetem Schweiß auf meinem Körper bahnten. Dieser schwebende Zustand erinnerte mich daran, dass Nächte, die einen solchen Ausgang nahmen, einmal damit begonnen hatten, dass es mich vor nicht allzu langer Zeit in die Lokale drängte, als führte ich den Rest der Zeit ein Dasein unter Verschluss. Als hielte mich das Leben auf qualvolle Weise mit Sinneseindrücken kurz und gestattete mir nur ab und zu, mich im Zuge einer Nacht mit Farben, Gerüchen, Geräuschen und Berührungen vollzustopfen. Die Drehbewegungen auf der Matrix der Tanzflächen; die lippenstiftroten, nikotinherben Münder, die es einerseits hassten, andererseits danach verlangten, mit einem Kuss zum Schweigen gebracht zu werden; das Beiläufige, mit der eine Frau mir im allgemeinen Gewühl an den Hintern fasste. All das erschien mir wie das Leben selbst.

Anfangs behandelte ich den Alkohol wie eine Zufallsbekanntschaft, mit der ich mich abgab, solange sie mich amüsierte, die ich jedoch stehen ließ, sobald mich ihr Geschwätz zu nerven begann. Ich brauchte Bier, Wein oder Whiskey, um in Fahrt zu kommen – Ziel und Tempo einer Nachtfahrt ergaben sich jedoch unabhängig davon. Das Fortgehen büßte in nüchternem Zustand viel von seiner Faszination ein, sodass ich mir einen Abend ohne Alkohol bald nicht mehr vorstellen konnte. Als ich mich nach dreijähriger Beziehung von meiner Freundin trennte, die akademische Laufbahn, auf die ich konsequent hingearbeitet hatte, in den Wind schlug und mich daraufhin mit meinen Eltern überwarf, suchte ich im Saufen Halt, obwohl ich wusste, dass es mir in Wahrheit endgültig den Boden unter den Füßen wegzog.

Auf allen vieren

Ich blieb eine Zeit lang reglos am Ufer liegen. Erde und Gras waren mir in jener klaren, warmen Sommernacht als Unterlage meines Schlafes geradeso recht wie eine Matratze oder ein Teppich. Das Rauschen des Wassers erinnerte mich daran, dass ich mich eigentlich auf den Weg gemacht hatte, um ein Bad im Fluss zu nehmen. Das heißt: Eigentlich war es eine Gruppe gewesen, die weit nach Mitternacht noch einmal schwimmen wollten. Wie es schien, war ich der einzige, der mit dem in die Runde geworfenen und begeistert aufgenommenen Vorschlag Ernst gemacht hatte. Wie ich so dalag, schien es, als hätte ich allein nicht mehr genug Kraft, mich noch einmal aufzuraffen, obwohl ich gut und gerne eine Viertelstunde hierher gebraucht hatte und das Wasser nur noch wenige Meter von mir entfernt war. Ich wollte mich schon in den Schlaf, den darauffolgenden Kater und das Vergessen fallen lassen, als ich Stimmen hörte. War mir jemand nachgefolgt? Oder waren wir vielleicht doch gemeinsam losgezogen, und die anderen waren mir unterwegs verlorengegangen? Ich lauschte, öffnete die Augen und nutzte mein letztes Häufchen Willenskraft dazu, dass sie sich nicht umgehend wieder schlossen. Die Stimmen wurden weder lauter noch leiser. Auch ließ sich keine einzelne aus dem dumpfen Chor herauslösen, sodass sie im Grunde nichts als ein Hintergrundgeräusch waren, das wahrscheinlich eher einem dunklen Rauschen in meinem Inneren entsprang denn einem akustischen Phänomen, das von einer externen Quelle seinen Ausgang nahm und in mich eindrang. Scheiße, war ich wieder besoffen.

Der Alkohol ließ vergangene Stunden gefrieren und zurückgelegte Kilometer wie einen Spaziergang nach dem Abendessen anmuten, während Minuten und Meter, ja Sekunden und Zentimeter sich unter seinem Einfluss in einen Brei verwandeln konnten, den in den Mund zu nehmen und hinunterzuschlucken quälend war. Die großen Dinge, um die es im Leben ging – Liebe, Tod, Vertrauen, Anerkennung –, wurden mir darüber zu Stecknadelköpfen am Horizont, die angesichts der Beschränktheit dessen, womit ich meine Zeit vertat – feiern, saufen, ficken –, unerreichbar waren. Sich bei zwei Promille eine Zigarette zu drehen, den Weg zum Klo zu finden, bevor man kotzte, sich an die Frau zu erinnern, die morgens neben einem lag, und darüber hinaus zu gewährleisten, dass die Rechnungen beglichen wurden, die sich in meinem Postfach fanden, stellte einen Gewaltakt dar, der keinen Platz mehr ließ für Mehrwertphänomene menschlichen Handelns wie Ästhetik, Ethik oder Erotik.

Wie lange es allein dauerte, bis ich mich vom feuchten Boden aufraffte; mir das T-Shirt über den Kopf zog; den Gürtel aus der Schnalle löste; mir die kurze Leinenhose von den Beinen streifte, dass ich mich mit den Zehen darin verhedderte und vornüber fiel, sodass ich – die Hose immer noch um ein Bein gewickelt – auf allen vieren am Boden herumkroch, der lächerlichste Mensch und das lächerlichste Tier zugleich. Wo war der gnädige Himmelsblitz, der diesem Trauerspiel ein Ende bereitete?

Eigentlich hätte ich es an dieser Stelle gut sein lassen und mein Vorhaben aufgeben müssen – nicht anders, wenn ich es nicht mehr ins Bad schaffte und mir wie ein Hund eine Ecke suchte. Stattdessen packte mich der typische Ehrgeiz des Säufers, der sich und anderen zeigen möchte, zu welchen Heldentaten er nach zehn Bieren noch in der Lage ist. Ich streifte die Hose ab, stand auf und zog mir die Unterhose aus. Ich näherte mich dem Wasser. Seine Kälte kroch mir unter die Haut (wahrscheinlicher war, dass ich schon die ganze Zeit gefroren, es jedoch im Suff nicht gemerkt hatte). Kein Mondlicht, keine Lampe schien mir. Das Feuerzeug befand sich in meiner Hose, die ich in dieser Dunkelheit jedoch weder wiederfinden konnte noch wollte. Ich wusste nicht, wie tief der Fluss an dieser Stelle war. Ob ich, wenn ich hineinsprang, unterging oder auf einen Felsen prallte. Nichts als Schwärze, kein Indiz, an das ein Mensch sich klammern konnte. Auch wenn es zumeist kontraproduktiv ist, von sich und dem, was man erlebt hat, in pathetischen Begriffen zu denken: Als ich schließlich Anlauf nahm und vom Boden abhob, da war es, als tauchte ich gleichsam in mich selbst hinein.

Im Wasser wurde ich sofort von der Strömung erfasst und in die Mitte des Flusses gezogen. Ich versuchte irgendwie, dagegenzuhalten, zum Ufer zurückzuschwimmen – zwecklos. In diesem Moment war ich nicht mehr als ein Ast, mit dem das Wasser spielte. Die Nüchternheit, die sich dabei einstellte, war weniger meinem Willen als jenem Programm meines Körpers geschuldet, das da lautete: überleben um jeden Preis.

Mit einem Schlag wurde ich mir der Sorglosigkeit bewusst, mit der ich mit meinem Leben umging. Allein das Rauschen hätte mir sagen müssen, dass das Wasser nicht gemächlich vor sich hinfloss. Wir waren sogar eingehend davor gewarnt worden, angesichts der sintflutartigen Regenfälle des Frühjahrs ins Wasser zu gehen, da es nicht nur hoch stand, sondern immer noch Teile entwurzelter Bäume und anderen gefährlichen Unrat mit sich führte. Ich hatte die Warnung in den Wind geschlagen, was nicht weiter verwunderlich war, da ich es schließlich mit allen Warnungen und Ratschlägen so hielt, die ich zu hören bekam.

Es dauerte nicht lange, da spürte ich einen Schlag in den Rippen, der mich für einen Moment nicht nur der Luft beraubte, sondern auch meiner Instinkte. (Zwei Rippen waren gebrochen, stellte sich heraus, nachdem mich am Morgen zwei Angler gefunden und ins Krankenhaus gebracht hatten.) Gerade hatte ich noch darum gekämpft, die Nase oben zu behalten. Nun ließ ich mich treiben und lieferte mich der Gunst oder aber Missgunst der natürlichen Kräfte aus – ein Reflex, der dem bequemen Fatalismus entsprang, in dem ein Säufer sich unweigerlich einzurichten beginnt, um sich und den anderen immer wieder vor Augen führen zu können, wie aussichtslos alles Aufbegehren ist. Ich ging unter – nicht anders, als ich als Kind untergegangen war, nachdem ich ins Wasser gefallen und mir den Kopf am Ruder angeschlagen hatte: eher aus Ohnmacht und Entsetzen als aufgrund der Handlungsunfähigkeit meines Denk- und Bewegungsapparates. Mit einem Unterschied: Als Kind musste mein Vater mir nachspringen und mich vor mir selbst retten. Das schaffte ich nun allein. Zu Hilfe kam mir dabei etwas, was sich als friendly fire meines Bewusstseins beschreiben lässt.

Menschen, die dem Tod nahe kamen, erzählten vom Beruhigenden, Erlösenden des Sterbens, vom Licht, das sie magisch anzog. Ich hingegen wurde mit einer Flut von Bildern torpediert, die mich aufforderten, am Leben zu hängen. Die Sonnenglut der Tomaten im Gemüsegarten meiner Großeltern; das Parfum, das meine Freundin verwendete, als wir uns kennenlernten; beliebiges Aufflackern von Straßen, Sätzen, weiblichen Körperteilen, Filmszenen, Eindrücken von einsamen Skitouren. All das störte mich auf und brachte mich dazu, wieder aufzutauchen. Schon im Wasser war mir klar, dass das Leben, zu dem ich auftauchte, ein anderes war als das, mit dem ich untergegangen war und das zum Grund hinabsank. Dort lauert es heute noch, ein wildes Tier, das eingesperrt ist und darauf wartet, dass ihm noch einmal die Stunde schlägt. (Peter Truschner, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 24./25.11.2007)

Zur Person:
Peter Truschner wurde 1967 in Klagenfurt geboren. Er studierte Philosophie, Kommunikations- und Politikwissenschaften an der Universität Salzburg. Seit 1999 lebt Truschner als Schriftsteller und Dramatiker in Berlin. 2001 erschien sein Debütroman "Schlangenkind", für den er mit zahlreichen Preisen und Stipendien ausgezeichnet wurde. 2007 folgte Truschners zweiter Roman "Der Träumer". Beide sind im Zsolnay Verlag erschienen.
  • Peter Truschner: "Schon im Wasser war mir klar, dass das Leben, zu dem ich auftauchte, ein anderes war, als das, mit dem ich unterge-gangen war und das zum Grund hinabsank. Dort lauert es heute noch, ein wildes Tier, das eingesperrt ist, und darauf wartet, dass ihm noch einmal die Stunde schlägt."
    foto: heribert corn

    Peter Truschner: "Schon im Wasser war mir klar, dass das Leben, zu dem ich auftauchte, ein anderes war, als das, mit dem ich unterge-gangen war und das zum Grund hinabsank. Dort lauert es heute noch, ein wildes Tier, das eingesperrt ist, und darauf wartet, dass ihm noch einmal die Stunde schlägt."

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