Dollarverfall: EZB sieht Gefahr für Wachstum in Europa

1. Jänner 2008, 19:43
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Der Dollar fällt den Exporteuren in den Rücken: Die US-Währung kratzt an der Schwelle von 1,50 Dollar je Euro und gefährdet Standorte in Europa

Für einen Euro muss man fast 1,50 Dollar hinblättern. Die Ausfuhren in die USA sind bereits rückläufig, dazu drohen indirekte Folgen, weil auch Lieferungen in den Euroraum unter Druck geraten. Die EZB warnt vor negativen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

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Wien - Auch wenn nur 15 Prozent der österreichischen Exporte in den Dollar-Raum fließen: Die Ausfuhren - speziell in die USA - leiden bereits kräftig unter dem Verfall des Dollars. Am Freitag stieg der Euro erstmals in der Geschichte über die Marke von 1,49 Dollar. Die magische Schwelle von 1,50 Dollar wurde nur knapp verfehlt.

Die österreichische Exporte in die USA sanken in den ersten acht Monaten des Jahres bereits um über sechs Prozent, wobei die Überstellung der Klimt-Bilder im Vorjahr die Statistik etwas verzerrt. Dazu kommen Verluste der Wettbewerbsfähigkeit bei den Lieferungen in den asiatischen Raum sowie in die ebenfalls auf Dollar ausgerichtete arabische Länder. Der Leiter der Außenwirtschaftsorganisation in der Wirtschaftskammer, Walter Koren, spricht von einer "Beeinträchtigung der Exportwirtschaft".

"Es geht um den Standort Europa"

Wegen der Wechselkursentwicklung befürchtet er Standortverlagerungen in den Dollarraum, mit denen die Unternehmen die Nachteile ausgleichen. Der geplante Abzug des Geländewagens BMWX3 aus der Magna-Montagehalle in Graz stehe bereits mit der Dollarschwäche in Verbindung. Und auch der Chef des Flugzeug-Zulieferers FACC, Walter Stephan, spürt einen steigenden Druck, bei asiatischen Sublieferanten fertigen zu lassen, da diese an den Dollarraum gebunden sind.

"Es geht um den Standort Europa", appelliert Koren im Gespräch mit dem STANDARD an die Euro-Währungshüter. Deren Chef, EZB-Präsident Jean-Claude-Trichet, hat die Botschaft offenbar verstanden, bevor sie ausgesendet wurde: Die scharfen Wechselkursschwankungen seien "nicht gut für die Weltwirtschaft", erklärte der Notenbanker.

Preisdruck wird weitergegeben

Die Probleme betreffen freilich bei weitem nicht nur die Exporte in den Dollarraum. Auch die Lieferungen in die Eurozone sind stark betroffen, weil die Abnehmer - beispielsweise die großen deutschen Autokonzerne - den vom Eurohoch ausgelösten Preisdruck weiter geben. Und überdies tummeln sich auf den Heimmärkten zusehends Konkurrenten aus dem Dollarraum, die ihren Währungsvorteil ausnützen.

FACC (Fischer Advanced Composite Components) hat sich seit einiger Zeit durch Hedging gegen den Dollarverfall abgesichert, erklärt Stephan. Bei einigen Kunden, wie Rolls Royce, würde seit zwei bis drei Jahren in den Lieferverträgen eine Wechselkurs-Bandbreite vereinbart, "das ist ein positiver Aspekt". Und bei Boeing gebe es offenbar Diskussionen darüber, ob man mit den Lieferanten Kursvereinbarungen treffen und damit das Risiko leichter bewältigbar machen solle.

KTM überdenkt Ausbau

"Unser Kunde Airbus leidet", erklärt Stephan, und "wir haben keine Illusionen darüber, dass er einen Teil seines Leids an die Lieferanten weitergibt", sagt er in Hinblick auf die Ankündigung rigoroser Sparmaßnahmen durch Airbus. Dessen Chef Thomas Enders hatte den Dollar-Fall am Donnerstag als "lebensbedrohlich" bezeichnet.

Gerda Königstorfer von Rosenbauer spricht von geringen Auswirkungen, weil der Spezialist für Feuerwehrfahrzeuge über drei Produktionsstätten in den USA verfügt. "Wir müssen allerdings das US-Ergebnis in Euro konsolidieren, da merkt man es schon", erklärt Königstorfer.

KTM überdenkt Expansionsstrategie

Patrick Prügger, Finanzvorstand von KTM, beziffert den Exportanteil des nordamerikanischen Raums mit 25 Prozent. Eine Absicherung durch Hedging-Instrumente gebe es derzeit nicht. "Die Situation ist nicht wirklich existenzbedrohend, drückt aber natürlich auf die Rentabilität", meint Prügger. Deshalb werde jetzt das Produktportfolio durchforstet und die geplante Expansionsstrategie überdacht. Anders die Situation etwa beim Gummi-Hersteller Semperit, der über die thailändische Produktion die Dollarschwäche einigermaßen abfangen kann, wie es aus dem Unternehmen heißt. "Hinsichtlich des Mitbewerbs tun sich Konkurrenten aus dem Dollarraum natürlich leichter, jedoch kommt die Billigkonkurrenz hauptsächlich aus dem asiatischen Raum", sagte ein hoher Manager, der namentlich nicht genannt werden wollte.

Die Schoeller-Bleckmann Oilfield Equipment AG in Ternitz, die mit ihren Produkten große Ölbohrfirmen wie Schlumberger, Baker Hughes und Halliburton versorgt, hat eine Exportquote von 100 Prozent. 80 Prozent des Umsatzes werden nach Angaben von Firmenchef Gerald Grohmann im Dollarraum gemacht. Ein Vorteil sei, dass auch 60 Prozent der Kosten in Dollar anfallen. Dennoch wirkt sich die Dollarschwäche aus. Grohmann "Eine Änderung des Euro/Dollar-Wechselkurses um zehn Cent beeinflusst unser EGT (Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit; Anm.) um acht bis zehn Millionen Euro."

Keine Trendumkehr erwartet

Mit Spannung wird nun erwartet, wie die Europäische Zentralbank auf die Währungsturbulenzen reagieren wird. Mit den für seine Verhältnisse deutlichen Worten, wonach er "brutale Bewegungen" an den Märkten missbillige, hat Trichet den gestrigen Euro-Aufschwung vorerst gebremst. Die Währung verlor nach dem Überschreiten der Marke von 1,49 Dollar an Terrain. An eine Trendumkehr glauben die meisten Beobachter jedoch nicht.

Weshalb immer häufiger über einen Eingriff der EZB in das Geschehen spekuliert wird. "Die Notenbanken beobachten die aktuellen Entwicklungen der Wechselkurse immer stärker", erklärte Folker Hellmeyer, Devisenexperte bei der Bayerischen Landesbank. (as, spu, stro, duba, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24./25.11.2007)

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