Im Kameraflug

24. April 2008, 11:05
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Bravour und Geschmeidigkeit - der Kameramann Michael Ballhaus

Eine gute Nachricht für das deutsche Kino. Einer der bedeutendsten Bilderschöpfer in Hollywood ist vor wenigen Monaten nach Berlin zurückgekehrt. Der 72-jährige Kameramann Michael Ballhaus, der einige der visuell opulentesten Filme von Martin Scorsese fotografiert hat, haust wieder in Berlin-Zehlendorf und widmet sich hinkünftig vor allem der Ausbildung des studentischen Nachwuchses an der "dffb", der Deutschen Film- und Fernsehakademie. Ob es dabei bleibt, dass "The Departed", Scorseses gefeiertes Gangster-versus-Cop-Epos, sein unwiderruflich letzter US-Film war, wird wohl noch für Spekulationen sorgen. Vielleicht klopft Marty ja noch einmal bei seinem "fliegenden Auge" an.

Intensive Zusammenarbeit

Andererseits ist Ballhaus kein Mensch, der seine Entscheidungen revidiert. Nach unglaublichen 18 Filmen, die er mit Rainer Werner Fassbinder in nur wenigen Jahren realisiert hat, beendete er nach "Die Ehe der Maria Braun" seine erste intensive Zusammenarbeit mit einem Ausnahmeregisseur. Fassbinder, berüchtigt für sein autoritäres Regime, das Mitarbeitern das Äußerste abforderte, hat mit Ballhaus am Ende nur über eine dritte Person kommuniziert. Die Kollaboration der beiden Autodidakten - weder Fassbinder noch Ballhaus hatten das Filmemachen je gelernt - brachte einige der wichtigsten und betörendsten Filme des deutschen Nachkriegskinos hervor, zum Beispiel "Die bitteren Tränen der Petra von Kant", "Martha" - mit der berühmtesten 360-Grad-Fahrt der Filmgeschichte -, "Satansbraten" oder "Chinesisches Roulette". Ein Glücksfall: Niemand außer Ballhaus hätte die maßlosen Vorstellungen von Fassbinder wohl sonst umsetzen können, noch dazu in solch denkbar knapp bemessenen Produktionszeiten. Die gleitenden Plansequenzen - Szenen, die nur aus einer Einstellung bestehen und normalerweise einer rigiden Planung bedürfen - fabrizierte er sozusagen im Handumdrehen.

Bis ins Detail geklaut

Zum Film kam Ballhaus, der 1935 in Berlin als Sohn eines Schauspielerehepaars geboren wurde, sozusagen aus Berufung. Er machte eine Fotografenausbildung, ehe es um ihn bei einem Setbesuch von Max Ophüls "Lola Montez" geschehen war: "Was ich schon alles geklaut habe von diesem Film - bis ins Detail! Es gibt Einstellungen in "The Age of Innocence", die sich unmittelbar an "Lola Montez" orientieren." Von Ophüls zu Scorsese führte der Weg über das deutsche Nachkriegs-TV und -kino und US-Independent-Regisseur John Sayles, der Ballhaus nach Amerika holte. Der erste Film mit Scorsese war die Komödie "After Hours" - danach folgten "The Last Temptation of Christ", "GoodFellas" oder "Gangs of New York". Wie schon bei Fassbinder behält Ballhaus' Kamera auch bei Scorsese stets eine erfinderische Note. Dabei beweist sein Kamerastil, der sich durch eine erstaunlich geschmeidige Beweglichkeit auszeichnet, seine technische Bravour nie auf Kosten der Integrität des ganzen Films. (Dominik Kamalzadeh/Der Standard/rondo/23/11/2007)
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