Der Seele ihr Bruder

22. Februar 2008, 16:18
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Der Wiener Dancefloor-Produzent Rodney Hunter veröffentlicht sein Album "Hunterville" - Ein Gespräch über die Seltsamkeiten des Jetsets, und die sich verändernde Mode im HipHop

Rodney Hunter sitzt mit Camouflage-Mütze im Kaffeehaus und spricht, über das Aufnahmegerät gebeugt, über sein neues Album "Hunterville", über seine Arbeit als Produzent und ein bisserl über Lifestyle und Mode. Muss sein. Einmal, weil es nach dem Interview ein Modeshooting mit ihm geben wird und weil sein Album ein Image verströmt, das, wie man so schön sagt, fashionable und stylish ist: Rodney mit Krawatte und Gilet im Privatjet, Rodney in Anzughose und edlem Hemd, einen Arm zum groovigen Fingerschnipp weggestreckt, als gelte es, an das Logo des Soul-Labels Stax zu erinnern. Weil: Soul ist wichtig, immer!

Grammy-Nominierung

Hunter: "Ich bin durch die Plattensammlung meines Dads geprägt worden. Da lief immer Soul und Funk. Die Alben der Average White Band kann ich heute noch alle auswendig." Das hört man "Hunterville" (Vertrieb: Soul Seduction) durchaus an: eine souveräne Mischung von Dancefloor, Disco, einigen 80er-Jahre-Abstechern und verfeinertem Funk. Das Image seiner beiden veröffentlichten Soloalben entspricht allerdings nicht so hundertprozentig dem des von HipHop sozialisierten Produzenten, der mit der Wiener HipHop-Formation Aphrodelics internationale Chartserfolge feierte und als Kompagnon von Werner Geier, mit dem er das Label Uptight betrieben hat, 1998 sogar eine Grammy-Nominierung einfuhr. Wie sehr klaffen da Realität und Image auseinander? Hunter: "Es gibt diesen Spruch von Peter Kruder. Der sagte mir einmal: ,Pass auf, ab 25 wird die Hose jedes Jahr ein Stück enger.' Ich dachte, dabei kann es sich nur um ein Gerücht handeln, aber es scheint zu stimmen. Es steigert ab einem gewissen Alter ein wenig die Seriosität. Ich bin 36, und der HipHop-Look ist Geschichte. Im HipHop selbst hat sich die Mode unter dem Einfluss von Kanye West und Pharrell Williams geändert. Doppel-X-Large ist heute vom Aussterben bedroht - außer wenn man es wirklich braucht."

Downtempo-Ästhetik

Hunter veröffentlicht auf dem Wiener G-Stone-Label, Heimstätte von Kruder und Dorfmeister, jenem Duo, das in den vergangenen zehn, zwölf Jahren der bekannteste internationale Act aus Österreich war, der die Downtempo-Ästhetik maßgeblich geprägt hat und im Dancefloor damit eine Zeitlang ganz vorn war. Welche Klientel bespielt man heute als G-Stoner? Hunter: "Ganz verschiedene. Manchmal sind es Underground-Clubs, dann wieder welche, für die die Musik vor allem ihren Lifestyle übersetzt. Man kommt damit aber auch an Orte, die einem sonst verwehrt blieben. Ich habe beispielsweise in Nikki Beach in Miami gespielt. Das ist ein Club ohne richtigen Eingang, man kommt nur über den Pier rein. Man braucht also ein Boot - und das muss mindestens vier Meter hoch sein - sonst kann man dort gar nicht anlegen. Das ist ein Club für die Top 100. Der Sound ist dort natürlich ein Lifestyle-Ding, mit dem sich die Leute total identifizieren. Ich taktiere ja nicht mit meiner Musik, darum ist es für mich als Hobby-Profiler immer spannend, welche Leute man anspricht und in welch seltsamen Filmen man teilweise landet."

Da drängt sich die Frage auf, was denn auf Rodney Hunters Rider steht, der Liste mit Bühnen- und Backstageanweisungen für Veranstalter. Champagner? Eselsmilchbäder? Hunter wehrt ab: "Ich bin da total bescheiden. Ich will eher eine Frittatensuppe, wenn das machbar ist, oder Tee. Auch das - eine Altersfrage."

Rockers Hi-Fi und Alex von Orb

Wilde Zeiten hat er natürlich auch erlebt. Schon als Teenager spielte Hunter bei den Charts-Stürmern Dr. Moreau's Creatures - später Moreaus -, einer Keimzelle der heimischen HipHop- und Dancefloor-Szene, in der Peter Kruder ebenso war wie Martin Forster alias Sugar B und Stefan Biedermann alias DJ DSL. 1994 überschlugen sich die Ereignis- se: "Durch die Leena-Conquest-Nummer "Boundaries", die wir produziert hatten, sind wir von den Stereo MCs unter Vertrag genommen worden, die ihr Label 4th & Broadway hatten. Ihr US-Partner Gee Street hat Werner und mich nach New York eingeladen, um zu schauen, ob wir nicht etwas machen wollen. Zwei, drei Monate. Einfach durch die Kataloge schnuppern und, wenn uns was gefällt, etwas aufarbeiten. Das waren wir, die Rockers Hi-Fi und Alex von Orb.

Wir sind in einem riesigen Studio am Times Square gesessen. Als ich einmal gejammert habe, dass es schwierig wäre, mit dem Programmieren nachzukommen, hat man uns gleich angeboten, ein zweites Studio im Hotelzimmer zu errichten. Kein Problem. Wir haben mit Leuten wie Q-Tip von A Tribe Called Quest zusammengearbeitet. Mobb Deep waren bei uns im Studio, die haben die Intros für ihr erstes Album allesamt in unserem Studio aufgenommen. Puff Daddy war damals noch Promoter.

Erinnerungen

Wir waren einmal auf dem Weg zu einer Radiostation mit neuen Tunes, als aus einem weißen Golf-Cabrio Puffy mit seinen Promo-Packerln aussteigt. Wir haben dann im Aufzug mit ihm gequatscht. Er war gerade dabei, die Promos der ersten Single von Notorious B.I.G. abzuliefern. Unser Promotor hat Puffy ermutigt, auch selbst weiterzumachen. Kurze Zeit später ist Bad Boy, Puffys Label, explodiert. Die hatte niemand auf dem Zettel. Innerhalb kürzester Zeit herrschte reine Hysterie. Das kann man sich alles kaum vorstellen."

Die Erinnerung an diese Zeit lassen Hunters Augen heute noch glänzen. Wenige Tage nach dem Gespräch im Kaffeehaus ereilt ihn die Nachricht, dass sein Freund Werner Geier 45-jährig seiner Krankheit erlegen ist. Weil das nicht ignoriert werden soll und kann, noch einmal Rodney: "Ich bin zutiefst erschüttert. Unsere gemeinsame Geschichte, das, was wir erlebt und bewegt haben, was ich von ihm, meinem Partner in Crime, lernen konnte - ich habe dem Wörns so viel zu verdanken! Ohne ihn wäre so vieles nicht möglich gewesen. Trotz tiefster Trauer ist es mein Trost, dass es ihm jetzt besser geht, dort oben, in der Vinylabteilung am Heaven's gate. I'm a believer!" (Karl Fluch/Der Standard/rondo/23/11/2007)

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    foto: der standard

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