Einst belächelt, ist die Energiegewinnung aus
nachwachsenden Rohstoffen längst im
Mainstream angekommen
Wie ein Öko-Vorzeigeprojekt
in einer südburgenländischen Stadt
und die Entwicklung neuer Heizöfen mitten im
Mostviertel zeigen.
Reinhard Koch ist nicht verrückt.
Dass ihn aber alle für
verrückt erklärten, als er vor
fast zwanzig Jahren seine Visionen
verwirklichen wollte,
wurmt ihn noch immer. „Alle
Experten sagten mir: Was du
vorhast, ist ein Riesenblödsinn“,
erinnert er sich. Trotzig
probierte er es dennoch. Und
schuf ein burgenländisches
Öko-Vorzeigeprojekt.
Die Episode trug sich vor
beinahe zwanzig Jahren im
südburgenländischen Güssing
zu. Heute ist sie Teil der
Ortschronik, und die Stadt kokettiert
noch immer damit.
Wie das kleine gallische Dorf,
in dem Asterix und Obelix lebten,
habe Güssing seinerzeit
der Außenwelt getrotzt, heißt
es im Internet: Wir, allein gegen
alle. Koch, damals noch
Techniker in der Stadt, überzeugte
den Gemeinderat von
einem Konzept, das Experten
für völlig unrealistisch hielten:
Güssing sollte unabhängig
werden von Öl-Multis und
zugekauftem Strom, durch die
das Geld der Stadt abfloss. Die
Vision lautete: Wir machen
unsere Energie selber, und
zwar aus umweltfreundlichen
Rohstoffen.
Heute wird in Güssing viel
mehr Strom erzeugt, als die
Stadt braucht: in Biogasanlagen,
Solar-Panels und Biomasse-
Kraftwerken. Den Überschuss
verkauft Güssing als
Öko-Strom für gutes Geld. Die
Technik dafür musste erst neu
entwickelt werden. Auch dieses
Know-how wird zu Geld
gemacht, im neu erbauten
„Europäischen Zentrum für
erneuerbare Energie“. Der
einst verlachte Visionär Koch
ist heute Geschäftsführer des
Zentrums.
Pro Woche kommen 400 Besucher
aus aller Welt, um sich
etwas abzuschauen: „Öko-
Touristen“, spötteln die Stadtvertreter.
Heroisch war die
Entscheidung nämlich nicht,
gibt Koch unumwunden zu:
„Wir hatten nicht die Umwelt
im Kopf, das war eine Entscheidung
aus der Not heraus.
Es ging darum, Geld in die Region
zu bringen“.
Das Güssinger Modell hat
funktioniert. Ermöglicht wurde
das aber erst durch Fördergelder
der Europäischen Union.
Das verhalf dem vor zwanzig
Jahren noch verarmten
Güssing zu bescheidenem
Wohlstand. Neue Firmen haben
sich angesiedelt, weil
Energie so günstig ist, und
brachten mehr als tausend
neue Arbeitsplätze mit. Güssing
hatte einfach den richtigen
Riecher zur richtigen Zeit.
CO2 als Killerargument
Denn Energie aus Biomasse
zu erzeugen ist mittlerweile
in. Seit zwei Jahren müssen
die Tankstellen dem Sprit
auch eine bestimmte Menge
Bio-Diesel zumischen, der vor
Ort aus Pflanzen gewonnen
wird. Weil diese Pflanzen
beim Wachsen genau so viel
Kohlendioxid in Sauerstoff
umwandeln, wie beim Verbrennen
wieder entsteht, ist
Bio-Diesel CO2-neutral – im
Gegensatz zu Erdöl, in dem
das derzeit als „Klimakiller“
verschriene Kohlendioxid
über Jahrtausende gespeichert
war.
Aufgeschreckt durch die
Horrormeldungen vom Klimawandel,
denken vor allem die
Jüngeren darüber nach, in
welcher Welt sie einmal leben
wollen und engagieren sich
für den Ausbau klimafreundlicher
Energieerzeugung.
So forscht etwa in Wieselburg,
mitten im Mostviertel,
eine solche Gruppe junger
Wissenschafter. „Austrian
Bioenergy-Center“ heißt das
Zentrum, in dem die Heizöfen der Zukunft entworfen werden.
Ihr Chef, Walter Haslinger,
kommt im Rollkragenpulli
daher und verbittet sich den
„Herrn Doktor Haslinger“ aufs
Schärfste. „Wir mögen hier
keine Titel“, sagt Haslinger,
„unsere Mitarbeiter sind ja
durchschnittlich nur dreißig
Jahre alt“.
Zielgruppengerecht verpackt
Haslinger seine Message:
Energie aus Biomasse ist
einfach nur cool. „Das ist echt
ein Wahnsinn“, schwärmt er.
Einen neuen Ofen eines Salzburger
Herstellers findet er
„verdammt geil“. Und die neuesten
Entwicklungen auf dem
Markt sind „echt sexy“. DreißigMitarbeiter
gibt es bei Austrian
Bio-Energy, davon sind
27 Forscher. Die Jüngsten unter
ihnen sind gerade mal Mitte
Zwanzig. „Die Buben sind
auf einem guten Weg“, meint
Haslinger, „unsere Kunden
decken mittlerweile rund zwei
Drittel des Marktes ab“.
Basteln am Öko-Ofen
Im Auftrag der Industrie suchen
sie nach Wegen, wie man
umweltfreundlicher heizen
kann. Da wird alles Mögliche
verbrannt, um vielleicht neue
Energieträger zu finden. An
Heizöfen wird so lange herumgebastelt,
bis sie praktisch keine
schädlichen Abgase mehr
in die Luft pusten, und so effizient
wie möglich laufen. Und
das Auge streicheln sollen sie
auch noch. Dafür sorgt Forscher
„Blacky“, der Ästhet des
Zentrums. „Diese Flamme ist
noch nicht sehr schön“, kommentiert
er trocken, „sie müsste
viel weicher sein“.
Durch die Werkstatt des
Zentrums streicht ein Hauch
von Zukunft, verspricht Haslinger,
und führt stolz die neueste
Erfindung vor: einen
Holzofen, der ohne Stromanschluss
auskommt. Wofür benötigt
ein Holzofen bitteschön
Strom, und was ist das Besondere
daran, wenn er ohne auskommt?
„Die Pumpen bei herkömmlichen
Öfen brauchen
Strom“, erwidert Haslinger,
„und wenn Sie mal in einem
Gebiet sind, wo im Winter tagelang
der Strom ausfällt,
dann finden Sie diesen Ofen
auch verdammt sexy!“
Energie umweltfreundlich
zu erzeugen, macht Schule.
Viele kleinere Gemeinden in
Österreich eifern dem Güssinger
Vorbild nach. Aber auch
die Millionenstadt Wien experimentiert
schon fleißig. Erst
kürzlich ging ein Biomasse-
Kraftwerk in Wien-Simmering
ans Netz, das mit Holzschnitzeln
aus dem Wald läuft. Die
Wien-Energie nennt es das
„Wald-Biomassekraftwerk“.
Fast die halbe Fläche Österreichs
ist bewaldet, da wären
doch noch einige Megatonnen
Energie zu holen.
„Das Gebot der Stunde ist
aber, dass man jetzt nicht
überdimensioniert“, meldet
sich der Güssinger Reinhard
Koch wieder zu Wort. Wer
jetzt im Ökorausch mehr abholzt,
als nachwachsen kann,
schade der Umwelt wieder,
warnt er. Dies wäre schließlich
auch aus ökonomischer
Sicht nicht sinnvoll.
WISSEN Österreich
Von den Centrope-Regionen
Österreichs, gilt vor
allem das Südburgenland
als ländliche Peripheriegegend.
Mit EUFörderungen
wurde ein
starker Anstieg des BIP
und der Erwerbstätigenquote
erreicht, allerdings
auf niedrigem Niveau. In
Niederösterreich konnte
in den letzten Jahren,
dank einer Export orientierten
Industrie, ein BIPWachstum
festgestellt
werden. Die Arbeitslosenrate
liegt im österreichischen
Durchschnitt.
Wien ist mit einem hohen
BIP pro Kopf (179,9%
über den EU-Schnitt, gemessen
an der Kaufkraftparität)
die reichste Stadt
in der Centrope. (red)