Energie am längeren Ast

Redaktion, 21. November 2007, 17:55
  • Artikelbild
    foto: rudolf semotan
  • Artikelbild
    foto: rudolf semotan

    Walter Haslinger, Leiter des „Austrian Bioenergy-Center“, erklärt die neueste Ofenerrungenschaft

Einst belächelt, ist die Energiegewinnung aus nachwachsenden Rohstoffen längst im Mainstream angekommen

Wie ein Öko-Vorzeigeprojekt in einer südburgenländischen Stadt und die Entwicklung neuer Heizöfen mitten im Mostviertel zeigen.

Reinhard Koch ist nicht verrückt. Dass ihn aber alle für verrückt erklärten, als er vor fast zwanzig Jahren seine Visionen verwirklichen wollte, wurmt ihn noch immer. „Alle Experten sagten mir: Was du vorhast, ist ein Riesenblödsinn“, erinnert er sich. Trotzig probierte er es dennoch. Und schuf ein burgenländisches Öko-Vorzeigeprojekt.

Die Episode trug sich vor beinahe zwanzig Jahren im südburgenländischen Güssing zu. Heute ist sie Teil der Ortschronik, und die Stadt kokettiert noch immer damit. Wie das kleine gallische Dorf, in dem Asterix und Obelix lebten, habe Güssing seinerzeit der Außenwelt getrotzt, heißt es im Internet: Wir, allein gegen alle. Koch, damals noch Techniker in der Stadt, überzeugte den Gemeinderat von einem Konzept, das Experten für völlig unrealistisch hielten: Güssing sollte unabhängig werden von Öl-Multis und zugekauftem Strom, durch die das Geld der Stadt abfloss. Die Vision lautete: Wir machen unsere Energie selber, und zwar aus umweltfreundlichen Rohstoffen.

Heute wird in Güssing viel mehr Strom erzeugt, als die Stadt braucht: in Biogasanlagen, Solar-Panels und Biomasse- Kraftwerken. Den Überschuss verkauft Güssing als Öko-Strom für gutes Geld. Die Technik dafür musste erst neu entwickelt werden. Auch dieses Know-how wird zu Geld gemacht, im neu erbauten „Europäischen Zentrum für erneuerbare Energie“. Der einst verlachte Visionär Koch ist heute Geschäftsführer des Zentrums.

Pro Woche kommen 400 Besucher aus aller Welt, um sich etwas abzuschauen: „Öko- Touristen“, spötteln die Stadtvertreter. Heroisch war die Entscheidung nämlich nicht, gibt Koch unumwunden zu: „Wir hatten nicht die Umwelt im Kopf, das war eine Entscheidung aus der Not heraus. Es ging darum, Geld in die Region zu bringen“.

Das Güssinger Modell hat funktioniert. Ermöglicht wurde das aber erst durch Fördergelder der Europäischen Union. Das verhalf dem vor zwanzig Jahren noch verarmten Güssing zu bescheidenem Wohlstand. Neue Firmen haben sich angesiedelt, weil Energie so günstig ist, und brachten mehr als tausend neue Arbeitsplätze mit. Güssing hatte einfach den richtigen Riecher zur richtigen Zeit.

CO2 als Killerargument

Denn Energie aus Biomasse zu erzeugen ist mittlerweile in. Seit zwei Jahren müssen die Tankstellen dem Sprit auch eine bestimmte Menge Bio-Diesel zumischen, der vor Ort aus Pflanzen gewonnen wird. Weil diese Pflanzen beim Wachsen genau so viel Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln, wie beim Verbrennen wieder entsteht, ist Bio-Diesel CO2-neutral – im Gegensatz zu Erdöl, in dem das derzeit als „Klimakiller“ verschriene Kohlendioxid über Jahrtausende gespeichert war.

Aufgeschreckt durch die Horrormeldungen vom Klimawandel, denken vor allem die Jüngeren darüber nach, in welcher Welt sie einmal leben wollen und engagieren sich für den Ausbau klimafreundlicher Energieerzeugung.

So forscht etwa in Wieselburg, mitten im Mostviertel, eine solche Gruppe junger Wissenschafter. „Austrian Bioenergy-Center“ heißt das Zentrum, in dem die Heizöfen der Zukunft entworfen werden. Ihr Chef, Walter Haslinger, kommt im Rollkragenpulli daher und verbittet sich den „Herrn Doktor Haslinger“ aufs Schärfste. „Wir mögen hier keine Titel“, sagt Haslinger, „unsere Mitarbeiter sind ja durchschnittlich nur dreißig Jahre alt“.

Zielgruppengerecht verpackt Haslinger seine Message: Energie aus Biomasse ist einfach nur cool. „Das ist echt ein Wahnsinn“, schwärmt er. Einen neuen Ofen eines Salzburger Herstellers findet er „verdammt geil“. Und die neuesten Entwicklungen auf dem Markt sind „echt sexy“. DreißigMitarbeiter gibt es bei Austrian Bio-Energy, davon sind 27 Forscher. Die Jüngsten unter ihnen sind gerade mal Mitte Zwanzig. „Die Buben sind auf einem guten Weg“, meint Haslinger, „unsere Kunden decken mittlerweile rund zwei Drittel des Marktes ab“.

Basteln am Öko-Ofen

Im Auftrag der Industrie suchen sie nach Wegen, wie man umweltfreundlicher heizen kann. Da wird alles Mögliche verbrannt, um vielleicht neue Energieträger zu finden. An Heizöfen wird so lange herumgebastelt, bis sie praktisch keine schädlichen Abgase mehr in die Luft pusten, und so effizient wie möglich laufen. Und das Auge streicheln sollen sie auch noch. Dafür sorgt Forscher „Blacky“, der Ästhet des Zentrums. „Diese Flamme ist noch nicht sehr schön“, kommentiert er trocken, „sie müsste viel weicher sein“.

Durch die Werkstatt des Zentrums streicht ein Hauch von Zukunft, verspricht Haslinger, und führt stolz die neueste Erfindung vor: einen Holzofen, der ohne Stromanschluss auskommt. Wofür benötigt ein Holzofen bitteschön Strom, und was ist das Besondere daran, wenn er ohne auskommt? „Die Pumpen bei herkömmlichen Öfen brauchen Strom“, erwidert Haslinger, „und wenn Sie mal in einem Gebiet sind, wo im Winter tagelang der Strom ausfällt, dann finden Sie diesen Ofen auch verdammt sexy!“

Energie umweltfreundlich zu erzeugen, macht Schule. Viele kleinere Gemeinden in Österreich eifern dem Güssinger Vorbild nach. Aber auch die Millionenstadt Wien experimentiert schon fleißig. Erst kürzlich ging ein Biomasse- Kraftwerk in Wien-Simmering ans Netz, das mit Holzschnitzeln aus dem Wald läuft. Die Wien-Energie nennt es das „Wald-Biomassekraftwerk“. Fast die halbe Fläche Österreichs ist bewaldet, da wären doch noch einige Megatonnen Energie zu holen.

„Das Gebot der Stunde ist aber, dass man jetzt nicht überdimensioniert“, meldet sich der Güssinger Reinhard Koch wieder zu Wort. Wer jetzt im Ökorausch mehr abholzt, als nachwachsen kann, schade der Umwelt wieder, warnt er. Dies wäre schließlich auch aus ökonomischer Sicht nicht sinnvoll.

WISSEN Österreich

Von den Centrope-Regionen Österreichs, gilt vor allem das Südburgenland als ländliche Peripheriegegend. Mit EUFörderungen wurde ein starker Anstieg des BIP und der Erwerbstätigenquote erreicht, allerdings auf niedrigem Niveau. In Niederösterreich konnte in den letzten Jahren, dank einer Export orientierten Industrie, ein BIPWachstum festgestellt werden. Die Arbeitslosenrate liegt im österreichischen Durchschnitt. Wien ist mit einem hohen BIP pro Kopf (179,9% über den EU-Schnitt, gemessen an der Kaufkraftparität) die reichste Stadt in der Centrope. (red)
systemfehler1
00
27.11.2007, 06:19
Gute Sache,

daß mit dem Biosprit ist aber fragwürdig, wie bereits bewiesen.

yomellamo
01
27.11.2007, 12:35
.. auf jeden fall weniger fragwuerdig als sprit aus erdoel,

aber sie haben recht, Biosprit kann bedenklich sein wenn es "Agrosprit" ist und auf plantagen hergestellt wird zu deren pflanzung zuerst ein haufen urwald gerodet wurde und zu dessen bestellung ein haufen Leute ausgebeutet und zu dessen kultivierung ein haufen herbi- und sonstige "zide" verwendet werden.

biosprit ist allerdings IMHO eine gute Sache, wenn nicht die Fruechte, sondern der rest der biomasse zu desshen herstellung verwendet wird und die herstellung so weit als moeglich so lokal als moeglich erfolgt..

und reduzieren sollten wir unseren verbrauch auch..

Knicknack
00
27.11.2007, 14:23
Gute Zusammenfassung!

Wobei es auch schon umweltschonende Ansätze beim Anbau von Energiepflanzen gibt, die ohne Kunstdünger oder Pestizide gedeihen und kein soziales Elend verursachen.
Schweden ist hier Vorreiter.

jumpingjack flash
00
27.11.2007, 01:03
mist. wieder nix mit energie sparen

rechnen tut sich das projekt durch die vielen ökotouristen - die mit viel energieaufwand aus der ganzen welt nach güssing fahren

Knicknack
00
27.11.2007, 14:26
Heute wird in Güssing viel mehr Strom erzeugt, als die Stadt braucht

Damit hat man (zumindest theoretisch) 100% der fossilen Energieträger eingespart.
Und der eine oder andere 'Öko-Tourist' wird vielleicht die Ideen mit nachhause nehmen, um dort Verbesserungen zu erreichen.

Juergen1975
00
26.11.2007, 17:56
Welcher Salzburger Hersteller?

Einen neuen Ofen eines Salzburger Herstellers findet er „verdammt geil“

Weiss wer von welcher Firma hier gesprochen wird?

rhube4
00
26.11.2007, 20:15
ich kenne in Salzburg nur

zwei Hersteller, zum einen die Fa. Anton Eder in Bramberg und zum anderen die Firma Windhager in Seekirchen.

der Rabe
00
26.11.2007, 20:29
Von Windhager kommt sicher kein "verdammt geiler"


Dann blieben noch die Firmen SHT oder Biotech.

Joseph EU
00
26.11.2007, 19:36
ja das wäre eine gute Information..........

P.S. Von Güssing lernen - heisst siegen lernen !!!!!!
Endlich ist dieser Spruch einmal was wert.....!!!!

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.