Der Cluster „biterap“ in Bratislava vereint IKT-KMU
Als Peter Linhardt, Chef des
Bratislavaer Software-Unternehmens
Finesoft, vor einem
Monat in der slowakischen
Kleinstadt Štúrovo vor 35 Bürgermeistern
einen Vortrag
hielt, zitierte er Martin Luther
King. „Ich habe einen Traum“,
versuchte er seine Zuhörer zu
begeistern – für eine effiziente
und sparsame Verwaltung ihrer
Kommunen. Linhardts Firma
ist Teil des slowakischen
IKT (Informations- und Kommunikations-
Technologie)-
Clusters biterap. Die darin zusammengeschlossenen
zehn
Unternehmen und zwei Universitäten
haben einen Weg
gefunden,umdie chronisch finanzschwachen
Gemeinden
in dem ehemals kommunistischen
Land an die Segnungen
moderner Verwaltungs-Software
heranzuführen, ohne dass
diese dabei ihre Haushaltsmittel
heillos erschöpfen müssen.
„Wir bieten Shareware an,
legal und lizensiert“, erklärt
Linhardt. „Die Programme liegen
auf einem Server, zu denen
wir ihnen den Zugang geben.
Sie brauchen keine Software
zu kaufen, sondern bezahlen
für die Zeit der Nutzung,
wie bei einer Telefonleitung.“
25 Kommunen haben
sich dieser Initiative bislang
angeschlossen, es sollen noch
mehr dazukommen. „Sie müssen
sich mal so ein Bürgermeisteramt
auf dem Land ansehen“,
meint biterap-Präsident
Ján Chudík. „Zum Teil
hacken die Beamten auf alten
Commodore-PCs herum. Das
Gregor Mayer aus Bratislava sind museale Gegenstände.“
Linhardt, Informatik-Professor
Chudík und Immobilien-
Developper Ján Strelecký
bilden die Troika an der Spitze
des ersten slowakischen
IKT-Clusters. Sie treffen sich
regelmäßig im Haus Zochova
Nr. 5 am Fuß der Preßburger
Burg. Streleckýs Consultingund
Immobilien-Firma BICGroup
hat das Gebäude, das
von der jüdischen Gemeinde
gemietet wird, renoviert und
zum modernen Büro- und
Business-Zentrum umgebaut.
Die Räume sind hell und licht,
die Gänge in dem historischen
Altbau etwas verwinkelt.
Die drei Herren sind alle
Mitte 50 und erlebten es auch
als einen persönlichen Umbruch,
als die demokratische
Wende vor 17 Jahren die Verhältnisse
in der damaligen
Tschechoslowakei auf den
Kopf stellte. Nicht nur technologische
Rückstände waren
aufzuholen, denn im Westen,
der das Modell war, ereignete
sich selbst eine Revolution der
Informations- und Kommunikationstechnologie.
Wer mithalten
wollte, musste umsatteln.
Linhardt und Strelecký,
beide studierte Maschinenbau-
Ingenieure, wechselten
mit ihren Firmengründungen komplett das Profil. Chudík
begab sich von den Höhen eines
der Erforschung der künstlichen
Intelligenz geweihten
Daseins an der Slowakischen
Akademie der Wissenschaften
in die Niederungen des Geschäftslebens.
Synergien nutzen
Biterap gründeten sie vor
vier Jahren. „Die IT-Firmen in
der Slowakei sind in der Regel
sehr klein“, erläutert Chudík
die Motive. „Man scheut einander
aus Angst vor Konkurrenz,
aber wir wollten dieses Denken
überwindenundsehen, ob sich
nicht die Synergien nutzen ließen.“
Tatsächlich sind die Partner
in diesem Cluster so zusammengesetzt,
dass sie sich
mit ihren Produkten nicht gegenseitig
Konkurrenz machen.
Neben den kleinen und mittleren
Betrieben sind auch Große
dabei wie die slowakischen
Niederlassungen von Microsoft
und Hewlett-Packard.
In Österreich sind die Mentalitäten
in der IKT-Branche
nicht wesentlich anders. Auf
dem gewachsenen Institutionen-
Boden des Landes geht die
Netzwerk-Bildung aber auch
von öffentlichen Einrichtungen
aus. Das Projekt Vienna IT
Enterprises (VITE), eine Schöpfung
des Wiener Wirtschaftsförderungs-
Fonds (WWFF), hat
inzwischen 130 Teilnehmer.
„Gerade kleine Unternehmen
haben nicht so den Überblick
über den Markt“, führt Projektmanager
Bernhard Schmid
aus. „Wir können dabei helfen,
die richtigen Kontakte, die
verläßlichen Partner zu finden.“
Der rasch zusammenwachsende
Markt der Centrope-
Region verlangt nach
grenzüberschreitendem Technologie-
Transfer. So lag es auf
der Hand, dass biterap und
VITE, die inzwischen auch mit
Clustern in Tschechien und
Ungarn kooperieren, zueinanderfanden.
Mit dem Projekt
CITT (Centrope ICTTechnology
Transfer) hat man sich Großes
vorgenommen: die Organisation
eines effizienten Zugangs
der Business-Partner zu
den Forschungsergebnissen
von Universitäten und Hochschulen.
Ein erster Erfolg ist
bereits zu verbuchen: die EU
sprach dem von VITE angeregten
Projekt vor wenigen Wochen
im Rahmen ihres 7. Forschungsrahmenprogramms
eine Förderung zu.
WISSEN Slowakei
Die Centrope-Regionen
Bratislava und Trnava
sind die wirtschaflich
stärksten Teile der Slowakei.
Beide haben ein
überdurschnittliches
Wirtschaftswachstum:
Stieg die Arbeitsproduktivität
im Durchschnitt
von 2001 bis 2005 um 42
Prozent, konnte im gleichen
Zeitraum in den
beiden Regionen ein Anstieg
von 55 (Bratislava)
bzw. 54 Prozent (Trnava)
beobachtet werden. Bratislava
hat zudem die
niedrigste Arbeitslosenrate
des Landes. (red)