Der „Centrope Business & Labour
Report“ des WIFO vergleicht
erstmals die einzelnen Regionen
nach wirtschaftlichen Kriterien.
Mit Studienmitautor Peter Huber
sprach Markus Böhm
Standard: Was macht diese Region,
de facto ein Konstrukt,
wirtschaftlich so spannend?
Peter Huber: Centrope liegt an
der Grenze von vier Staaten,
die immer noch sehr unterschiedlich
sind. Hier treffen
Regionen mit hohem Entwicklungsniveau
auf rasch wachsende
Regionen mit geringerem
Einkommensniveau. Centrope
liegt zwischen dem wirtschaftlichen
Zentrum und den
am raschesten wachsenden
Regionen Europas. Das wirtschaftliche
Zentrum, wo auch
die meiste Kaufkraft ist, liegt
an der deutsch-französischen
Grenze. Während wir in östlicher
Richtung jene Regionen
haben, die am stärksten wachsen.
Centrope ist bestimmt ein
Konstrukt, das letztendlich
vom politischen Willen lebt.
Standard: Welche Bedeutung
hat das für die Standortpolitik
bestimmter Unternehmen?
Huber: Es ist kein Zufall, dass
sich in so einer Region die Zulieferindustrien
ansiedeln, etwa für die Automobilindustrie.
Für diese Industrien heißt
das einerseits, dass man nahe
am Kunden, an der Kaufkraft
ist. Andererseits ist man nahe
an den Wachstumsmärkten.
Standard: Woran liegt es, dass
Bratislava boomt? Am Steuersatz,
an den Lohnkosten?
Huber: Dies mit der Steuer zu
gegründen, greift zu kurz. Es
gibt in der Wirtschaft prinzipiell
die Tendenz, dass die Ärmeren
schneller wachsen als
die Reichen. Klar gibt es Konvergenztendenzen.
Bratislava
hat sicher einen Standortvorteil
was das Lohnniveau betrifft
und überdies eine entsprechend
gut ausgebildete
Bevölkerung. Die Slowakei ist
in einer Phase des technologischen
Aufholens. Dies trifft
auch auf Ungarn zu, dieses hat
mittlerweile eine Exportstruktur,
die im Hochtechnologiebereich
durchaus mit der
österreichischen vergleichbar
ist.
Standard: Ist das Lohnniveau
der Region bereits vergleichbar
mit dem in Österreich?
Huber: Es gibt noch eklatante
Unterschiede. Das drückt sich
etwa im BIP pro Kopf, der
Wertschöpfung aus: 172 Prozent
in Wien verglichen mit
dem EU-Durchschnitt und 56
Prozent in Trnava. Aber auch
in Bratislava liegt das BIP pro
Kopf bereits bei 120 Prozent
des EU-Durchschnitts. Das
sind die maximalen Disparitäten
innerhalb der Region, die
durch die Unterschiede zwischen
Ost und West und durch
den Unterschied zwischen
städtischen und ländlichen
Regionen bestimmt werden.
Im Lohn ist diese Differenz sicher
noch einmal größer.
Standard: Wie sehr trifft der
vorherrschende Fachkräftemangel
Centrope?
Huber: In Tschechien und der
Slowakei ist er vor allem im
automotive Bereich spürbar.
In Westungarn sind es vor allem
die technologieintensiveren
Bereiche der Produktion.
Der wirtschaftliche Boom –
der langfristig nur mit zusätzlichen
Arbeitskräften fortgesetzt
werden kann – führte in
einigen Regionen und Sektoren
zu einem Mangel an Facharbeitern.
Das sieht man auch
an den Länderstatistiken:
Mittlerweile sind auch neuen
Mitgliedsländer der Centrope
Einwanderungsländer. Man
holt sich die Arbeitskräfte beispielsweise
aus der Ukraine
oder schon weiter östlich.
Standard: Welche Sektoren
boomen wo?
Huber: Die Automobilindustrie
läuft durchgehend gut.
Hier funktioniert auch der
Austausch grenzüberschreitend
sehr gut. Regional ist
auch der Dienstleistungsbereich
gut aufgestellt. In den
neuen Mitgliedsstaaten der
Centrope korreliert das
Wachstum sehr stark mit den
Direktinvestitionen. So sieht
man zum Beispiel in Westungarn
eine klare Differenzierung:
Direktinvestitionen bedingen
den Boom. Wichtiger
aber ist die Frage, ob diese Direktinvestitionen
auch eine
Headquarter-Funktion nach
sich ziehen oder nur verlängerte
Werkbänke sind.
Standard: Gibt es solche Tendenzen?
Huber: In Vas sind einige Unternehmen
hinzugekommen,
bei denen man den Verdacht hat, dass sie verlängerte Werkbänke
sind. Sie integrieren
sich schlecht in die Wirtschaft.
In Györ wiederum ist
das spürbar anders. In Westungarn
gibt es zudem bereits
Auslagerungstendenzen in
den Niedriglohnbereich. In
der Textilindustrie zum Beispiel.
Mittlerweile wandern
die Produzenten aus. Ein weiterer
wichtiger Zweig in der
Region ist der Maschinenbau.
Hier ist die Performance gespalten:
Technologieintensive
Produktionen boomen, bei
„einfacheren“ Tätigkeiten ist
ein Restrukturierungsprozess
zu bemerken. Bratislava hat
auch eine sehr starke Entwicklung
im Dienstleistungsbereich.
Hier entsteht ein zweiter
Pol.
Standard: Wie schauen die
Prognosen für Centrope aus?
Huber: Die Region steht vor ein
paar ganz entscheidenden
Entwicklungen: die zunehmende
Integration in Europa,
der Wegfall der Übergangsfristen.
Jedes vierte Unternehmen
aus der Region kooperiert bereits
mit einem Unternehmen
aus einem anderen Land. Am
Arbeitsmarkt hingegenkommt
es bisher zu keinem erwähnenswerten
Austausch. Hier
wird sich im kommenden
Jahrzehnt einiges tun. Was gut
ist, weil funktionierende Regionen
immer durch einen regen
Austausch auf Arbeitsund
Gütermärkten gekennzeichnet
sind. Es wird außerdem
zu einem weitgehenden
Strukturwandel kommen. Die
Frage ist: Wie kann der Strukturwandel
bewältigt und sozial
begleitet werden? Schließlich
werden wir einen weiteren
Aufholprozess sehen. Es
wird zu einer Nivellierung der
Differentiale kommen. Das
wird zwar Jahrzehnte dauern,
aber es kommt. Ich bin daher
sehr optimistisch, dass Centrope
weiterhin eine ökonomisch
erfolgreiche Region
sein wird.
ZUR PERSON:
Peter Huber (40) ist wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO).
Er ist Mitautor des „Centrope Business & Labour Reports“