Aufholprozess und Strukturwandel

Redaktion, 21. November 2007, 17:17
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    foto: martin fuchs

    "In Centrope treffen Regionen mit hohem Entwicklungsniveau auf rasch wachsende Regionen mit geringem Einkommensniveau"

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Der „Centrope Business & Labour Report“ des WIFO vergleicht erstmals die einzelnen Regionen nach wirtschaftlichen Kriterien. Mit Studienmitautor Peter Huber sprach Markus Böhm

Standard: Was macht diese Region, de facto ein Konstrukt, wirtschaftlich so spannend?

Peter Huber: Centrope liegt an der Grenze von vier Staaten, die immer noch sehr unterschiedlich sind. Hier treffen Regionen mit hohem Entwicklungsniveau auf rasch wachsende Regionen mit geringerem Einkommensniveau. Centrope liegt zwischen dem wirtschaftlichen Zentrum und den am raschesten wachsenden Regionen Europas. Das wirtschaftliche Zentrum, wo auch die meiste Kaufkraft ist, liegt an der deutsch-französischen Grenze. Während wir in östlicher Richtung jene Regionen haben, die am stärksten wachsen. Centrope ist bestimmt ein Konstrukt, das letztendlich vom politischen Willen lebt.

Standard: Welche Bedeutung hat das für die Standortpolitik bestimmter Unternehmen?

Huber: Es ist kein Zufall, dass sich in so einer Region die Zulieferindustrien ansiedeln, etwa für die Automobilindustrie. Für diese Industrien heißt das einerseits, dass man nahe am Kunden, an der Kaufkraft ist. Andererseits ist man nahe an den Wachstumsmärkten.

Standard: Woran liegt es, dass Bratislava boomt? Am Steuersatz, an den Lohnkosten?

Huber: Dies mit der Steuer zu gegründen, greift zu kurz. Es gibt in der Wirtschaft prinzipiell die Tendenz, dass die Ärmeren schneller wachsen als die Reichen. Klar gibt es Konvergenztendenzen. Bratislava hat sicher einen Standortvorteil was das Lohnniveau betrifft und überdies eine entsprechend gut ausgebildete Bevölkerung. Die Slowakei ist in einer Phase des technologischen Aufholens. Dies trifft auch auf Ungarn zu, dieses hat mittlerweile eine Exportstruktur, die im Hochtechnologiebereich durchaus mit der österreichischen vergleichbar ist.

Standard: Ist das Lohnniveau der Region bereits vergleichbar mit dem in Österreich?

Huber: Es gibt noch eklatante Unterschiede. Das drückt sich etwa im BIP pro Kopf, der Wertschöpfung aus: 172 Prozent in Wien verglichen mit dem EU-Durchschnitt und 56 Prozent in Trnava. Aber auch in Bratislava liegt das BIP pro Kopf bereits bei 120 Prozent des EU-Durchschnitts. Das sind die maximalen Disparitäten innerhalb der Region, die durch die Unterschiede zwischen Ost und West und durch den Unterschied zwischen städtischen und ländlichen Regionen bestimmt werden. Im Lohn ist diese Differenz sicher noch einmal größer.

Standard: Wie sehr trifft der vorherrschende Fachkräftemangel Centrope?

Huber: In Tschechien und der Slowakei ist er vor allem im automotive Bereich spürbar. In Westungarn sind es vor allem die technologieintensiveren Bereiche der Produktion. Der wirtschaftliche Boom – der langfristig nur mit zusätzlichen Arbeitskräften fortgesetzt werden kann – führte in einigen Regionen und Sektoren zu einem Mangel an Facharbeitern. Das sieht man auch an den Länderstatistiken: Mittlerweile sind auch neuen Mitgliedsländer der Centrope Einwanderungsländer. Man holt sich die Arbeitskräfte beispielsweise aus der Ukraine oder schon weiter östlich.

Standard: Welche Sektoren boomen wo?

Huber: Die Automobilindustrie läuft durchgehend gut. Hier funktioniert auch der Austausch grenzüberschreitend sehr gut. Regional ist auch der Dienstleistungsbereich gut aufgestellt. In den neuen Mitgliedsstaaten der Centrope korreliert das Wachstum sehr stark mit den Direktinvestitionen. So sieht man zum Beispiel in Westungarn eine klare Differenzierung: Direktinvestitionen bedingen den Boom. Wichtiger aber ist die Frage, ob diese Direktinvestitionen auch eine Headquarter-Funktion nach sich ziehen oder nur verlängerte Werkbänke sind.

Standard: Gibt es solche Tendenzen?

Huber: In Vas sind einige Unternehmen hinzugekommen, bei denen man den Verdacht hat, dass sie verlängerte Werkbänke sind. Sie integrieren sich schlecht in die Wirtschaft. In Györ wiederum ist das spürbar anders. In Westungarn gibt es zudem bereits Auslagerungstendenzen in den Niedriglohnbereich. In der Textilindustrie zum Beispiel. Mittlerweile wandern die Produzenten aus. Ein weiterer wichtiger Zweig in der Region ist der Maschinenbau. Hier ist die Performance gespalten: Technologieintensive Produktionen boomen, bei „einfacheren“ Tätigkeiten ist ein Restrukturierungsprozess zu bemerken. Bratislava hat auch eine sehr starke Entwicklung im Dienstleistungsbereich. Hier entsteht ein zweiter Pol.

Standard: Wie schauen die Prognosen für Centrope aus?

Huber: Die Region steht vor ein paar ganz entscheidenden Entwicklungen: die zunehmende Integration in Europa, der Wegfall der Übergangsfristen. Jedes vierte Unternehmen aus der Region kooperiert bereits mit einem Unternehmen aus einem anderen Land. Am Arbeitsmarkt hingegenkommt es bisher zu keinem erwähnenswerten Austausch. Hier wird sich im kommenden Jahrzehnt einiges tun. Was gut ist, weil funktionierende Regionen immer durch einen regen Austausch auf Arbeitsund Gütermärkten gekennzeichnet sind. Es wird außerdem zu einem weitgehenden Strukturwandel kommen. Die Frage ist: Wie kann der Strukturwandel bewältigt und sozial begleitet werden? Schließlich werden wir einen weiteren Aufholprozess sehen. Es wird zu einer Nivellierung der Differentiale kommen. Das wird zwar Jahrzehnte dauern, aber es kommt. Ich bin daher sehr optimistisch, dass Centrope weiterhin eine ökonomisch erfolgreiche Region sein wird.

ZUR PERSON:
Peter Huber (40) ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO). Er ist Mitautor des „Centrope Business & Labour Reports“
Dante Alighieri
10
30.11.2007, 01:50

Kennt der Herr Huber das WIIW? Weiß er was am WIIW gemacht wird? ;-)

Sandkastenkanzler
00
17.2.2009, 14:09

Kennt Dante Alighieri den "Centrope Business and Labour Report"? Weiß er, dass dieser von WIFO und wiiw in Kooperation mit Instituten aus den NMS erstellt wurde? ;-)

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