Ein Dutzend Automobilwerke hat sich in den
letzten Jahren im Umkreis von 300 Kilometern
um Wien angesiedelt. Eines davon befindet sich
im ungarischen Györ
Dort steht das
zweitgrößte Motorenwerk der Welt –
das selbst ein Motor für die Region ist
Mit seinem blitzblanken Gummiboden,
in dem sich die hoch
an der Decke angebrachten Beleuchtungskörper
spiegeln, erinnert
die Fertigungshalle G1
an einen überdimensionalen
Turnsaal. Die unzähligen Arbeitsplätze,
die sich an Montagelinien
ohne ersichtliches
Ende reihen, könnten schließlich
auch als Stationen eines
hochkomplexen Zirkeltrainings
betrachtet werden. Eines
Zirkeltrainings für Motoren,
die hier, im Audi-Motorenwerk
im ungarischen Györ,
für ein kräftiges Leben als Karossenherz
getrimmt werden.
14 V-Motoren mit vier,
sechs, acht oder zehn Zylindern
gehen in jeder Sekunde
vom Band des zweitgrößten
Motorenwerks der Welt, insgesamt
1,9 Millionen im Jahr
2006. Sie werden, ebenso wie
die in Györ montierten Audi
TT-Sportwägen weltweit ausgeliefert.
28 Züge fahren wöchentlich
die Strecke zwischen
Györ und dem Mutterwerk
in Ingolstadt, um Material
und fertige Motoren auszutauschen.
Die Anzeige überdemFließband
für V6-TDI-Aggregate
zeigt 15.48 Uhr an – und in
deutscher Sprache den Produktionsstand
„Soll: 270, Ist:
67, Trend: -1“. Darunter machen
Männer in roten Blaumännern
an 75 Arbeitsstationen
aus dem unspektakulären
Block Metall, der am Beginn
der Fertigungslinie mithilfe eines
Greifarms auf das Band gelegt
wird, einen vor Klein- und
Kleinstteilen strotzenden Motor
in der unverkennbaren VForm.
Mit ruhiger Hand und
unterstützt von allen möglichen
von der Decke hängenden
Werkzeugen, setzen sie
Schrauben, Zahnräder, Federn
und weitere nicht identifizierbare
Komponenten aus
kleinen blauen Kisten ein, befestigen
Kurbelwellen, Pleuel
und Kolben. Dazwischen
übernehmen computergesteuerte
Roboter das Wenden, Drehen
oder Ölen der Motoren.
Das Brummen der Maschinen
hängt über der 100.000
Quadratmeter fassenden Halle,
die von den Mitarbeitern
geräuscharm mit Fahrrädern
durchquert wird. Einige Autominuten
braucht es zu einer
zweiten Halle auf dem knapp
1,7 Millionen Quadratmeter
großen Firmengelände am industriell
geprägten Stadtrand
von Györ (Raab). Dort wird der Stolz der Unternehmens, der
wuchtige V10-Motor mit 5,2
Litern Hubraum und 450 PS,
in aufwändiger Präzisionsarbeit
zusammengesetzt. Die
Fahrzeugfertigungshalle ist
für Besucher tabu: Dort wird
gerade das neue A3-Cabriolet
montiert, das erst in wenigen
Wochen präsentiert wird.
„Wir haben diesen Standort
Anfang der 90er-Jahre aus 180
möglichen ausgewählt, weil es
eine gewachsene Industriestruktur
gibt und die Menschen
hier viel von mechanischer
Fertigung verstehen“,
erklärt Thomas Faustmann,
leitender Geschäftsführer der
Audi Hungaria Motor Kft. Davon
zeugen auch die Backsteinschlote,
die zwischen den
Kirchtürmen der barocken
Altstadt an der Mündung von
Raab und Donau aufragen.
Dass auf dem heutigen
Audi-Areal bereits eine Halle
einer ungarischen Maschinenbaufabrik
stand und gut ausgebildete
Metall-Facharbeiter
zur Verfügung standen, war
freilich nicht der einzige Vorteil:
In Györ, das etwa auf halber
Strecke zwischen Wien
und Budapest liegt, treffen
Nähe zum deutschsprachigen Raum und ein – im Vergleich
mit dem Westen – niedriges
Lohnniveau aufeinander
(2006 betrug der durchschnittliche
Bruttolohn eines ungarischen
Metallfacharbeiters 359
Euro). Zudem erlauben die
rechtlichen Rahmenbedingungen
einen nahezu ununterbrochenen
Einsatz der kapitalintensiven
Anlagen.
„Detroit des Ostens“
Heute ist Audi Hungaria
das zweitgrößte ungarische
Unternehmen nach dem Energiekonzern
MOL, mit 5500
Mitarbeitern und 2300 Dienstleistern,
die täglich ins Werk
kommen, der größte Arbeitgeber
der Region. 1999 wurde
eine Entwicklungsabteilung
in Györ eingerichtet.
„Wir sind absolut integriert
in der Region“, weist Faustmann
jegliche Absichten, weiter
nach Osten abzuwandern,
zurück. „Wir haben in Györ
drei Milliarden Euro investiert.
Das bauen wir nicht ab
und gehen damit woanders
hin.“ Dem auch hier zunehmenden
Fachkräftemangel
versucht Audi mit Kooperationen
mit Berufsschulen und
der Technischen Universität
in Györ entgegenzutreten.
Nicht nur in Ungarn hat die
Automobilindustrie in den
letzten Jahren einen fruchtbaren
Boden gefunden: Die gesamte
Centrope-Region – im
Vierländereck zwischen Slowakei,
Tschechien, Ungarn
und Österreich – hat sich zu einem
„Detroit des Ostens“ gemausert.
Rund ein Dutzend
Automobilwerke hat sich in
einem Umkreis von 300 Kilometer
um Wien angesiedelt.
Der ersten Investitionswelle
europäischer Hersteller folgten
asiatische, die vom Osten
aus den europäischen Markt
kapern wollen. Insgesamt werden
im Jahr 2008 voraussichtlich
um die drei Millionen Autos
von osteuropäischen Bändern
rollen – das entspricht
fünf Prozent der weltweiten
Fahrzeugproduktion.
Davon können Zulieferer
aus der gesamten Region profitieren,
die sich in einem ungarischen,
einem slowakischen
und einem österreichischen
Cluster zusammengeschlossen
haben, die wiederum
grenzüberschreitend
kooperieren. „Viele Automobilhersteller
greifen noch auf
bestehende Lieferanten zurück,
die aus weiter Distanz
zuliefern“, schildert Peter
Kuen, Leiter des Automotive
Cluster Vienna Region, in dem
über 100 Unternehmen, Bildungs-
und Forschungseinrichtungen
vertreten sind, um
durch Vernetzung von WissenschaftundWirtschaft
automotive
Kompetenzen zu bündeln.
„Der Begriff ,Detroit des
Ostens’ stimmt in Bezug auf
die Fahrzeugproduktion, aber
noch nicht, was die Zuliefererstruktur
betrifft“, hofft Kuen
auf ein Umdenken bei den
Herstellern.
Im Audi-Werk in Györ geht
wieder eine Schicht zu Ende
und die Mitarbeiter strömen
auf den Parkplatz. Dort sticht
ein alter Lada hervor: Der vergilbte
Aufkleber „West“ gibt
die Richtung vor – zumindest
der fertigen Motoren. (Karin Krichmayr aus Györ)
WISSEN Ungarn
Die ungarischen Centrope-
Regionen (Györ-Moson-
Sopron und Vas) haben,
folgt man dem „Centrope
Business & Labour
Report“, besonders von
ausländischen Investitionen
profitiert. Die Folge
war das höchste Wirtschaftswachstum
in der
Region mit durchschnittlich
11,6 Prozent zwischen
1995 und 2004 sowie
eine Arbeitslosenquote
von lediglich 4,3
Prozent (Stand: 2005).
Allerdings gibt es zwischen
Nord und Süd ein
Einkommensgefälle, obwohl
das Wirtschaftswachstum
des südlicheren
Vas über den nationalen
Niveau liegt. (red)