Gefühlsbaden mit Tolstoi

4. Jänner 2008, 17:45
24 Postings

Verfilmung von Tolstois "Krieg und Frieden" kostete 26. Mio Euro - ORF zeigt Fernsehepos von Regisseur Robert Dornhelm Anfang Jänner

Mit 26 Millionen Euro Budget, das aus sieben Ländern zusammenfloss, verfilmte EOS Entertainment Tolstois "Krieg und Frieden". Im ORF ist das Fernsehepos in den ersten beiden Jännerwochen zu sehen, Teil eins wurde Montag in Hamburg präsentiert.

***

Warum Männer immer in den Krieg ziehen wollen, fragt Lise, die schwangere Frau Andrejs verzweifelt in den Jubel der Grafen und Generäle über die Verkündung des Kampfes mit Österreich gegen Napoleon. Diese Szene relativ zu Beginn des epischen Fernsehstreifens streicht Regisseur Robert Dornhelm als ideelle Schlüsselszene seiner "Krieg und Frieden"-Verfilmung heraus. "Wenn ich an die napoleonischen Kriege denke", sagt Dornhelm, "dann denke ich auch an den Irak." Tolstoi zeige, dass "wir aus der Geschichte nichts lernen".

Aufwändig und lange

Wobei, wie EOS-Produzent Jan Mojto am Montag in den Hamburger Kammerspielen bei der Präsentation des ersten Teils sagte, die Idee für ihn gleich zu Beginn die war, "das zu machen, was sich das Fernsehen wünscht: einen literarischen Stoff möglichst aufwändig und lange zu zeigen". 26 Millionen Euro Budget wurden dafür aufgestellt, sieben Länder sind an der Produktion beteiligt (der ORF mit einer Million). Es hätten für Mojto gerne auch sechs oder mehr Teile werden können, tatsächlich sind es jetzt vier Abende, zu je 90 Minuten, die im ZDF und ORF ab 6. Januar zu sehen sein werden. Es ging also, sagt Mojto weiter, schon auch darum, einen Stoff zu finden, dem möglichst viele Zuseher in möglichst vielen Ländern etwas abgewinnen können, anders wäre die Finanzierung natürlich nicht so vorstellbar gewesen.

ORF wünscht sich 600.000 Zuseher

In Italien ist das Epos bereits gelaufen, mehr als fünf Millionen Zuseher blieben konsequent sitzen. Programmdirektor Wolfgang Lorenz wünscht sich 600.000 Zuseher. Gedreht wurde auf Englisch, die deutsche Synchronisation geriet eher platt und holprig - platt halten sich auch die aus reichlich Flachtext bestehenden Dialoge (Drehbuch: Enrico Medioli, Lorenzo Favella, Gavin Scott, die Musik kommt hingegen von Oscar-Preisträger Jan P. Kaczmarek). Geschichte, Politik wird in effektvollen Kampfszenen abgehandelt, man darf über den Galgenhumor der Generäle lachen, zweimal kommt ein kleiner Napoleon ins Bild. Schnelle Bildwechsel zu den "großen menschlichen Dramen" hin zeigen, dass der Fokus indes klar auf den wildromantischen Träumen einer winterblassen Natascha (Clémence Poésy) liegt, die immer wieder von der melancholischen Schwermut Andrejs (Alessio Boni) gedämpft wird.

Einen wohltuend krassen Gegenpol zu geballtem Pathos gibt Alexander Beyer als fast kindlicher Pierre, den er "träumerisch suchend" anlegen wollte, "wie einen Woody-Allen-Charakter". Malcolm McDowell spielte den Fürst Bolkonski, ihn habe es gefreut, "mit so vielen jungen Schauspielern zu drehen". Die da wären: Hary Prinz, Benjamin Sadler, Ken Duken als Anatol.

Geschichtsarbeit

Ganz einig sind sich die Macher in den Kammerspielen, freilich nicht. Während Dornhelm wieder und wieder betont, er wolle an der Geschichte arbeiten, "dass sich nicht alles wiederholt", dass "Männer nicht sinnlos in Kriege ziehen", will ZDF-Redakteurin Birte Dronsik eigentlich nur "ein Gefühlsbad nehmen". Dornhelm, den europäische Fernsehangebote mehr interessieren als Angebote des amerikanischen Kinos, hat sich wohl doch durchgesetzt; dessen Definition von Regie, erklärt uns Mojto, sei wie Kochen: "Wenn man zu viel herumrührt, wird es Gulasch." (Isabella Hager aus Hamburg/DER STANDARD; Printausgabe, 21.11.2007)

  • Effektvolle Kampfszenen in Robert Dornhelms "Krieg und Frieden".
    foto: orf

    Effektvolle Kampfszenen in Robert Dornhelms "Krieg und Frieden".

Share if you care.