Politologe im STANDARD-Interview: "Auf das Schlimmste vorbereiten"

25. Jänner 2008, 21:10
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Hilal Khashan: Iran will seinen Einfluss vergrößern und verzögert daher die Präsidentenwahlen im Libanon

Der Iran will seinen Einfluss vergrößern und verzögert daher die Präsidentenwahlen im Libanon, sagt der Beiruter Politologe Hilal Khashan zu András Szigetvari.

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STANDARD: Die Präsidentenwahlen im Libanon spalten seit Monaten das Land. Ein Bürgerkrieg ist möglich. Dabei hat der Präsident im Libanon doch nur repräsentative Aufgaben.

Khashan: Präsidentenwahlen sind immer schwierig im Libanon. Normalerweise streiten die libanesischen Gruppen primär untereinander.

Aber diesmal spielt die Hisbollah, die direkte Verbindungen zu einem anderen Staat, dem Iran, hat, eine wichtige Rolle. In der Frage der Präsidentenwahlen stellt sich die Hisbollah den Iranern zur Disposition. Der Iran will so seinen Einfluss ausbauen und Druck auf die USA ausüben. Die Iraner folgen dabei auch dem Wunsch Syriens. Syrien will wiederum dem Druck entgehen, der vom Tribunal zur Aufklärung des Mordes am libanesischen Ex-Premier Rafik Hariri ausgeht. Dabei ist die Wahl des Präsidenten tatsächlich kein wichtiges Ereignis, weil seine Macht durch die Taif-Vereinbarung (beendete 1989 den libanesischen Bürgerkieg) begrenzt wurde.

STANDARD: Fürchten Sie einen Bürgerkrieg?

Khashan: Wenn am Freitag kein Präsident gewählt wird, müssen wir uns aufs Schlimmste vorbereiten, dann rechne ich mit gewaltsamen Zusammenstößen, weil jede Gruppe versuchen wird, ihre Macht zu sichern. Ich nehme aber an, dass es eine Einigung gibt, weil letztlich niemand einen Bürgerkrieg will.

STANDARD: Gibt es zwischen den konfessionellen Gruppen auch ideologische Unterschiede oder streiten hier nur Eliten miteinander um Macht?

Khashan: Der Libanon ist der einzige auf primär konfessionellen Grundlagen organisierte Staat, den ich kenne. Daher spielen die konfessionellen Anführer eine sehr große Rolle, die libanesische Politik ist äußerst personalisiert. Und die Bevölkerung ist sehr schwach vis-à-vis ihren eigenen Anführern, die die politischen Ressourcen kontrollieren. Die Politiker nutzen und antizipieren die Spaltung, die es innerhalb der libanesischen Gesellschaft gibt, um damit ihre Macht zu erhalten. (András Szigetvari, DER STANDARD, Printausgabe 21.11.2007)

ZUR PERSON:_Hilal Khashan leitet das Institut für Politik und öffentliche Verwaltung an der American University in Beirut. Khashan, den der Standard telefonisch erreichte, ist Autor zahlreicher Bücher („Inside the Lebanese Confessional Mind“).
  • Der libanesische Politologe Hilal Khashan: "Präsidentenwahlen sind immer schwierig im Libanon. Normalerweise streiten die libanesischen Gruppen primär untereinander. Aber diesmal spielt die Hisbollah, die direkte Verbindungen zu einem anderen Staat, dem Iran, hat, eine wichtige Rolle."
    foto: privat

    Der libanesische Politologe Hilal Khashan: "Präsidentenwahlen sind immer schwierig im Libanon. Normalerweise streiten die libanesischen Gruppen primär untereinander. Aber diesmal spielt die Hisbollah, die direkte Verbindungen zu einem anderen Staat, dem Iran, hat, eine wichtige Rolle."

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