30.000 marschierten für Belgiens Einheit

1. April 2008, 13:08
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Der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen droht Belgien zu zerreißen - Eine Bürger­bewegung will dies verhindern - mit Grafik

Rund 30.000 Belgier demonstrierten am Sonntag in Brüssel für die Einheit ihres Landes. Der Konflikt zwischen Flamen und Wallonen droht Belgien zu zerreißen. Die Versuche, nach den Wahlen vor einem halben Jahr eine neue Regierung zu bilden, blieben bis jetzt erfolglos.

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Ein Kinderwagen, eingehüllt in die belgische Fahne. Hunde mit Schleifen in den Landesfarben um den Hals. Ältere Damen mit dicken schwarz-gelb-roten Streifen im Gesicht: Der „Marsch für die Einheit Belgiens“ lockte bei strahlendem Sonnenschein nach Polizeiangaben rund 30.000 Menschen in der belgischen Hauptstadt auf die Straße. Die privaten, politisch unabhängigen Veranstalter sprachen von mehr als 40.000 Teilnehmern.

Der Marsch führte vom Nordbahnhof bis zum „Jubelpark“ Cinquantenaire, 1880 zum 50. Jahrestag der Unabhängigeit Belgiens angelegt. Die Veranstaltung endete mit mehreren Konzerten im Park. Während alle Chefs der wallonischen Parteien mitmarschierten, bleiben viele flämische Spitzenpolitiker dem Ereignis fern.

Grund für den Marsch waren die bisher erfolglosen Versuche, nach den Wahlen vor knapp einem halben Jahr eine neue Regierung zu bilden. Während der wirtschaftlich schwache Süden Belgiens, die Wallonie, eine Stärkung der Bundesregierung in Brüssel will, fordern die Flamen im Norden mehr Autonomie. Umfragen zufolge will jeder zweite Flame bereits die Trennung vom französischsprachigen Süden, in den mittels Finanzausgleich jährlich rund zehn Milliarden Euro gepumpt werden.

Die aktuelle Krise hat einen Streit um die Brüsseler Umlandgemeinden und das höchst komplizierte belgische Wahlsystem ausgelöst: Gewählt wird in Belgien getrennt (siehe „Wissen“). Nun ziehen immer mehr französischsprachige Brüsseler in die wohlhabenden flämischen Umlandgemeinden („Speckgürtel“) wie Halle und Vilvoorde, in manchen kleineren Gemeinden stellen sie bereits die Mehrheit. Und obwohl in Flandern gelegen, gab es französischsprachige Parteien und Bürgermeister, die prompt vom flämischen Innenminister nicht angelobt wurden.

Das Parlament entzog mit der flämischen Stimmenmehrheit den 150.000 Wallonen am Rande Brüssels das Recht, eigene Gruppierungen aufzustellen, und teilte den Bezirk, um flämische Mehrheiten in Zukunft sicherzustellen. All das seien Vorbereitungen zur Spaltung des Landes, so die frankophonen Politiker, während die Flamen von einem „Kampf um Brüssel“ und einer Übernahme von Teilen Flanderns durch die Wallonen sprechen.

Opfer der eigenen Versprechen

Indes wird der Wahlsieger vom Juni, der flämische Christdemokrat Yves Leterme, immer mehr Opfer seiner Wahlkampfversprechen und Allianzen: Sein Versuch, eine Regierung nur auf Basis eines Arbeitsprogramms mit wirtschaftlichen und sozialen Vorhaben zu bilden, scheiterte wegen Protesten aus seiner eigenen Partei und des Bündnispartners, der rechtsnationalistischen N-VA (Nieuw-Vlaams Alliantie).

Er dürfe nur eine Vereinbarung unterzeichnen, in der es auch eine Garantie für eine Staatsreform für mehr Unabhängigkeit Flanderns gebe, lautet die Vorgabe für Leterme. Dieser hat mittlerweile seinen Wahlsiegerbonus völlig verspielt, und der Druck auf König Albert II. steigt, einen anderen Politiker mit der Regierungsbildung zu beauftragen. Doch dem fehlen dazu schlicht die Alternativen. (Michael Moravec aus Brüssel/DER STANDARD, Printausgabe, 19. November 2007)

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    Rund 30.000 Belgier demonstrierten gegen die drohende Teilung ihres Landes in Flandern und eine unabhängige Wallonie. Jeder zweite Flame wünscht sich die Spaltung.

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