Junge EU-Städte wie Maribor oder Ljubljana haben Graz binnen weniger Jahre überholt - von Colette M. Schmidt
Ein Blick auf die Kandidaten, die bei der Grazer Wahl im kommenden Jänner antreten, könnte das Personal für eine Sitcom über Kommunalpolitik in einer mittelgroßen Stadt, die nicht vom Fleck kommt, sein. Da wäre der ÖVP-Bürgermeister Siegfried Nagl, der außerhalb der Stadtgrenzen vor allem als Oberhaupt vom "Bollwerk gegen die Türken" oder als Katholik, der glaubt, Homosexualität könne geheilt werden, von sich reden macht. Gegen ihn rittert die Grüne Lisa Rücker, die sich vor wenigen Monaten als lesbisch outete, um die liberaleren Stimmen im Bürgertum. Andere Sorgen hat die KPÖ-Stadträtin, Elke Kahr, die in übergroße Schuhe schlüpfen soll, die ihr Vorgänger, Ernest Kaltenegger, ihr hinterlassen hat. Dass dieser mittlerweile seit zwei Jahren im Landtag sitzt, hat aber ohnehin fast niemand in der Grazer Bevölkerung bemerkt.
Die FPÖ tritt mit Susanne Winter an, die in Graz bisher unbekannt war und mittlerweile selbst von Wien aus nicht mehr steuerbar zu sein scheint: Ihr Wahlkampf befindet sich auf Augenhöhe - oder besser gesagt Tiefe - mit jenem des BZÖ-Generals Gerald Grosz. Die Orangen wollen in den Gemeinderat kommen, die FPÖ will in die Stadtregierung. Das Ergebnis ist ein auf Kosten von Migranten und Bettlern geführter Wahlkampf, der selbst in Straches Wiener Wahlkampf seinesgleichen sucht. Dass der Wahlkampf erstmals von einem Menschenrechtsbeirat beobachtet wird, ist FPÖ und BZÖ herzlich egal.
Dabei hätte die Stadt mit ihren rund 280.000 Einwohnern, wo von etwa 36.000 Studierende sind, urbanes Potenzial und wirklich andere Sorgen. Etwa jene, mit einem knappen Budget endlich ein zeitgemäßes Verkehrskonzept oder die 2003 versprochene kulturpolitische Nachhaltigkeit zu realisieren: Da haben junge EU-Städte wie Maribor oder Ljubljana Graz binnen weniger Jahre überholt. (DER STANDARD, Printausgabe, 17.11.2007)