Am Waldheimtrip - Franzobel

4. Februar 2008, 11:28
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Ich werde ein Kreuzchen machen, den Wahlzettel, der einer großen Rindszunge gleicht, in sein Kuvert stecken, das sich dabei in den Hintern einer Kuh verwandelt

Da ist dieser Saloon mit Whiskygläsern an der Theke, eine kleine Gazelle mit blauen Läufen spaziert hindurch. Vorsicht, will ich rufen, greife mir ein Glas, will trinken, da springt ein Name durch die bernsteinfarbene Flüssigkeit, und ich merke, dass der Saloon eine Wahlzelle und die Whiskygläser Kreise am Wahlzettel sind. Bundespräsidentenwahl 1986.

Die Zeit ist eine unendlich dünne Linie und der Raum eine nicht enden wollende Fläche, ein alles einhüllender Strudelteig. Äußerlich bin ich ruhig, doch innerlich explodiert etwas. Ich weiß nicht, was ich ankreuze, vier Namen stehen da, ich kann sie nicht entziffern, weil die Buchstaben einen Vogerltanz aufführen. Alles kommt mir vor wie eine Ewigkeit, bestimmt wird gleich jemand rufen: "Was ist, bist eing'schlafen? Lebst noch?" Ich werde ein Kreuzchen machen, den Wahlzettel, der einer großen Rindszunge gleicht, in sein Kuvert stecken, das sich dabei in den Hintern einer Kuh verwandelt, dann werde ich den unendlich langen Weg von der Wahlzelle zur Wahlkommission gehen, im Boden einsinken wie in Tiefschnee, aber ich werde weiterstapfen, die Mitglieder der Wahlkommission, die mich alle kennen, haben buschige Augenbrauen, Theo-Waigel-Gebüsche, Steeplechase-Hindernisse, Galoppreiter werden darüber springen und die Gesichter der Wahlbeobachter werden aufgehen, als wären sie aus Germteig, sich in Buchteln verwandeln, mit Marmeladestimmen werden sie fragen, wie es mir bei der Matura ergangen ist, ich werde meine kuheuterdicke, zentnerschwere Zunge nicht ein Euzerl bewegen können, murmeln, dass ich schriftlich versagt habe, man mich mündlich nicht mehr antreten lassen wird, ganz verschrumpelt werden die Wörter aus meinem Mund purzeln, sich dabei ihre kleinen Beinchen brechen, nach Rufzeichen und Beistrichen als Krücken schreien, dann werde ich das Kuvert in die Urne stecken, der Schlitz im resopalbeschichteten Holz wird die Öffnung eines Backrohrs sein, mich schnappen, einsaugen. Ertrinken werde ich in Vanillesauce. Wie konnte es nur dazu kommen? Was war passiert?

Letzte Nacht waren wir zu den gelben "Jetzt erst recht!"-Wahlplakaten gefahren, um sie mit Hakenkreuzen zu beschmieren. Wir hatten gestritten, ob wir richtige oder verkehrte Hakenkreuze sprühen sollten. Denn selbst wenn es berechtigt war, mit dem Nazi-Symbol die verharmlosende und verlogene Erinnerung des Präsidentschaftskandidaten Kurt Waldheim anzuprangern, auch wenn es einleuchtend war, damit zu zeigen, dass er eben kein Österreicher war, "dem die Welt vertraut", wie es auf einem seiner Plakate hieß, auch wenn damit die beschönigende Falschheit der österreichischen Vergangenheitsnichtaufarbeitung gezeigt wurde, widerstrebte es mir doch zutiefst, Hakenkreuze zu malen. Also hatte ich mich für ein Mondgesicht mit Hitlerbärtchen und Seitenscheitel entschieden, während meine Freunde richtige oder verkehrte Hakenkreuze sprühten. Und nun, zehn Stunden später, stand ich in der Wahlzelle, in einer endlos gedehnten Vanillesauce von Zeit. Meine Organe waren ein Rummelplatz mit Karussell und Geisterbahn, aufgewühlt wie eine Schneekugel war ich, konnte nicht mehr lesen, erkannte in den Namen der Präsidentschaftskandidaten nur noch Comicstrips, die alle Rosebud schrien.

Wenige Tage zuvor waren wir in Gmunden bei einer Wahlveranstaltung des ebenfalls kandidierenden, rechtskandidelten Otto Scrinzi gewesen. Mit bunten Strickpullovern und Palästinensertüchern waren wir inmitten grölender Knickerbockernazis und verblühter Nazissen gesessen, die ihren ältlichen und zu kurz geratenen Scharfmacher und Reserveführer frenetisch hochjubelten, Heil Otto brüllten. Bis dahin war es mir undenkbar, dass so ein braunes Gruselkabinett im Vera-Russwurm-Günter-Tolar-Joki-Kirschner-Udo-Huber-Österreich der 80er Jahre existierte. Wie eine Zeitreise war das gewesen, ein Trip in Hitlers Münchner Brauhauskeller. Ein Wunder, wie wir aus dieser bierschwangeren Gmundener Hinterzimmerhölle entkommen konnten. Mehr als die nationalen Pöbelparolen hatte mich aber erschüttert, dass einer meiner Freunde manche dieser nationalniederträchtigen Nazissen und Scrinzi-Claqueure als Lehrer vom Gmundener Gymnasium identifizierte. Das hat mich fassungslos, traurig und wütend gemacht. Stante pede wollte ich mit der Schule brechen und von der Matura nichts mehr wissen. Wenn solche rechtsrechten Recken im Lehrkörper eines Gymnasiums sind, so mein nicht unegoistischer, maturaphober Schluss, ist der Wurm drinnen, das Schulsystem verkommen.

Bald darauf war ich nach Wien gefahren, um an der Akademie der bildenden Künste anzuklopfen, das war am 26. April 1986. Bei der Rückkehr musste ich vom Bahnhof Attnang-Puchheim, Nang-Pu, nach Hause autostoppen. Es nieselte und dauerte, bis sich wer erbarmte. Später erfuhr ich von Tschernobyl und vom radioaktiven Regen, der an diesem Tag über mir und meiner Zeichenmappe niedergegangen war, und bald darauf hörte ich von Wohlhabenden, die den Sandkistensand an den Spielplätzen ihrer Kinder erneuern ließen, sah ich Gschrappen in Arbeitersiedlungen, die sich nicht erneuerten Sand in den Mund steckten, während ihre Eltern im Supermarkt billig Wild und Beeren kauften.

An Schlaf war nicht zu denken

Mein Leben war an eine Grenze geraten, die ich überwinden wollte, egal, was kam. Ich wartete auf den Kometen, der mich mitnahm. Hätte man mich beim Besprayen der Wahlplakate erwischt, wäre ich höchstwahrscheinlich auch geflogen - von der Schule. Kaum ein Lehrer fiel mir ein, der sich für mich eingesetzt hätte, verantwortet hätte, dass ich so war, wie ich war. Gut, die Lehrer der HTL Vöcklabruck waren nicht kollektiv zu Otto Scrinzi gepilgert, aber für Waldheim waren doch die meisten, weil man sich vom Ausland nichts vorschreiben lassen durfte, weil jetzt-erst-recht und überhaupt.

Also hatten wir die judensterngelben Wahlplakate besprüht. Und weil uns das doch mehr aufwühlte, als wir uns eingestanden, fuhren wir anschließend zu einem Fest nach Schwanenstadt, dieser charmanten Kleinstadt mit dem schönen Namen, worin nicht nur Schwäne steckten, sondern auch das oberösterreichische "Anschwanern", was so viel wie schwindeln hieß. Beim benachbarten Lambach dagegen musste ich immer an einen Rinnsal mit hingeschlachteten Opferlämmern denken. Wir aber waren nach Schwanenstadt, um uns einzukiffen und Mädchen aufzureißen, so nannten wir das damals und meinten es doch anders, unschuldiger. Beides gab es nicht! Weder Aufriss noch Einrauch. Stattdessen Pyramiden. Oberösterreich am Nil. Im Stadtwappen von Timelkam, wo die Palm-Buschen, nein, -Burschen lebten, gab es ein Kamel, und in Schwanenstadt Pyramiden, kleine saccharingroße Tabletten. Vermutlich hätte ich damals alles genommen, was mich irgendwie aus dieser Welt zu bringen versprach, in der es doch nur verlogene Politiker, rechtsgedrehte Lehrer und atomare Katastrophen gab.

Ich hatte auf den Kometen gewartet, und nun war er da. Ich schluckte also eine schwarze Pyramide und war erstaunt, dass nichts passierte. Das langweilige Fest der katholischen Jungschar wurde nicht lustiger, die wenigen Mädchen nicht hübscher, und ich bekam weder Appetit auf Bananensplit, Tannenblut-Hustensaft oder Schweinsbraten, wie es beim Haschrauchen immer passierte, noch überfiel mich eine große Müdigkeit oder Lust auf Sex. Erst beim Nachhausegehen begann alles zu schwanken, das Kopfsteinpflaster des Schwanenstädter Stadtplatzes war plötzlich so hügelig, wie ich mir die Bucklige Welt immer vorgestellt hatte, die Erde begann sich zu heben und senken, sie atmete, war ein Hundebauch, auch der Stadtturm stand nicht mehr gerade, sondern bog sich und wedelte wie ein Hundeschweif, nein, wie ein Tennisschläger, der auf den Mond zielte. Der Mond aber war kein Tennisball, sondern eine große Muschel, ausgehärtete Milch - und zerbrach in hunderttausend Scherben, die als Lichtpartikel runterfielen. So ging es weiter. Vorbei am Parkplatz einer Kirche mit dem Schild: Parken auf eigene Gefahr. Weiter. Vorbei an einem Bestattungsinstitut, dem dazugehörigen Parkplatzschild: Nur für Kunden. Lachkrampf. Weiter. Wie ich in diesem Zustand nach Hause kam, bleibt rätselhaft. Berauschte Menschen sind ja erstaunlich unfallresistent.

Jedenfalls lag ich irgendwann in meinem Bett, im schwerelosen Fleisch, im Mir. An Schlaf war nicht zu denken, kaum waren die Augen zu, begann eine ungeheure Gleichzeitigkeit: Waldheim auf seinem SA-Pferd, als Teilnehmer beim großen Steeplechase, sprang über die Nase von Fred Sinowatz und ritt mitten hinein in einen großen nationalen Reaktorunfall, aus dem radioaktive Maturafragen in die Luft geschleudert wurden. Ich musste Freda Meissner-Blau, die in einem grünen Kostüm gekommen war, heiraten. Der Pfarrer entpuppte sich als Tschernobyl-Reaktor, der mit polnischem Akzent sprach: Was Gott zusammengefickt hat, soll der Mensch nicht trennen. Worauf die Nase des Pferdes sagte: Ich habe im Krieg nichts anderes getan als hunderttausende Österreicher auch, nämlich meine Pflicht erfüllt. Kurt Steyrer applaudierte, nein, er trommelte, trommelte mich hoch zum Urnengang, zur ersten Präsidentenwahl meines Lebens.

Alles passierte gleichzeitig, alles korrespondierte mit allem, und ich war mittendrin. Mir war wie dem Opfer einer Spinne, weil diese Tiere ihre Beute betäuben, bevor sie ihnen Verdauungssaft in den Körper spritzen (Spinnen verdauen extern) und sie dann aussaugen. Alles löste sich auf. Es war ein Tag des persönlichen und politischen Weltwahnsinns, ein verrücktes, von einer LSD berauschten Spinne gesponnenes Netz. Ich konnte das Blut in meinen Adern U-Bahn fahren spüren. Alles war dem Urnengang, nein, Untergang geweiht. Doch gab es eine Lösung. Ein Bild! Ich musste es malen, für das man mir an der Wiener Akademie der bildenden Künste einen roten Teppich ausrollen würde. Also sprang ich auf und malte. Eine schematisierte weiße Spirale auf schwarzem Grund, es war der Blick aus der Gebärmutter wie in eine Milchstraße, Makro- wie Mikrokosmos, Innen-Außen, Groß und Klein, ein Meisterwerk.

Kaum war ich fertig, rief man mich zum Frühstück. Das Geräusch des Löffels im Kakao war unerträglich. Das Wählen schrecklich, eine Zeit, in der die Zeit stillstand. Staatsbürgerpflicht. Stunden später sah ich schließlich das gemalte Bild, die Momentaufnahme meines Films. Entsetzlich. Und dennoch war diese Nacht entscheidend, hat doch erstmals ein Stefan Griebl von Franzobel fantasiert.

Zur Person:
Franzobel wurde als Stefan Griebl 1967 in Vöcklabruck, Oberösterreich, geboren. Er studierte Germanistik und Geschichte in Wien. Seit 1989 ist er als freischaffender Schriftsteller tätig und schreibt Romane, Gedichte, Theaterstücke und Hörspiele. Franzobel erhielt zahlreiche Preise, unter anderem 1995 den Ingeborg-Bachmann-Preis für "Die Krautflut" und 2007 den Buch.Preis für "Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik". Er lebt in Wien.
  • Franzobel: "Alles passierte gleichzeitig, alles korrespondierte mit allem, und ich war mittendrin. (...) Alles löste sich auf. Es war ein Tag des persönlichen und politischen Weltwahnsinns, ein verrücktes, von einer LSD berauschten Spinne gesponnenes Netz."
    foto: heribert corn

    Franzobel: "Alles passierte gleichzeitig, alles korrespondierte mit allem, und ich war mittendrin. (...) Alles löste sich auf. Es war ein Tag des persönlichen und politischen Weltwahnsinns, ein verrücktes, von einer LSD berauschten Spinne gesponnenes Netz."

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