"In der ÖVP gibt es immer noch eine starke Schüssel-Power"

23. April 2008, 11:16
147 Postings

Kommunikations- wissenschafter Bauer erklärt im derStandard.at- Interview weshalb sich der Begriff "Einheitsbrei" in den Köpfen Vieler festgesetzt hat

"Das Schulthema war sehr stark ministerialisiert und wurde als Obrigkeitsthema verstanden", sagt Thomas Bauer, Kommunikationswissenschafter und Mitglied von Ministerin Schmieds Expertenkommission im derStandard.at-Interview. Dass sich nun die LehrerInnen erst einmal mit Frustration melden würden, sei verständlich, "sie wurden ja nie gefragt". Über die Gesamtschuldebatte, die letzten zehn Jahre Bildungspolitik und die Informationspolitik der Ministerin Schmied sprach Bauer mit Katrin Burgstaller.

***

derStandard.at: Oft wird der Ministerin vorgeworfen, sie hätte die Eltern zu spät über die konkreten Pläne zur "Neuen Mittelschule" informiert. Wie sehen Sie das?

Bauer: Das Problem für Ministerin Schmied war, zunächst ein alternatives Modell entwickeln zu lassen und die Bedingungen dafür zu schaffen. Aus ihrer Perspektive ist klar – zuerst mussten die Voraussetzungen geschaffen werden, nun kann das Modell weiterentwickelt werden.

Es ist verständlich, dass Eltern und Lehrer an dem Verfahren beteiligt sein wollen. Jetzt kann man sich überlegen: Wie bindet man sie ein, welche Rolle sollen sie haben. Wenn man vorher etwas groß entwickelt hätte und das dann nicht durchgebracht hätte, wären es für die einen leere Kilometer gewesen. Das ist auch eine Frage der Perspektive.

derStandard: Bevor der Beschluss zu Stande kam, gab es heftige Querelen in der Koalition. Haben Sie noch daran geglaubt, dass man sich einigen kann?

Bauer: Ich habe gefürchtet, dass es nicht klappen könnte. Mein Gefühl war, dass das ein taktisches Spiel ist. Und das war es auch. Auf dem Rücken der Sache wurden sicher auch parteipolitische Positionen durchverhandelt. In der ÖVP gibt es immer noch eine starke Schüssel-Power. Man will sich die Arbeit, die die ehemalige Bildungsministerin Gehrer gemacht hat, nicht schlecht machen lassen, indem andere etwas vorschlagen, das ihre Arbeit desavouiert.

In den letzten zehn Jahren sind in der Bildungspolitik aber einfach zu grobe Fehler passiert. Zu viele wichtige Themen wurden nicht aufgegriffen. Die gesamte Bildungspolitik wurde nicht als gesellschaftspolitisches Thema aufgearbeitet, sondern ideologiepolitisch betrieben. Jetzt, wo man beginnt, das gesellschaftspolitisch durchzudenken, melden sich auch die Betroffenen - Lehrer, Schüler und Eltern – mit einer ganz anderen Rolle, als das vorher der Fall war.

der Standard: Inwiefern haben Lehrer, Schüler und Eltern jetzt eine andere Rolle?

Bauer: Vorher wurde im Ministerium etwas entschieden – die Rolle der Lehrer war es, diese Entscheidungen umzusetzen. Jetzt wurde eine Rahmenbedingung geschaffen, in der ein konstruktiver Dialog zwischen allen Betroffenen stattfinden soll. Deshalb wird der Modellversuch ja auch laufend evaluiert, damit Verbesserungen durchgeführt werden können. Jetzt melden sich natürlich Eltern und Lehrern erst einmal mit Frustration - sie sind ja auch nie gefragt worden.

derStandard.at In den vergangenen Wochen wurde die "Neue Mittelschule" mit vielen negativen Begriffen belegt, etwa "Einheitsbrei" oder "Nivellierung nach unten". Die Entscheidung, ihr Kind in eine "Neue Mittelschule" zu geben, müssen die Eltern in den nächsten Wochen treffen. Glauben Sie, dass das Informationsdefizit so kurzfristig aufgeholt werden kann?

Bauer: Es ist richtig, dass das Bild der Neuen Mittelschule mit dem Begriff Gesamtschule überdeckt ist. Und unter dem Begriff Gesamtschule versteht man das alte Schulmodell, wo Schüler und Lehrer den ganzen Tag zusammen sitzen und überall den gleichen Lehrplan haben. Daher kommt vermutlich auch das Bild vom Einheitsbrei. Es ist schwierig zu vermitteln, dass mit der Neue Mittelschule auch eine neue Lernkultur aufgebaut werden soll. Soziale Kompetenz, kommunikative Kompetenz und Vielfalt sind wesentliche Bestandteile der Neuen Mittelschule - es geht nicht darum, das alte Faktenwissen neu zu organisieren.

derStandard.at: Die Ideen der Expertenkommission sind ja nicht unbedingt neu – in vielen Ländern werden Schulen so betrieben – selbst in Österreich gibt es Schulen, etwa Waldorf- und Montessori-Schulen, die diese Ansätze teilweise verfolgen. Warum ist es so schwierig, diese Ideen umzusetzen?

Bauer: Das Schulthema war sehr stark ministerialisiert und wurde als Obrigkeitsthema verstanden. Für Österreich war das Thema Schule stärker ein Organisationsthema als ein Kulturthema. In anderen Ländern wurde Schule schon viel früher zum Kulturthema. Österreich hatte auch sehr früh ein relativ gut organisiertes Schulsystem und das will man sich so schnell nicht mehr von irgend jemand wegnehmen lassen. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 16. November 2007)

Zur Person

Thomas Bauer, Jg. 1945, ist Professor für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft an der Uni Wien und Mitglied von Schmieds Expertenkommission.

Webiste von Thomas Bauer

  • Thomas Bauer über die Informationspolitik der Bildungsministerin: "Das ist auch eine Frage der Perspektive".
    foto: privat

    Thomas Bauer über die Informationspolitik der Bildungsministerin: "Das ist auch eine Frage der Perspektive".

Share if you care.