Pfabigan: "Wir haben eine schwere Vernaderermentalität"

31. Jänner 2008, 15:54
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Philosoph Pfabigan im derStandard.at- Interview über die Offenlegung des Einkommens von Bürgern und Politikern und die Auslieferung an die "Neidgenossenschaft"

"Bei uns ist Erfolg unter Umständen ein Zeichen für das falsche Leben," sagt Philosoph Alfred Pfabigan zu derStandard.at. Es sei kein "exklusives Politikerding" die Einkommensverhältnisse ungern zu veröffentlichen. Dies sei in Bezug auf Privatpersonen vielleicht auch gar nicht wünschenswert, denn "die meisten Finanzstrafverfahren sind bereits jetzt durch anonyme Anzeigen angeleitet". In Österreich herrsche eine schwere Vernaderermentalität, so Pfabigan. Weshalb ihn die Nebeneinkünfte von PolitikerInnen trotzdem interessieren, erklärt er im Gespräch mit Katrin Burgstaller.

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derStandard.at: In einer Vorlesung zum Thema "Moralische Probleme der Globalisierung" behandeln Sie auch die Frage, warum es in skandinavischen Ländern üblich ist, die Steuererklärung von BürgerInnen im Internet zugänglich zu machen. SPÖ Justizsprecher Hannes Jarolim hat das nun auch für Österreich vorgeschlagen. Lässt sich diese Praxis auf österreichische Verhältnisse adaptieren?

Pfabigan: Hans Rauscher hat in seinem Kommentar die richtige Feststellung getroffen, dass das in einem protestantischen Land geht, wo Erfolg als ein Zeichen, als Ruf von Gott verstanden wird. Wir sind eher ein katholisches Land. Bei uns ist Erfolg unter Umständen ein Zeichen für das falsche Leben. Wir haben eine andere Folklore gegenüber der Tüchtigkeit.

derStandard.at: Halten Sie es also prinzipiell für positiv, zu wissen, was der Nachbar verdient? Was würde das für unsere Gesellschaft bedeuten?

Pfabigan: Ich will nicht wissen, was mein Nachbar verdient. Ich glaube, dass wir eine andere Vorstellung von Intimität haben. In skandinavischen Ländern gibt es beispielsweise eine vorbildliche Mutter-Kind-Institutionalisierung, damit es Frauen erleichtert wird, arbeiten zu gehen. Zugleich gibt es aber auch keine Witwenpension. Man hat Frauen in den Arbeitsmarkt gedrängt, indem man ihnen gesagt hat, ihr seid was ihr seid. Das basiert also auf einer ganz anderen Mentalität als das bei uns der Fall ist.

derStandard.at: Würden Sie Ihr Einkommen offen legen?

Pfabigan: Ich erzähle Ihnen gerne, was mir die Uni zahlt, ich würde Ihnen aber nicht gerne erzählen, was ich daneben verdiene und zwar aus folgendem Grund: Ich berate auch Leute, und da ist die Honorarforderung eine Frage des Augenmaßes. Wenn ich einen jungen Arzt berate, der in die Selbstständigkeit geht, werde ich dem weniger verrechnen, als wenn mich eine Firma ersucht, dass ich mich bei einer Arbeitsgruppe beteilige, die das Image eines Produktes diskutiert. Wenn die Firma im Internet nachsehen kann, dass ich dem jungen Arzt weniger verrechnet habe, kommt mir das komisch vor. Der kleine Geschäftsmann der in mir sitzt hat Schwierigkeiten damit.

derStandard.at: Würde die Einsicht in die Steuererklärung des Nachbarn dazu führen, dass vermehrt Steuerhinterziehungen beim Finanzamt gemeldet werden?

Pfabigan: Die meisten Finanzstrafverfahren sind bereits jetzt durch anonyme Anzeigen angeleitet. Wir haben eine schwere Vernaderermentalität.

derStandard.at: Es wird diskutiert, ob Politiker ihre Zusatzverdienste offen legen sollen. Haben PolitikerInnen eine andere moralische Verpflichtung als "normale" BürgerInnen?

Pfabigan: Ich weiß nicht, ob es eine moralische Verpflichtung ist. Aber ich würde schon sehr gerne wissen, für wen der, den ich wähle, arbeitet. Die Frage ist in der Bundesrepublik aktueller. Wir haben ja komischerweise so wahnsinnig viele Beamte und kaum Rechtsanwälte im Parlament. In Deutschland aber gibt es relativ viele Anwälte im Bundestag. Otto Schilly (SPD) ist etwa ein Präsidenzfall. Er sagt, für wen er arbeit aber nicht, wie viel Geld er bekommt. Horst Metz (CDU) sagt, wie viel Geld er bekommt, aber nicht von wem. Wenn ein Politiker in seiner Funktion als Rechtsanwalt etwa den Steuerdeal für Siemens in der Bestechungsaffäre aushandelt, dann würde mich das schon interessieren. Das ist keine moralische Frage, sondern eine Frage der politischen Einflussnahme.

derStandard.at: Warum tut sich gerade die ÖVP so schwer, ihre Gehälter offen zu legen? Ist das eine Frage der Mentalität?

Pfabigan: Das hat viele Gründe. Sie haben Angst, dass sie sich der Neidgenossenschaft ausliefern. Auch an der Hochschule gibt es immer wieder zögerliche Ansätze für die Meldepflicht der sogenannten Nebenbeschäftigungen. Auch das funktioniert nicht gut. Ich glaube, das ist kein exklusives Politikerding. Es ist ein Unterschied ob, "kleine" Leute in die Politik gehen und durch die Politik aufsteigen oder ob jemand mit einem industriellen Hintergrund in die Politik geht. Das sind sehr verschiedenen Sozialisierungen und verschiedene Verhältnisse zum Geld.

Die Leute wehren sich in allen Feldern, wenn etwas aufgedeckt wird. Gleichzeitig hinterlassen wir im Internet viele Spuren, die viele Rückschlüsse, etwa auch über Nebenverdienste, zulassen. Das ist ein komisches Missverhältnis. (Katrin Burgstaller/derStandard.at, 15. November 2007)

Zur Person

Alfred Pfabigan, Jg. 1947 ist unter anderem Professor für Philosophie an der Universität Wien.

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Alfred Pfabigans Homepage

  • Alfred Pfabigan würde gerne wissen, für wen PolitikerInnen arbeiten.
    foto: schulerstandard

    Alfred Pfabigan würde gerne wissen, für wen PolitikerInnen arbeiten.

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