Problemfälle: Arigona in "Thema"

4. Jänner 2008, 17:19
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Wie sehr dürfen Medien in die Privatsphäre von Menschen eindringen, wenn die Bloßstellung der Lebenswelt einem guten Zweck dient?

Wie sehr dürfen Medien in die Privatsphäre von Menschen eindringen, wenn die Bloßstellung der vorgeführten Lebenswelten einem guten Zweck dient? Der "Fall Arigona" wirft diese Frage auf. Christoph Feurstein, durch Interviews mit Natascha Kampusch geschult im Umgang mit "Problemfällen", interviewte Montag in "Thema" mit routinierter Gelassenheit.

Warum auch nicht? Arigona findet den Medienhype "voi geil". Betroffenheitsjournalismus hat in dem Fall sogar Sinn: Er schärft das Bewusstsein der Öffentlichkeit für ein inhumanes Vorgehen der Politik gegen Zuwanderer. Wenn man es richtig anpackt. Wir aber sahen in "Thema" Arigona beim Tanzen, Schminken, Frisieren.

Was uns das sagen soll? Dass Arigona ein "ganz normales" Mädchen und schon so weit integriert ist, dass sie sich gern – wie hierzulande üblich – hübsch macht? Das wäre dann schon grob fremdenfeindlich. Aus demselben Grund blickten wir ins Innere des Kühlschranks: Schaut, die trinken ja auch Milch wie wir!

Die weinende Großmutter des toten Luca hatte man zuvor ins Bild gehoben, um das nach Sensation gierende Publikum zu streicheln. Der Fettsüchtige im Schwimmbad im Beitrag danach soll das Publikum zur ernsthaften Auseinandersetzung zwingen? Wunschdenken. Neun von zehn gaffen in lustvollem Ekel. Gut gemeint ist meistens das Gegenteil von gut. Es geht noch schlimmer: "Österreich" bildete nach einer Operation verstorbene Babys ab. Auf dem weißen Leintuch waren rote Blutflecken zu sehen. Die Sümpfe sind tief. (prie/DER STANDARD; Printausgabe, 14.11.2007)

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    foto: orf
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