Gyurcsány in Anettkas Fängen

22. Februar 2008, 16:08
8 Postings

Skandal-Moderatorin Anett Feher will berüchtigte "Lügenrede" des Premiers vertonen

Seine berühmte "Lügenrede" hängt Ungarns sozialistischem Premier Ferenc Gyurcsány an wie dem Teufel der Klumpfuß. Jetzt wird die ungewöhnliche Ansprache, die im Herbst des Vorjahres wochenlange schwere Ausschreitungen rechter Demonstranten provozierte, sogar zum Oratorium erhöht.

Die Skandal-Moderatorin Anettka (34), die bisher eher durch barbusige Auftritte in TV-Shows aufgefallen ist, hat eben das Libretto fertiggestellt, vermeldete die Budapester Boulevard-Presse dieser Tage. Die Uraufführung soll am 13. Dezember in Anettkas nordungarischer Heimatstadt Salgótarján über die Bühne gehen.

Die ehemalige Russischlehrerin mit dem bürgerlichen Namen Anett Feher ist so politisch wie ein Eunuch erotisch. Nur mit mäßigen Talenten - abgesehen von dem der Selbstvermarktung - und keinen sonderlichen körperlichen Reizen ausgestattet, lebt der selbst kreierte Trash-Star von seiner permanenten Medienpräsenz. Das eine Mal rauscht die Nachricht durch den Blätterwald, Anettka wolle Astronautin werden, ein anderes Mal schwingt sie beim Promi-Boxen im ungarischen RTL unkoordiniert die Fäuste, dann wieder zieht sie in den Wohncontainer einer Big-Brother-Show ein. Hauptsache, der heimische Boulevard-Konsument stolpert mindestens zwei Mal in der Woche über ihren Namen. Andernfalls fiele sie dem Vergessen anheim und ihr Marktwert auf Null.

Jetzt ist es also die "Lügenrede", die der Talk-Nudel mit dem im Bubi-Haarschnitt wieder ungebrochene mediale Aufmerksamkeit schenken soll. Die Ansprache des ungarischen Regierungschefs, mit der dieser im Vorjahr seine Fraktionsgenossen auf ein unangenehmes, im Wahlkampf zuvor nicht erwähntes Sparpaket einschwören wollte, ist in der Tat ein seltsames Stück politischer Poetik.

Gespickt mit saftigen Kraftausdrücken ("Hurenland", "verfickt") ist die in der Wahrnehmung der unversöhnlichen ungarischen Rechten zur "Lügenrede" verkürzte Suada eigentlich - worauf schon der Schriftsteller György Konrád hinwies - eine Rede gegen die Lüge. Sie ist ein leidenschaftlicher Angriff auf die nicht nur in Ungarn verbreitete Kultur der politischen Lüge, die den Populismus nährt und damit die Politik zur Gefangenen des Populismus macht.

Niemand in Budapest erwartet, dass das Oeuvre Anettkas und ihres bisher durch Vertonung von Werbespots hervorgetretenen Komponisten Ákos Ambrus diesen Feinheiten gerecht wird. Gyurcsány, der Vorlagen-Autor, blickt gnädig auf das Unterfangen - und verzichtet sogar auf Tantiemen, berichtete die Zeitung Napi Ász. Er ist klug genug zu wissen, dass die Trash-Kultur sein schweres politisches Stigma im Lächerlichen auflöst - und damit der weiter auf seinen Sturz sinnenden Rechten ein wenig den bierernsten Wutdampf aus den Segeln nimmt. (Gregor Mayer/DER STANDARD, Printausgabe, 13.11.2007)

  • Aufmerksamkeit und Medienpräsenz um fast jeden Preis: "Sie haben Anettka den Zahn ausgeschlagen."

    Aufmerksamkeit und Medienpräsenz um fast jeden Preis: "Sie haben Anettka den Zahn ausgeschlagen."

Share if you care.