"ÖVP ist nicht reformresistent"

11. Februar 2008, 14:43
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OÖ-Landeshauptmann Pühringer schließt im STANDARD-Interview nicht aus, dass es auch in seinem Bundesland Versuche für eine gemeinsame Mittelschule geben wird

Oberösterreichs Landeshauptmann Josef Pühringer hält die Schule schon für verbesserungsfähig. Eine Gesamtschule sei aber eine "Geisterfahrt im Neuland", sagte er im Gespräch mit  Kerstin Scheller und Markus Rohrhofer.

 

Standard: Die neue Pisa-Studie wirft ihre Schatten voraus, Österreich ist offensichtlich wieder durchgefallen. Krampft sich da bei Ihnen als ehemaliger Lehrer nicht der Magen zusammen?

Pühringer: Ich will keine Studie bagatellisieren, aber eines steht fest: Die österreichische Schule ist besser als ihr derzeitiger Ruf. Verbessern kann man immer etwas. Aber für mich ist der Beweis nicht geliefert, dass gemeinsame Schule besser ist als ein differenziertes Schulsystem. In der derzeitigen Schulreformdiskussion missfällt mir vor allem eines: Dass wir ununterbrochen über Organisationsformen reden und wenig über Inhalte. Denn das würde eine Lehrplandiskussion erfordern, und die ist bis zur Stunde nicht geführt worden.

Standard:  Ist dies auch der Grund, warum das Land Oberösterreich sich an keinem Modellversuch beteiligen wird?

Pühringer:  Das kann man zur Stunde überhaupt noch nicht sagen. Ich habe da einen sehr offenen Zugang. Wenn es an Schulorten dazu kommt, und Lehrer Eltern und Schüler einen Schulversuch beschließen, haben sie meine vollste Unterstützung. Ich bin nicht veränderungsresistent und die ÖVP ist nicht reformresistent.

Standard:  Sie sind selbst Vater dreier Kinder. Ist die Differenzierung mit zehn Jahren nicht zu früh?

Pühringer:   Erstens gibt es schon derzeit zwei Differenzierungsmöglichkeiten mit zehn oder 14 Jahren. Zum zweiten habe ich selbst die Vorschläge unterbreitet, ein fünftes oder sechstes Volksschuljahr zu machen. Ich bin sicher, wir werden in Oberösterreich Versuche mit der verlängerten Volksschule haben.

Standard:  Warum wehrt sich die ÖVP so vehement gegen die wachsende Erkenntnis, dass am derzeitigen Schulsystem etwas faul ist?

Pühringer:  Das stimmt so nicht. Wir wehren uns nur gegen eine ideologische Verbohrtheit, dass nur die Gesamtschule das Allerheilmittel ist. Das Neueste ist nicht immer automatisch das Beste. Vielmehr geht es um die bestmögliche Bildung, das ist die entscheidende Frage. Denn die Zukunft eines Landes - und dies ist meine zutiefste Überzeugung - liegt in der Kreativität seiner Menschen.

Standard:  Kann ein Kompromiss, wie er bei der Schulreform beschlossen wurde, eine bestmögliche Voraussetzung sein?

Pühringer:  Es gibt sehr wohl auch vernünftige Kompromisse - nicht alle sind faul. Wenn ein System, das sich bewährt hat, abgelöst werden soll, dann wird man doch keinen Radikalschnitt machen und zu einem System wechseln, dessen Ergebnis man überhaupt noch nicht kennt. Da ist mir eine mühsame Einigung auf dem Weg zu einer möglichen Reform schon lieber als eine Geisterfahrt im Neuland.

Standard:  Die rot-schwarze Bundesregierung scheint im Dauerclinch zu liegen. Wie lange geht diese Koalition noch gut?

Pühringer: Die Koalition wird halten bis zum Ende. Große Themen verlangen halt auch große Diskussionen. Ich bin über die Performance der Bundesregierung auch nicht immer glücklich. Mit der Form, wie man etwa die Schuldiskussion geführt hat, gewinnt man sicher keinen Schönheitspreis. Aber die Frage ist doch: Was ist die Alternative, wer soll Neuwahlen wollen und was soll dabei herauskommen? Sollen die zwei großen Parteien Neuwahlen abhalten, damit die drei kleinen Parteien einen Prozentpunkt zulegen? Also bitte uns nicht für narrisch zu erklären.

Standard: Das klingt aber sehr zweckoptimistisch: Man bleibt in der großen Koalition, weil sich keine Alternativen abzeichnen?

Pühringer:  Das habe ich so nicht gesagt, das interpretieren Sie so. Die große Koalition ist besser als ihr Ruf, und sie hat relativ viel auf die Wege gebracht: Finanzausgleich, Doppelbudget, Asylgerichtshof. Nur in einer nicht ganz glücklichen Öffentlichkeitsarbeit stehen die Streitthemen mehr im Vordergrund als die Ergebnisse dieser Regierung.

Standard: Sie werden ja nicht müde zu betonen, dass Schwarz-Grün auf Landesebene gut funktioniert. Wäre nicht eine Koalition Großpartei und Juniorpartner auch auf Bundesebene sinnvoller?

Pühringer: Es gibt genug Besserwisser, unsere Zeit braucht aber die Besserkönner. Die Bundespolitik ist um vieles schwieriger, komplizierter, weil auch ideologischer. Schwarz-Grün funktioniert in Oberösterreich nur, weil es zwischen den Parteien immer einen politischen Anstand gegeben hat und die Sachthemen im Vordergrund stehen. (Kerstin Scheller und Markus Rohrhofer/DER STANDARD Printausgabe, 13. November 2007)

Zur Person
Josef Pühringer (58), promovierter Jurist, amtiert seit 1995 als ÖVP-Landeshauptmann in Oberösterreich. Nach der letzten Landtagswahl 2003 hat er eine Koalition mit den Grünen geschmiedet.
  • ÖVP-Landeshauptmann Pühringer: "Ich bin über die Performance der Bundesregierung auch nicht immer glücklich."
    foto: standard/cremer

    ÖVP-Landeshauptmann Pühringer: "Ich bin über die Performance der Bundesregierung auch nicht immer glücklich."

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