Polizei erschoss Fan, Hools randalieren

3. Dezember 2007, 13:41
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Nach "tragischem Irr­tum" eskalierte die Ge­walt - Ausschrei­tungen in Rom, Bergamo und Mailand - Partie Inter gegen Lazio abgesagt, Bergamo gegen Milan abgebrochen

Rom - Knapp neun Monate nach der Ermordung des Polizisten Filippo Raciti bei Ausschreitungen in Catania haben Auseinandersetzungen zwischen italienischen Fußballfans indirekt ein Todesopfer gefordert. Auf einer Autobahnraststätte bei Arezzo gerieten Tifosi von Lazio Rom und zufällig anwesende von Juventus aneinander. Der 28-jährige Römer Gabriele Sandri wurde dabei erschossen - von einem Polizisten, der einen Warnschuss abgeben wollte.

Die Kugel war offenbar durch die Heckscheibe in Sandris Auto eingedrungen. Das Fahrzeug wurde für weitere Ermittlungen beschlagnahmt. "Es war ein tragischer Fehler. Unser Polizist hat eingegriffen, um Gewalttätigkeiten zwischen kleinen Gruppen von Ultras auf der Autobahnraststätte zu verhindern", sagte der Präfekt von Arezzo, Vincenzo Giacobbe.

"Auf niemanden gezielt"

Der mutmaßliche Todesschütze hat sich am Montag zu Wort gemeldet. "Ich habe erst einen Warnschuss in die Luft abgegeben, der zweite Schuss hat sich beim Laufen gelöst", sagte der Polizist der Zeitung "Corriere della Sera" (Montagausgabe). Er habe auf "niemanden gezielt", betonte der Beamte. "Ich bin ruiniert, ich habe zwei Familien zerstört, die des Jungen und meine eigene", sagte der 31-jährige.

Ausschreitungen

Die für Sonntagnachmittag angesetzte Partie zwischen Meister Inter Mailand und Lazio wurde nach Bekanntwerden des Todesfalls abgesagt. Die Partie zwischen Atalanta Bergamo und dem AC Milan musste nach sieben Minuten abgebrochen werden, nachdem Hooligans versucht hatten, eine Glasbarriere einzureißen. Die restlichen Partien begannen mit zehnminütiger Verspätung. In mehreren Städten kam es zu Kundgebungen gegen die Polizei. In Rom fand ein Fackelzug in Gedenken an Sandri statt. Später kam es nicht nur in Mailand und Bergamo sondern auch in Rom zu Ausschreitungen, mehrere Menschen wurden verletzt.

Eine Gruppe von zirka 400 Hooligans hat in Rom eine Polizeikaserne angegriffen. Die Vermummten bewarfen die Polizeikaserne mit Steinen und Flaschen, ein Bus und mehrere Polizeiautos wurden in Brand gesetzt. Die Polizei setzte Tränengas gegen die Vandalen ein. Hooligans griffen auch den Sitz des Nationalen Olympischen Komitees CONI an. Einige Fensterscheiben wurden eingeschlagen.

Aber der Ball rollt

"Für den Polizisten habt ihr die Liga gestoppt, aber ein Fan ist euch nichts wert", riefen die aufgebrachten Fans in Mailand und forderten die Absage aller Partien. Eine Forderung, die auch zahlreiche Politiker vertraten. "Es ist unverständlich, dass der Fußball weiter rollt", sagte Grünen-Fraktionschef Angelo Bonelli. "Es war richtig, die übrigen Partien anzupfeifen", verteidigte dagegen Verbandspräsident Giancarlo Abete die Entscheidung. Italiens Regierungschef Romano Prodi zeigte sich tief bestürzt. Justizminister Clemente Mastella verlangte strengere Maßnahmen. "Der Vorfall in Arezzo ist gravierend. Sport ist Wettbewerb, nicht Gewalt."

Anfang Februar dieses Jahres, nach Racitis Tod am Rande des sizilianischen Derby zwischen Catania und Palermo, war der gesamte Profi-Spielbetrieb vorübergehend ausgesetzt worden. Eine kürzlich veröffentlichte Studie ergab, dass die Anzahl von Verletzten durch Fußball-Krawalle im Vergleich zur vergangenen Saison um 80 Prozent zurückgegangen ist. Allerdings sei das Gewaltpotenzial ungebrochen. (DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 12. November 2007, sid, red; APA)

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    Atalanta-Tifosi machen ihrem Unmut vor dem Spiel gegen den AC Milan Luft, nachdem ein Lazio-Fan von einem Polizisten auf einer Autobahnraststätte erschossen wurde.

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