Schweden nimmt den Großteil der Irak-Flüchtlinge auf

22. April 2008, 17:45
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Im Jahr 2006 erhielten in Österreich erhielten 92 Iraker Asyl - Hilfszahlungen von EU und USA an Nachbarländer sollen Andrang eindämmen

Jeder sechste Iraker ist auf der Flucht. Seit der US-Invasion im Jahr 2003 haben laut UN-Flüchtlingsagentur UNHCR 4,7 der 28 Millionen Einwohner des Landes ihre Wohnorte verlassen. Wer es sich leisten kann, verlässt das Land – für viele ist aber eine Flucht ins Ausland nicht zu finanzieren.

Von der Regierung ihres Landes können sie keine Unterstützung erwarten: das Ministerium für Migration und Flüchtlingswesen ist auf die Unterstützung der Internationalen Organisation für Migration angewiesen, offizielle Auffanglager gibt es nicht. Die UNHCR schätzt, dass 2,4 Millionen in den Nachbarländern des Irak Zuflucht gefunden haben, 2,3 Millionen leben im Land in improvisierten Zeltstädten, leerstehenden Militärcamps oder sind bei Verwandten untergekommen.

Nach Europa oder in die Vereinigten Staaten schafft es nur ein Bruchteil der Flüchtlinge: 20.000 kamen 2006 in EU-Staaten an, die USA ließen von Jänner bis September dieses Jahres nur 1700 Iraker ins Land.

Die Nachbarländer des Irak sollen finanzielle Unterstützung erhalten, um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Massenflucht abzufedern. Die EU hat beim Luxemburger Innen- und Justizministergipfel im April elf Millionen Euro für humanitäre Maßnahmen im Irak und in den Nachbarländern bereitgestellt, die USA unterstützen gezielt spezifische Hilfsprojekte. So soll zum Beispiel Jordanien 20 Millionen Euro für die Schulbildung von Flüchtlingskindern erhalten (derStandard.at berichtete).

"Little Bagdad" Södertälje

Der Großteil der Iraker, die in der EU Asylanträge stellen, tut dies in Schweden. Schon während des Kriegs zwischen Iran und Irak kamen viele Flüchtlinge das skandinavische Land. Ein Drittel der insgesamt 70.000 Iraker in dem skandinavischen Land gehören der christlichen Minderheit an.

Das schwedische Asylgesetz erlaubt es Asylsuchenden, ihren Wohnort selbst zu bestimmen. Deshalb ziehen Orte mit einer bereits bestehenden irakischen Community weitere Zuwanderer an: Ein Beispiel ist die Stadt Södertälje, 70 Kilometer südlich von Stockholm.

6.000 der 70.000 Einwohner der Stadt haben irakische Wurzeln, von den 9.000 Irakern, die 2006 in Schweden eintrafen, zog ein Zehntel nach Södertälje. Der sozialdemokratische Bürgermeister Anders Lago rechnet heuer mit bis zu 2.000 weiteren Zugängen und beklagt, dass mittlerweile Kindergartenplätze knapp sind und die Wartelisten für Schwedischkurse immer länger werden.

Schweden erkannte bisher fast alle Asylanträge aus dem Irak an, andere EU-Staaten sind weniger gastfreundlich: in Großbritannien wurde 2006 der Großteil abgewiesen und einige Menschen in den als sicher eingestuften Nordirak abgeschoben. Premierminister Gordon Brown hat allerdings versprochen, einigen der rund 20.000 Iraker, die für die britischen Besatzungstruppen gearbeitet haben, ein Umsiedlungsangebot zu unterbreiten.

Dänemark vergab im Rahmen des Abzugs einer Truppen rund 200 Visa an irakische Militärangestellte und deren Familienangehörige. In Österreich wurden von laut Asylstatistik des Innenministeriums von 380 im Jahr 2006 gestellten Anträgen 264 erledigt, davon 92 positiv. Ein Teil der übrigen Antragsteller hat das Land bereits verlassen, einige Fälle sind noch in Bearbeitung.

Schwedens Asyl- und Migrationsminister Tobias Billström verlangte beim Luxemburger Gipfel im April von seinen Amtskollegen eine bessere Aufteilung der Irak-Flüchtlinge, hatte damit aber wenig Erfolg. Die Minister beschlossen zwar ein Hilfspaket in der Höhe von sieben Millionen Euro für EU-Mitglieder, die Asylwerber aus dem Irak aufnehmen, eine Sonderregelung wie im Fall der Jugoslawien-Kriege stieß aber auf Ablehnung. (bed/derStandard.at, 13.11.2007)

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