Grummeln am Bosporus

27. Februar 2008, 11:37
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Anlässlich der Istanbul Design Week reisten internationale Kapazunder an den Bosporus und nahmen das türkische Design unter die Lupe - 60.000 Besucher schauten mit

Vorn auf der Bühne projizierte Trend-Guru Li Edelkoort ihre Visionen an die bewegte Zeltwand. Der Wind zerrte lautstark am improvisiert wirkenden Vortragszelt mit dem historischen Fundament - eiserne Teilstücke der ehemaligen Galatabrücke, die man am Ufer vertäut hatte. Ein Motorboot grummelte auf dem Meeresarm, das kurz darauf von einem Helikopter übertönt wurde, begleitet vom Ruf eines nahen Muezzins, während ein DJ das Gelände der Designmesse mit Techno-Rhythmen bedeckte. Ein chaotisch wirkender Moment voller Lärm, Leben, Zukunft, Vergangenheit - ein prächtiges Symbol für die Stadt zwischen den Welten und ihren Aufbruch ins Designzeitalter.

Die dritte Istanbul Design Week hatte Anfang September Größen wie Patricia Urquiola, Konstantin Grcic und Tucker Viemeister aus den Vereinigten Staaten an den Bosporus geladen, 60.000 Besucher strömten zu der atmosphärischen Location am Goldenen Horn, um einen Blick auf den aktuellen Stand türkischen Designs oder den berühmten Besuch aus dem Westen zu werfen.

2. Generation türkischer Designer

Von der Nabelschau des europäischen Kreativ-Pools weitgehend unbemerkt hat sich an der Grenze zwischen Orient und Okzident eine lebhafte Designbewegung formiert. Deren Pioniere - darunter Namen wie Defne Koz oder Aziz Sariyer - gelten im Westen als etabliert. Nun rückt die zweite Generation türkischer Designer nach und lenkt den Blick auf das ansässige Potenzial der Metropole.

Ihr Aushängeschild ist das Designerduo Autoban (siehe Porträt S. 4,5,6), das mit seinen eigenwilligen Objekten international auf der Überholspur dahinglüht. Wer geschmäcklerisch und vorschnell nach Schubladen fahndet, um den Input aus dem Osten stilistisch einzusortieren, tut sich schwer. "Es gibt kein Design mit Kebap-Taste", sagt Altmeister Sariyer, virtuoser Meister der sachlichen Formensprache. Was es stattdessen gibt: eine vielbödige, wechselhafte Geschichte und kulturelle Vergangenheit. Dazu kommt die seit gut zehn Jahren ökonomisch stabile Lage, die den passenden Boden für aufstrebendes Unternehmertum und i i auch für die neue Disziplin "Design" bietet: An die 13 Designprogramme wurden in den vergangenen fünf Jahren an Hochschulen initiiert. Ein Großteil der Studenten und Designer orientiert sich eindeutig westlich, während andere gekonnt mit traditionellen Elementen oder geometrischen Formen - ein wesentliches Merkmal islamischer Kunst - spielen.

"Zum ersten Mal"

Mit überzeugendem Ergebnis, das man 2007 erstmals versammelt in der Hochburg internationalen Designs präsentierte: Anlässlich des Mailänder "Salone del Mobile" zeigte eine Kooperation 36 führender Designer unter dem Namen "Ilk" - auf Türkisch "zum ersten Mal" - und, organisiert vom türkischen Büromöbelproduzenten Nurus in der Zona Tortona, ihre Entwürfe, während das Studentenprojekt "Five senses" im "Salone Satellite" auf dem Messegelände in Rho-Pero ausstellte. Der Erfolg war bahnbrechend, das Heimspiel folgte auf der IDW in der Metropole Istanbul, die sich nun auf ihr Debüt als Kulturhauptstadt 2010 vorbereitet. Gründe genug für die Designwelt, verstärkt nach Osten zu blicken. Dabei chillt sie, dem aktuellen Loungetrend entsprechend, auf niedrigen Poufs, tiefergelegten Sofas und amorphen Wohnlandschaften vor sich hin. Was der überlieferten türkischen Wohntradition mit ihren vielen Kissen, Teppichen und Diwans schon auch sehr ähnlich sieht. Die Formen der Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart mischen sich hier ständig und - das ist das Beste - bestehen nebeneinander. Das macht diesen Ort zu einer Quelle der Inspirationen und Visionen, egal, ob man zurück oder nach vorne schaut. (horf/Der Standard/rondo/09/11/2007)

  • Design von Faruk Malhan
    foto: hersteller

    Design von Faruk Malhan

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