Tiefergelegt - mit tieferem Grund?

24. Oktober 2007, 19:00
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In Deutschland, sagt G. würden Reifen systematisch entlüftet. Aus Umweltschutzgründen

Es war am Tag danach. Da meldete sich G. und meinte, dass es da bei der Geschichte über die aufgestochenen Reifen (siehe Stadtgeschichte "Tiefer gelegt") wohl ein Missverständnis gegeben habe. Oder, dass J. mich angeflunkert habe. Denn das mit den vier Platten habe er, G., unlängst im Fernsehen gesehen. Und von einem xenophoben Vandalenakt ("autonome Republik Parkplatzistan – das Hoheitsrecht über den Autoabstellplatz liegt in seiner Wertigkeit und Schutzwürdigkeit sogar noch über dem des Schrebergartens und des Hundescheisssankisten-Kontrollrechtes des anrainenden Gemeindebaumieters", hatte G. gesagt) könne deshalb wohl keine Rede sein.

Es gehe, sagte G. da nämlich um den Umweltschutz. Und J. habe mir wohl verschwiegen, dass der Wagen seiner Mutter ein fetter SUV sei. Denn die, habe er eben unlängst im TV erfahren, stünden auf der Abschussliste von militanten Umweltschützern. In Deutschland, so G., gäbe es jedenfalls Menschen, die den theoretisch geländetauglichen Spaßautos systematisch die Luft aus den Reifen ließen. Um so einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Und mit Vandalismus, so G., habe das nix zu tun – die Reifen würden nämlich nicht aufgestochen, sondern bloß entleert.

Lüften

Den Beitrag - ein Studiogespräch mit einem unkenntlich gemachten SUV-Reifenentlüfter – hatte ich auch gesehen. Aber J.s Geschichte war vorher veröffentlicht worden. Trotzdem fragte ich J. sicherheitshalber noch einmal: Nein, seine Mutter fahre keinen Geländewagen. Jedenfalls nicht in Österreich. In Tschechien habe sie zwar ein zweites Auto mit dem sie auch über Feldwege und zu einer bergig gelegenen Hütte fahre – aber das, so J., sei ein alter Lada-Taiga und somit das Gegenteil eines SUVs. Weil total unbequem aber praktisch. Und außerdem habe man, so J., die Reifen sehr wohl aufgestochen. In einen habe man das Messer sogar drei- oder viermal hineingerammt.

Ganz abgesehen davon, meite J., fände er es auch nicht besonders sexy, anderen Menschen aus missionarischer Selbstgerechtigkeit im Namen des Umweltschutzes den Wagen "euphemistisch stillzulegen". Auf das Etikett, unter dem jemandem das Verwenden seines Eigentums im Rahmen der gültigen Gesetze und Regeln, nicht nur mutwillig, sondern auch unter Gefährdung von Gesundheit und Leben anderer ("stell dir mal vor, da fährt einer mit halbplatten Reifen los ohne es zu merken – und dann hüpft ein Kind vor ihm auf die Straße") verwehrt werde, käme es nämlich nicht an.

Trotzdem, bremste J. sich dann wieder ein, verstünde er G. und seinen Einwand: Öko-Idiotie klänge zumindest sympathischer als das idiotische "Schleich dich" hinter der Windschutzscheibe der Mutter. Aber daran, dass der Zettel da war, bedauerte J., könne er halt wirklich nix ändern.(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 8.11.2007)

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