Küssen für die Kussfreiheit

18. Jänner 2008, 11:15
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Dass zwei Frauen in ihrem Stammlokal am Küssen gehindert wurden, veranlasste rund hundert Demonstranten am Dienstag zum kollektiven Schmusen gegen Diskriminierung

Ein Besuch im Stammlokal am Montag vor einer Woche endete für die Wiener Studentin Martha F.* und ihre Freundin etwas früher als geplant: Als das Pärchen zu einem Kuss ansetzte, sah sich die Kellnerin im Josefstädter Studentenbeisl Café Merkur zur Intervention gezwungen. "Der Chef sei gerade da", so der höfliche Hinweis, und "der hat halt was gegen Lesben und Schwule". Das Paar möge mit ihren Liebesbekundungen "bitte aufhören". Die Besucherinnen unterließen weitere Zärtlichkeiten und Konsumationen: "Wir haben sofort bezahlt und sind gegangen", sagt F., die "diese Lokalpolitik" für "untragbar" hält.

"Normales" Verhalten

Lokalbesitzer Fayez Clache, der auch den "Tunnel" in der Florianigasse betreibt, versteht die Aufregung nicht: "Das 'Merkur' gibt es seit 28 Jahren, wir haben nie Schwule oder Lesben hinausgeschmissen", sagt er derStandard.at, und fügt hinzu: "Die sollen sich aber normal verhalten. Viele machen das ja auf demonstrative Weise." So habe er einmal einen schwulen Gast ermahnt, der mit seiner Hand das Gesäß seines Geliebten berührte: "Dem hab' ich gesagt, er soll aufhören und auf die Toilette gehen, zum Händewaschen."

Dem Vorwurf anzüglichen Verhaltens in Fayez Claches Räumlichkeiten widerspricht Martha F., die betont, es sei lediglich zu "unauffälligen" Streicheleinheiten gekommen. Demonstrativer ging es indes vergangenen Dienstagabend zu: Homosexuelleninitativen und die Hochschülerschaft hatten lesbische und schwule Pärchen zu einem "Kiss In" ins Café Merkur gerufen. Etwa hundert Demonstranten folgten, um laut Demo-Aufruf synchron "so richtig herumzuschmusen"- erst im "Merkur", dann im nahe gelegenen "Tunnel". Die übrigen Gäste reagierten amüsiert, die Kellnerin nervös: Sie habe das "falsch formuliert", nahm sie die Schuld auf sich. "Das ist alles meine Verantwortung, nicht die meines Chefs." Dieser blieb dem Trubel Dienstagabend jedoch fern.

Martha F., die die Demo mitorganisiert hat, geht es aber ohnehin weniger darum, das "Merkur" anzuprangern: Einerseits habe sie sich in dem – vor allem von ÖH-Engagierten stark frequentierten – Lokal bisher nie diskriminiert gefühlt. Andererseits sei ihr Erlebnis der vergangenen Woche nicht als Einzelfall zu sehen: "Nicht-heterokonformes Verhalten ist in der Öffentlichkeit oft einfach nicht erwünscht". Oder, wie es eine "Tunnel"-Kellnerin beschreibt: "Der Chef hat nichts gegen Homosexuelle. Er mag es nur nicht, wenn sie schmusen." (Maria Sterkl, derStandard.at, 7.11.2007)

*Name der Redaktion bekannt
  • Kollektives Schmusen: Erst im "Merkur",...
    foto: derstandard.at

    Kollektives Schmusen: Erst im "Merkur",...

  • ...dann im "Tunnel"
    foto: derstandard.at

    ...dann im "Tunnel"

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