Lehrervertreter: "Das ist Käse"

11. Februar 2008, 14:46
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Gewerkschafter Riegler: PflichtschullehrerInnen werden benachteiligt - AHS-LehrerInnen sind hingegen erfreut über die Wahlmöglichkeit

Wien - Die Reaktionen der LehrerInnen auf die geplanten Schulversuche zur Neuen Mittelschule sind gespalten: Zufrieden zeigen sich die AHS-Lehrervertreter mit der Einigung zwischen SPÖ und ÖVP bei der Schulreform. "Die Stimmen der pädagogischen Vernunft haben sich am Ende durchgesetzt", meinte die Vorsitzende der AHS-Lehrergewerkschaft, Eva Scholik, in einer Aussendung am Dienstag. Enttäuscht ist hingegen der Vorsitzende der Pflichtschullehrergewerkschaft, Walter Riegler: Einerseits habe man die Chance vergeben, wirklich zu erproben, ob ein differenziertes oder ein Gesamtschulsystem das bessere sei. Andererseits seien die Hauptschullehrer im nun vorliegenden Entwurf schlechter gestellt als ihre AHS-Kollegen, so Riegler gegenüber der APA.

Die Tatsache, dass das Dienstrecht der an den Modellversuchen beteiligten Lehrer gleich bleibe, bedeutet laut Riegler, dass Hauptschullehrer in einem Modellversuch bei schlechterer Bezahlung etwa fünf Stunden pro Woche mehr Deutsch unterrichten müssten als ihre AHS-Kollegen. Einziger "Lichtblick" sei, dass die Lehrer entscheiden könnten, ob sie unter diesen Umständen mitmachen wollen oder nicht. Es wäre daher durchaus möglich, dass bei dem einen oder anderen im Hinterkopf die Hoffnung herrsche, dass aus dem Schulversuch nichts werde. Wenn die Versuche nach acht Jahren ins Regelschulwesen münden sollten, werde es diese Zweiteilung sicher nicht mehr geben können, "sonst kommt der große Aufstand".

"Ich kann nicht eine Gesamtschule in einem Bereich ausprobieren wollen, wo es drei verschiedene Schulen zur Auswahl gibt. Also entweder Gesamtschule oder Nicht-Gesamtschule. Das, was hier gemacht wird, ist Käse", so Riegler im Ö1 Morgenjournal am Mittwoch.

Der Pflichtschullehrervertreter argumentiert außerdem. dass Pflichtschullehrer gegenüber den Gymnasiallehrern benachteiligt werden. "Sie verdienen nicht nur weniger, sie müssen für weniger Verdienst in dieser Gemeinsamen Schule in den nächsten acht Jahren auch noch mehr an Unterrichtszeit einbringen, weil die Unterrichtszeit bis zu fünf oder sechs Stunden pro Woche differieren kann; und auch das ist nicht einzusehen", befürchtet Riegler.

"Wohl durchdacht"

Im Vergleich euphorisch dagegen Scholik: "Die von radikalen Reformern als Kahlschlag der AHS konzipierte und von Schmied intendierte Versuchsdiktatur durch das Unterrichtsministerium wird es nun nicht geben." Vielmehr bleibe die Wahlfreiheit der Eltern und Schüler weiterhin bestehen. "Unsere Schulen brauchen keine diffusen Experimente, sondern wohl durchdachte Entwicklungsschritte, die auf einer breiten Zustimmung der Betroffenen vor Ort basieren". Schmied müsse nun vordringlich die gesetzliche Fixierung der Klassenschülerhöchstzahl 25 und die Adaptierung der Gruppengrößen in Angriff nehmen.

Ähnlich die Elternvertreter an den höheren Schulen: Der Bundesverband der Elternvereinigungen an mittleren und höheren Schulen sah in einer Aussendung wesentliche Forderungen wie "Modellversuche ohne Zwang, Mitbestimmung und Wahlfreiheit der Unterrichtsform am Schulstandort erfüllt". Eine "autoritär agierende Bundesministerin, die den schulpartnerschaftlichen Weg verlassen hat", sei "zum Einlenken gezwungen" worden, so der Verbandsvorsitzende Ulf Scheriau in einer Aussendung.

"Unglückliche" Lehrer

Die Sozialdemokratischen LehrerInnen Österreichs (SLÖ) zeigten sich in einer Aussendung "äußerst unglücklich". Die Einigung bringe "keinen Fortschritt". Auch die Sozialistische Jugend (SJÖ) hält den Kompromiss für "faul": Schulversuche gebe es bereits zur Genüge. "Was Österreichs Jugend braucht, ist eine grundlegende Reform des Schulsystems", so der geschäftsführende SJÖ-Chef Wolfgang Moitzi in einer Aussendung.

"Der Weiterbestand existierender AHS bedeutet, dass die bestehende soziale Selektion fortgeführt wird. Es ist nicht einzusehen, dass die Blockadepartei ÖVP, die das Schulsystem als Baustelle hinterlassen hat, die Schule weiterhin gegen die Interessen aller Jugendlichen als solche belässt", meinte Moitzi. Von der SPÖ hätte er sich "eine konsequentere Verteidigung sozialdemokratischer Positionen erwartet". (apa/red)

  • Die PflichtschullehrerInnen halten nicht viel von der geplanten Schulreform.
    montage: derstandard.at

    Die PflichtschullehrerInnen halten nicht viel von der geplanten Schulreform.

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