Kosmetik mit Ethik

6. Oktober 2007, 17:00
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Öko ist schick, Geiz nicht mehr geil und nachhaltiges Handeln ein Lebenskonzept, das nach Essen und Mode jetzt auch die Kosmetik erobert - Bio für Haut und Haar

Es ist wieder einmal Zeit, eine neue Vokabel zu lernen. Was ist eigentlich LOHAS? Die Antwort: Die Abkürzung steht für "Lifestyle of Health and Sustainability" und bezeichnet Menschen, die Gesundheit, Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit zu Elementen ihres Selbstverständnisses machen, und zwar als verantwortungsvolle Konsumenten. Konkret heißt das: LOHAS kaufen bei Firmen, die ihre Waren mit möglichst geringer Umweltbelastung produzieren und statt auf Masse auf Qualität setzen. Mit den 68er-Ökos, die in Jesus-Schlapfen schrumpelige Äpfel aus dem Bioladen holten, Mehlmotten im Müsli okay fanden und Konsum prinzipiell als eher verdächtig einstuften, hat LOHAS ganz und gar nichts mehr zu tun. Das neue Konzept: hedonistisch luxuriöses Leben mit ethischen Überzeugungen koppeln, das Gefühl, etwas Gutes zu tun, ist dank des vergleichsweise hohen Preises inklusive. Die LOHAS-Bewegung hat auch schon ihre Ikonen in Hollywood. Julia Roberts, George Clooney, Brad Pitt und Angelina Jolie machen vor, wie es geht, die "Welt zu retten und dabei gut auszusehen". Denn das ist die treibende Kraft hinter der neuen Greenstyle-Bewegung, die bei Lebensmitteln und Mode ihren Anfang nahm und nun die Kosmetikindustrie erreicht hat. Tierversuche sind tabu, rein kommt nur Natur pur, und verpackt wird mit Recycling-Material.

Das gefällt. Die Umsatzzahlen sind der Beweis. Laut deutschem Bio-Marktforschungsinstitut Biovista steigen die Umsätze für Naturkosmetik stetig. Der Anteil der Bio-Kosmetik am deutschen Kosmetikmarkt beträgt 6,3 Prozent, im vergangenen Jahr haben Kosmetikhersteller an die 650 Millionen Euro Umsatz gemacht, das ist rund doppelt so viel wie vor vier Jahren. Im Kontext mit dem generellen Absatz von Bioprodukten eröffnen sich für Naturkosmetik neue Perspektiven. Einer Studie von Gfk zufolge sind die Ausgaben für Bioprodukte in Deutschland gegenüber dem Vorjahr um 17 Prozent gestiegen, insgesamt 4,5 Milliarden Euro geben die Deutschen für Greenstyle aus.

30 Jahre Naturkosmetik

"Vor allem im vergangenen Jahr ist das Interesse an Naturkosmetik massiv gestiegen", registrierte auch Christina Wolf-Staudigl, Geschäftsführerin des renommierten Reformhauses mit angeschlossener Naturkosmetikparfümerie im ersten Bezirk in Wien. Mit Naturkosmetik ist das Familienunternehmen seit 30 Jahren vertraut. "Anthroposophen kaufen seit Jahrzehnten Dr. Hauschka bei uns im Reformhaus", weiß Wolf-Staudigl, auch Weleda, Annemarie Börlind, Tautropfen oder Daedosens seien Klassiker. "Viele unserer Kunden haben Allergien und kommen auf der Suche nach gut verträglichen Cremen", sagt Wolf-Staudigl und berät. Per Mundpropaganda werden die Produkte dann weiterempfohlen.

Derzeit werden in der Kosmetikindustrie schätzungsweise 6000 unterschiedliche Stoffe verarbeitet, 2500 allein sind Duftstoffe, und viele Menschen reagieren auf den einen oder anderen Stoff mit unerwünschten Hautreaktionen. Naturkosmetik verzichtet auf Erdölderivate (Paraffine), Silikon, synthetische Duftstoffe und Farb- und Konservierungsmittel wie Parabene. "Diese Substanzen legen sich wie eine Schicht über die Haut und werden nicht abgebaut", erklärt Christina Wolf-Staudigl, die mit ihrem Team jedes Produkt "auf Herz und Nieren prüft." Vor allem neue Marken, etwa die der britischen Modedesignerin Stella McCartney, die griechische Apothekenlinie Korres oder Marken wie Origins sprechen ein jüngeres Publikum an, französische Naturkosmetik wie Caudalie oder Sisley sehen wiederum gar nicht nach Öko aus. Auch Lavera steht in den Regalen. Ihr Begründer Thomas Haase ist Neurodermitiker und hat sich in den 80er-Jahren Produkte für sich selbst gemischt. Heute gibt es alles: vom Sonnenschutz bis zur Hautpflege.

Und auch das ist Merkmal vieler Naturkosmetikmarken: Ihre Begründer waren vor Jahren mit dem bestehenden Kosmetikangebot unzufrieden. So wie Horst Rechelbacher, ein Friseur aus Klagenfurt, der nach Amerika auswanderte, dort in den 70er-Jahren organische Haarshampoos und -pflege erfand. Sein Unternehmen Aveda - mittlerweile an den Estée- Lauder-Konzern verkauft - produziert mit Windenergie, setzt ausschließlich auf nachwachsende Rohstoffe und hält Abfallminimierung mit Recycling-Material hoch. "Unsere Mission ist es, uns um die Welt, in der wir leben, zu kümmern. Bei unseren Produkten angefangen, bis hin zu der Art, mit der wir uns bei der Welt revanchieren", formulierte Rechelbacher pathetisch. Es hätte auch ein Lexikoneintrag für LOHAS sein können.

Was selbst gefällt

"Das Mekka der Naturkosmetik ist heute London", weiß Apotheker Alexander Ehrmann, der in der Wiener Saint-Charles-Apotheke Naturkosmetik zu einem Schwerpunkt gemacht hat. In der Gumpendorfer Straße und seit Juli auch in der Naglergasse gibt es Marken wie REN oder Organic Pharmacy, die man bislang in Österreich vergeblich suchte. "Wir haben uns allerdings niemals an einem Trend orientiert, sondern verkaufen, was uns selbst gut gefällt", betont Ehrmann, deshalb steht dann auch Sapofactor, in einer deutschen Manufaktur handgefertigt, in den Regalen. Aber richtig zufrieden, so Ehrmann, sei man trotz allem noch nicht gewesen, und deshalb habe man sich überhaupt für eine ganz eigene Naturkosmetik entschieden. Saint Cosmetics wird im Oktober vorgestellt: Sieben Cremen in Kombination mit Kapseln zum Einnehmen sollen von innen heraus schön machen und den Ansprüchen der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) gerecht werden.

Auch bei Staudigl hält mit Naturkosmetik von Susanne Kaufmann aus Vorarlberg Lokalkolorit Einzug. "Lokal, nicht global", passt ebenfalls in die LOHAS-Welt, die Klimadiskussion hält das Thema dann auch dauerfrisch.

Allerdings: "Es gibt mittlerweile viele Firmen, die sich den Bio-Stempel nur auf die Fahnen heften, aber im Grunde gar keine echte Naturkosmetik produzieren", weiß Ehrmann. "Grundsätzlich immer die Liste der Inhaltsstoffe ganz genau lesen und nachfragen," empfiehlt Christina Wolf-Staudigl.

Sich Gutes zu tun und dabei Gutes zu tun, funktioniert nämlich nur, wenn alle Beteiligten beim Gutsein auch tatsächlich mitspielen. (Karin Pollack/Der Standard/rondo/05/10/2007)

  • LOHAS - Lifestyle of  Health and Sustainability
    foto: photodisc

    LOHAS - Lifestyle of Health and Sustainability

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