Raben, Mütter und Protokoll

24. Oktober 2007, 19:00
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Eigentlich wollte M. wissen, wer heuer die Datenschutz-Bashing-Preise bekommt. Stattdessen bekam sie eine Babyflasche an den Kopf. Mehrmals

Es war am Donnerstag. Da schickte M. dann ihr Mail. Aber davor, erklärte sie, hatte sie versucht, selbst eine Antwort zu finden. Fast eine Woche lang. Nur: So einfach, hatte M. da festgestellt, ist das mit den einfachen und allgemeingültigen Antworten eben doch nicht.

Weil M. (unterstelle ich jetzt einmal) aber nicht glaubt, dass der Etikett-, Benimm- und Tanzlehrer aus der Traditionstanzschule tatsächlich eine kompetente Anlaufstelle für Anliegen aus dem realen Leben der Jetztzeit ist, schrieb sie mir. Allerdings nicht, weil sie mir zutraut, eine Antwort zu wissen. Sondern weil sie hofft, aus einer Vielzahl von Antworten etwas Brauchbares herausdestillieren zu können. (Und vielleicht ja auch, weil ich an dem Abend auch im Rabenhof war.) Aber das soll M. selbst erzählen:

M.s Mail

Neulich im Rabenhof. Es war bei den Big Brother Awards: Saal knallvoll, glücklicherweise waren meine Begleitung und ich rechtzeitig dort und bekamen locker Sitzplatz - fein, wir freuten uns angesichts des Andrangs und der vielen Leute die am Rand stehen mussten, sitzen zu können.

Als es finster wurde und die Band zum Auftakt in die Saiten griff, hörten wir es zum ersten Mal: lauter Protest "nein, nein, nein" aus zwei Reihen hinter uns. Ein verstohlener Blick zurück zeigte ein kleines Mädchen - etwa zweieinhalb - das offensichtlich mit irgendetwas ganz und gar nicht einverstanden war. Über den Grund des Protestes kann man nur spekulieren. (der Umgang mit dem Datenschutz an sich in Österreich, die Lautstärke der Band, Müdigkeit, Langeweile,.....hmm)

Quälendes Quengeln

Fakt ist, das uns das, und damit meine ich wahrscheinlich ein Drittel der BesucherInnen, "Nein, nein, nein, oder auch: "Mama Nein!", oder aber auch nur Gebrülle, für den Rest des Abends begleitete, und zwar in einer Lautstärke dass man von den Menschen auf der Bühne rein gar nix mehr verstand.

Die Mutter übte sich in "Schhhhhhh" und "Pschhhhhh" und "is schon gut" wippte das Töchterlein auf dem Schoss, die Blicke der sich Umdrehenden, wahlweise verzweifelt und ärgerlich Blickenden, ignorierend.

Dann war Pause und meine Begleitung und ich verbrachten die Zeit damit, zu diskutieren, ob man auf die Frau zugehen sollte um sie zu bitten, ihre Abendgestaltung mit dem Töchterlein woanders fortsetzen zu können, oder zumindest bei nochmaligen Gebrülle den Saal zu verlassen. Die Show ging allerdings schon weiter ohne, dass wir zu einem Ergebnis kamen.

Schnullerschleuder

Das Gebrülle übrigens auch. Und das Töchterlein ging dazu über seinen Protest dahingehend zu untermauern, als dass es begann, abwechselnd Fläschchen und Schnuller auf die vor ihm Sitzenden zu werfen/spucken. (Kommt gut, wenn frau, ein paar Reihen davor sitzend, nichts ahnend ein Hartplastikflascherl an den Hinterkopf geknallt bekommt). So ging das übrigens bis zum Schluss, unterbrochen von kurzen Pausen der Stille hinter uns, die aber immer kürzer wurden. Danach gingen wir ziemlich genervt noch auf ein Bier, von der Show hatten wir akustisch nur Brocken mitbekommen, und die Diskussion ging weiter.

Kann man einer Mutter (vielleicht ja Alleinerzieherin mit keinem Geld für Babysitter) nahe legen zu gehen, oder gleich gar nicht zu kommen wenn von Kleinkind begleitet.? Wie tolerant muss man sein, wenn man sich in seiner kargen Freizeit auf einen Abend gefreut hat? Ist es überhaupt zum Wohl des Kindes, wenn es lange in einem Dunklen Saal ausharren muss, bei einer Sache die für zweieinhalbjährige wahrscheinlich eher sehr fad ist? Und außerdem: ist für Kinder dieses Alters nicht überhaupt schon Schlafenszeit? Und die Frage aller Fragen: Warum sagen die andren nichts? Zumindest aus ihren Blicken konnte man sehr großen Unmut ablesen. Ist der Mutter das wurscht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie Spaß hatte diesen Abend.

Fragen über Fragen, wir kamen zu keiner vernünftigen Antwort. Vielleicht haben Sie ja eine. Beste Grüße

M.

(Thomas Rottenberg, derStandard.at, 5. November 2007)

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