Letzter Zug vor der Planabfahrt

9. Jänner 2008, 19:16
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Geraucht wird nicht! In Pendlerzügen ist die Kultur des kollektiven Nikotinkonsums untergegangen - ein Lokalaugenschein

Wien, Südbahnhof: ein guter Platz zum Verzweifeln. In aller Herrgottsfrüh empfängt er barsch die unfreiwilligen Tagesgäste, so, als rufe er sie zum Rapport. Gegen Abend verabschiedet er sie dann hämisch, weil er weiß, dass sie wiederkommen werden, so oder so. Und seit einiger Zeit tut er, der rauchbeschränkte Gastgeber raucherfreier Züge, das noch hämischer. Feixend geradezu, seine mit Nirosta-Aschenbechern markierten Raucherreservate spöttisch anpreisend. Die unfreiwilligen Tagesgäste tragen es, so scheint's, mit der stoischen Gelassenheit eines schweren Burnout-Syndroms: Ein jeder zuckt die Achseln. So in der Art: "Trotteln, aber was willst machen?"

Schon 55

Der Glatzkopf mit der ironischen Schrägstellung des Mundes sagt das. Der frühzeitig grau Melierte sagt das. Und der aus offenkundiger Selbstvernachlässigung Bärtige sagt es auch. Paffend. Denn es ist schon 55. Fünf vor, wie die Nichtpendler sagen würden.

Pendlergemeinschaften sind willkürlich zusammengewürfelte, dann aber über viele Jahre hinweg organisch gewachsene Schicksalsgemeinschaften, zusammengeschweißt von unzähligen eiskalten Winterzügen und ebenso ungezählten sommerlichen Saunawaggons. Schicksalsgemeinschaften, die dann naturgemäß jeden Moment möglicher Entspannung ergreifen, wie andere einen Strohhalm. Jener Moment zum Beispiel, in dem vom SV Mattersburg die Rede ist. "G'sehn?", fragt der Glatzerte. "Sowieso", erwidert der Bärtige. 5:2. Austria Kärnten weggeputzt. "Sen-sa-tionell", bestätigt der Graue.

Dringlicher Fahrgastwunsch

Das Eckbeisl des Ostbahnhofs ist schon so sehr burgenländisch, dass keiner ein Wort des anderen verstehen kann: So sehr schreien die Männer hier miteinander. Der Bärtige, tatsächlich ein Burgenländer, hockt oben, wo der Südbahnhof seine Bahnsteige wie Finger gegen Meidling reckt. Der ein Kaffeehaus vorstellende Glaskobel ist ruhiger. Hier verabschieden sich stumm die verliebten Paare voneinander, und wer alleine kommt, hängt seinen Gedanken nach. Der Glatzerte, spät wie immer, hastet seitenblicklos vorbei zum Verpflegsstand. Wie es einmal gewesen ist, verblasst allmählich im Nebel der modernen politischen Entschlossenheit, des mutigen Zupackens, der geradezu atemberaubenden Geradlinigkeit der Entscheidungen.

Umfrage gemacht

Da ist die VIP-Lounge, die vom gläsernen Kobel mitbetreut wird und sich dort befindet, wo einst ein hervorragender Würstelstand war. Hat irgend jemand davon gehört, dass so eine VIP-Lounge eine weit verbreitete Fahrgastforderung war, der eine diensteifrige ÖBB-Führung eilfertig nachgekommen ist? Naja, so was hat man eben heutzutag'. Das Rauchverbot in Speisewagen: Fahrgastwunsch? Überhaupt keine Raucherwaggons mehr: Fahrgastwunsch, ein dringlicher? Umfrage gemacht: Sagt die Bahn? Bei uns?

Wie es einmal gewesen ist, lässt sich nur noch in der Erinnerung reportieren. Es war also einmal so, dass, während die Wiener Arbeitskollegen im nahen Café den Arbeitstag ausklingen ließen, die Pendler stracks zum Südbahnhof hasteten, um dort nämliches zu tun im Speisewagen, dem rollenden Tagesausklangs-Café. Einer war immer der erste, reservierte die Plätze.

Die Villacher Kellnerin begrüßte, nach und nach, ihre Stammgäste. Waren genug da, nahm sie die Bestellungen auf. Der erste hatte noch etwas Muße, die untertags nur überflogenen Zeitungskolumnen, Einserkasteln und Raucherkommentare zu lesen und sich zu wundern. Vorn - beim Speisewagen ist vorn immer dort, wo die Küche ist - vorn war G'riss um die Plätze. Wer Pech hatte, musste nach hinten. Zu den Nichtrauchern. Dort war Platz genug, zumindest bis Meidling. Die Südbahnhofler nannten die Meidlinger immer Novaks. Denn einer, das ist klar, muss eben der Novak sein.

Thema Mattersburg

Wenn die Kollegen dann eintrudelten, durfte die Zeitung weggelegt werden. An Montagen und an Freitagen drehten die Gespräche sich stets um Mattersburg. Ob man hingehe? Ob man dort gewesen sei? Was in Michael Mörz oder Dietmar Kühbauer gefahren sei oder fahren werde? Wie man sich die Sache mit Schutti Wagner zu denken habe? Die Männer und Frauen - ja, auch Frauen - ließen den Tag solcherart hinter sich. Sie ließen ihn nicht, wie die Kollegen im arbeitsplatznahen Café, einfach Revue passieren. Sondern abperln. Die eine Tagesstunde, auf die der Pendler sich freut. Und auf die Anspruch zu haben, er einmal geglaubt hat.

Es war der Grundirrtum. Erst jetzt wissen der grau Melierte, der Glatzkopf und der Bärtige um ihre fundamentale Asozialität. Das Rauchen wollen sie aber nicht lassen, die drei. Jetzt erst recht nicht. "Anschaffen", sagt der Bärtige, "lass ich mir das Aufhören nicht." Also hockt einer jetzt beim Bier im Eckbeisl auf der Plattform des Ostbahnhofs. Der andere einen Stock höher - die Rolltreppe hat im späten Frühjahr einen Virus abbekommen und schwächelt seither unheilbar vor sich hin - im Glaskobel beim großen Braunen. Wenn sie Glück haben, treffen sie einander bei dem einen Aschenbecher, den die neue Zeit jedem Bahnsteig noch gewährt, und ziehen sich dort hastig eine rein. Bis 56. Planabfahrt 57. 58. Platzprobleme gibt's im Speisewagen keine mehr. Selbst in Meidling nicht. Die Sache hat sich erledigt.

Nächster Halt: Meidling

Nächster Halt: Meidling. Mödling, Baden, Leobersdorf, Felixdorf ziehen vorbei. In Sollenau trainiert ein früherer Mattersburgtrainer unterm Flutlicht. Stumm grüßt der Bärtige in den Sollenauer Abend. Wiener Neustadt. In Wiener Neustadt zerstreut sich die Schicksalsgemeinschaft in ihre weit auseinanderliegenden Herkunftsgräben und -winkel. Seit die Umsteigerichtungen nicht mehr vom Kärntner Zugsführer durchgesagt werden, sondern vom Band kommen, liegt Mattersburg nicht mehr an der Bahnlinie nach Ssooopron, sondern, korrekterweise, an der nach Schopron. Auch das ein Augenblick des Lächelns weniger.

Katzelsdorf und Neudörfl. Bad Sauerbrunn und Wiesen-Sigleß. Wer möchte, steigt in Mattersburg Nord aus und sucht dort einen Ersatz für den abhandengekommenen Tagesausklang. Wen das Bedürfnis nach Ruhe und Einkehr überwältigt, schaut linkerhand ins Sportcafé, um dort in der Lokalausgabe der Burgenländischen Volkszeitung nachzublättern, was man unter der Woche an Bezirkserstaunlichkeiten versäumt hat.

Wem die Speisewagengespräche über den Fußball abgehen, der schaut rechterhand in die Martinischenke, um sich am dort angebrachten Ankündigungsplakat zu informieren, wie das nächste Heimspiel ausgegangen sein wird. Ober Hermann fügt stets seinen Tipp handschriftlich hinzu. Und niemand kann sich daran erinnern, dass er sich je geirrt hätte. Das Heimspiel gegen Kärnten endete demzufolge, so hört man, 3:1. Ein klarer, verdienter Sieg. Beinahe weggeputzt, die Kärntner. Und wer neugierig ist, kann hier auch nachfragen, wie man sich die Sache mit dem begnadeten Schutti Wagner zu denken habe.

Faymann ausrichten

Die Wirtin und der Gast zünden sich eine an. Sie kann den Tag noch nicht ausklingen lassen. Er schon. Und zwar: endlich. Jedenfalls bis zum nächsten Jahr, in dem wieder alles neu werden wird, jedenfalls anders. Wie, das steht irgendwie in den Sternen und den Kolumnen, denen es ja nicht alleine um den Leib geht, sondern, sozusagen ein wenig auch ums Seelenheil. Die beiden werden dann, erlöst von ihrer Asozialität, draußen stehen am Gehsteig. Sie mit ihrem großen Braunen, er mit seinem abendlichen Bier. Und hinüberwinken werden sie, quer über den Kreisverkehr, zum Sportcafé, wo die anderen stehen werden. Rauchend und quatschend und Leute ausrichtend (Faymann!) und auch die Sache mit dem Schutti Wagner bedenkend. Und das Land wird endlich aufatmen können.

Denn dann - Mitte 2008, so der Plan - wird sich die Politik endlich den wirklich wichtigen Fragen zuwenden können: Wie kann man das Schwitzen in öffentlichen Verkehrsmitteln unter Strafe stellen? Lässt sich das öffentliche Verspeisen von Döners unterbinden? Gibt es einen tragfähigen Kompromiss bezüglich der Handytelefonie in geschlossenen Räumen? Kann sich die Koalition auf einen Kriterienkatalog einigen, mit dessen Hilfe gegen ungebührlich saloppes Äußeres, zum Beispiel kurze Hosen und nabelfreie Tops an über Fünfzigjährigen, vorgegangen werden kann? Fragen über Fragen! Nur einer stellt, später dann am Abend, eine andere: "Soll man jetzt sich eine anrauchen? Oder doch besser jemandem?" Der Gefragte zuckt antwortend die Achseln. Und so soll es, wahrscheinlich, auch sein.

Beim Speisewagen vorn war ein G'riss um die Plätze. Wer Pech hatte, musste nach hinten. Zu den Nichtrauchern. Dort war Platz genug, zumindest bis Meidling. (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD Printausgabe, 3./4.11.2007)

  • Unbeschwert genießen: An manchen österreichischen Bahnhöfen gibt es noch kleine Raucherparadiese
    foto: standard/fischer

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