Jägerstätter und die Banalität des Guten

11. Jänner 2008, 15:15
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Eine Lektion gegen die "schöne Seele" und das "Gute im Menschen" - von Peter Moeschl

Die Seligsprechung von Franz Jägerstätter geistert durch die Medien. Kein Zweifel: Hier geht es um ein Thema, dessen Relevanz längst nicht mehr auf eine bloß kircheninterne Angelegenheit beschränkt ist, sondern mittlerweile den Aufmerksamkeitswert eines Staatsaktes erreicht hat. Zu Recht, wie ich meine, ist doch die Distanzierung vom Terror des NS-Regimes von grundlegender Bedeutung für den gesamten Kulturkreis, und nicht nur die katholische Kirche hat diesbezüglich immer noch Nachholbedarf.

Im Besonderen erlaubt es aber diese tragische Gestalt des einfachen Mannes, der nichts anderes will als - im moralischen Sinne - gut und gottgefällig zu leben (und damit zum Kriegsdienstverweigerer in einem Unrechtsregime wird), eine für unsere heutige demokratische Gesellschaft auf breitester Basis konsensfähige, und das heißt einheitstiftende Wirkung zu entfalten.

Das Allgemein-Gute

Dergestalt scheint diese Wirkung die eines alle demokratische Gegensätze überspannenden Allgemein-Guten jenseits von den besonderen politischen Vorstellungen und Interessen zu sein, wie sie etwa vonseiten anderer Dissidenten des Naziregimes artikuliert wurden.

Zugleich gibt es jetzt wieder seit mehreren Wochen eine öffentliche Diskussion über die von Hannah Arendt beschriebene "Banalität des Bösen" im Nationalsozialismus. Diese bezeichnet die von jedem tieferen Problembewusstsein freie, oft sogar gutmeinend-naive Mentalität von pflichterfüllenden Bürgern, die gerade damit den Systemerhalt des Naziregimes bis hinein ins KZ ermöglicht haben. So wurde jetzt ein privates Fotoalbum von KZ-Schergen veröffentlicht, das nicht nur kleine Mitarbeiter, sondern auch Leute wie Mengele als freundliche, wenn nicht sogar herzliche Menschen in ihrer Privatsphäre zeigt - das also belegt, dass auch "böse Menschen ihre Lieder haben".

"Schöne Seele"

All das ist mit Arendts Theorie von der Banalität des Bösen schlüssig zu erklären. Die durchaus nicht unerregte Berichterstattung darüber - etwa in der 3sat-Sendung "Kulturzeit" - lässt jedoch vermuten, dass wir (gerade als Normalbürger, die wir immer auch sind!) die Lektion von Hannah Arendt emotional nicht völlig akzeptieren können. Der Gedanke, dass das Böse strukturell in die banalen Abläufe des Alltags eingebettet sein könnte, kompromittiert nämlich unsere Vorstellung vom Guten mehr noch als die vom Bösen: Irgendwie sollte es doch einen guten Kern, wenn schon nicht in allen, so doch zumindest in den einfachen, den naiven Menschen geben.

Dazu haben bekanntlich auch kluge Köpfe, wie etwa Friedrich Schiller in seiner Abhandlung über die "Schöne Seele", allerlei romantische Vorstellungen entwickelt, gegen deren illusionären Charakter bereits Kant polemisierte.

Die These von der Banalität des Bösen erschreckt uns also nicht einfach deswegen, weil sie zeigt, wie leicht auch ein wohlorganisiertes Bürgertum dem Bösen verfallen kann, sie nimmt uns darüber hinaus noch jede Vorstellung vom Guten als eine einfache und verlässliche Grundlage des Lebens, auf die wir uns in aller wohlmeinenden Naivität verlassen könnten.

Naive Sehnsucht

Kurz: Sie erinnert daran, dass auch und gerade die "Ruhelage der Naivität", wie das etwa Helmuth Plessner bezeichnet, sich ebenfalls als ein ideologisches Konstrukt erweisen könnte, das, wie alles Ideelle, sich seiner näheren Befragung stellen sollte.

Wenn wir also heute Franz Jägerstätter feiern, so sollten wir das gewiss tun, aber nicht auf Basis jenes grundlosen Grundes eines unhinterfragbar einfach Guten, wie dies im Rahmen der gegenwärtigen Feierlichkeiten suggeriert wird.

Hintergründe des Antifaschismus

Wir sollten uns auch in unserer Ablehnung des Faschismus nicht derart von einem vorauseilenden Konsensbedürfnis leiten lassen, dass wir von den Hintergründen, den kontextuellen Bezügen und den persönlichen Motiven des jeweiligen Antifaschismus absehen.

Wir dürfen uns nicht damit begnügen, den kleinsten gemeinsamen Nenner der Demokratie zu suchen, nur weil dieser verspricht, der allgemeinste zu sein. Wir müssen uns auch dem Thema Faschismus inhaltlich differenziert, also mit und aus guten Gründen, stellen, wenn wir ethisch wie auch politisch weiterkommen wollen.

Das naiv erreichbare Gute

Jedenfalls sollten wir uns jener uns gewissermaßen schon in die Wiege gelegten Sehnsucht nach einem naiv erreichbaren Guten so gut als möglich - und das heißt: so reflektiert als möglich - erwehren. Nur dann wird es uns gelingen, einem unvermittelten Umschlagen der Banalität des Guten in eine nicht anders strukturierte Banalität des Bösen adäquat Widerstand entgegenzusetzen. (DER STANDARD Printausgabe, 3./4.11.2007)

Zur Person
Der Autor Peter Moeschl leitet die 2. Chirurgische Abteilung der Krankenanstalt Rudolfsstiftung, lehrt an der Medizinischen Universität Wien und ist Mitglied der Neuen Wiener Gruppe (Lacan-Schule); zahlreiche kulturtheoretische Publikationen im Bereich der strukturalen Psychoanalyse
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    Wie "verlässlich" ist das ideelle Fundament der öffentlichen Würdigungen für den Märtyrer Franz Jägerstätter? Eine Reflexion vor dem Hintergrund der Faschismus-Lektion Hannah Arendts

  • Peter Moeschl
    foto: privat

    Peter Moeschl

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