Kopf des Tages: Nudelfabrikant schämt sich und sorgt für Glück

4. Dezember 2007, 19:52
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Der italienische Nudelhersteller Enzo Rossi findet es ungerecht, wenn Leute nur 1000 Euro verdienen

Als unternehmerischer Robin Hood will er nicht gelten. Was den italienischen Firmeninhaber Enzo Rossi urplötzlich in die Schlagzeilen katapultierte, war eine simple Erfahrung, die Millionen Italiener als alltägliches Dilemma erleben: Wie kommt man mit einem Monatslohn von 1000 Euro über die Runden? Weil er den Lebensstandard beurteilen wollte, den sich seine Belegschaft mit ihrem Lohn leisten kann, verordnete der 42-Jährige seiner Familie ein Experiment.

"1000 Euro habe ich mir zugeteilt, weitere 1000 meiner Frau, die ebenfalls im Betrieb arbeitet", schildert Rossi den Selbstversuch. "Damit sollten wir und unsere beiden Töchter einen Monat lang auskommen." Die Proteste der Mädchen gegen die Kürzung des Lebensunterhalts ignorierte der Vater: "Sie sollten erkennen, welche Privilegien sie genießen." Von der Haushaltssumme zog das Familienoberhaupt zunächst die Ausgaben einer italienischen Durchschnittsfamilie ab: Strom- und Telefonrechnung, Autoversicherung, Miete.

Nach 20 Tagen war der Versuch gescheitert - die Summe war aufgebraucht. "Wir waren einmal im Kino und einmal in einer Pizzeria. Alle Lebensmittel haben wir im Supermarkt eingekauft. Für die Kinder war je ein neues Kleidungsstück eingeplant", zieht Rossi Bilanz. Am Tag, als er aufgab, schaute er in der Bar des Ortes vorbei. "Da saßen sechs oder sieben Bekannte und ich hatte kaum 20 Euro in der Tasche - zu wenig, um einen auszugeben."

Er habe sich geschämt, gesteht Enzo Rossi: "Es ist ungerecht, dass meine Belegschaft mit so wenig Geld auskommen muss." Ergebnis des Experiments: eine monatliche Lohnerhöhung von 200 Euro.

Der Unternehmer, der in Campofilone im adriatischen Hügelland nach diesem Ort benannte, traditionelle Teigwaren herstellt: "Ich habe den Umsatz meines Betriebes auf 1,6 Millionen Euro gesteigert. Davon sollen auch meine Beschäftigten etwas abbekommen." Die Nachricht von der unkonventionellen Gehaltserhöhung machte schnell die Runde. In Talkshows dementierte Rossi, Marxist zu sein, outete sich als "reuiger Rechtswähler" und schilderte die Beweggründe für seine Entscheidung: "Wir fallen ins 19. Jahrhundert zurück, als es in meiner Heimat Adelige und Tagelöhner gab. Eine Verarmung unserer Arbeiter dürfen wir nicht zulassen."

Arbeitsminister Cesare Damiano pries Rossi als "Vorzeigeunternehmer" und stattete seinem Betrieb einen Besuch ab. Gewerkschaften appellierten an die Industriellen, dem Beispiel des Nudelherstellers zu folgen. Das soziale Gewissen des Unternehmers erwies sich indessen auch als genialer Marketinggag. Sein rundliches Gesicht ist nicht nur dem italienischen Fernsehpublikum vertraut. Auch ARD und BBC haben den neuen Volkshelden bereits besucht. (Gerhard Mumelter, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 2./3.11.2007)

  • Enzo Rossi
    foto: standard

    Enzo Rossi

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