Vergesst uns nicht! - Michael Stavaric

4. Februar 2008, 11:27
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Der Tod steht am Ende aller Dinge, er ist die letzte zu überschreitende Grenze, ebenso rätselhaft wie die fernen Winkel des Universums

Ein bodenloser Schacht, der all unsere Geschichten tilgt.

Prolog: In der Mitte einer Brücke hört man manchmal den Wind singen, mit sich selbst ringen, vielleicht beklagt er auch nur eine aus den Fugen geratene Welt. Pontifex, so hießen einst die Brückenbauer in einer alten Sprache, sie verkündeten nur zu gern, dass sie eine Brücke erbauen würden zwischen dem Ursprung der Freiheit und einem fernen (und ewigen) Ziel. Eine Brücke, die das Gangbare erweitert, die verbindet und natürliche Grenzen überwindet, vielleicht auch nur Orte, die der Mensch niemals zähmt. Wozu taugt ein Mensch, wenn er auf Brücken keine Ehrfurcht verspürt, wenn ihn keine Muse berührt, die verheißt: Nein, du bist nicht tot. Aber ja doch, du wirst sterben! Und dann steht man still, vernimmt eine Frau, die es nicht wirklich gibt und verabsäumt zu fragen: Woher weißt du das? Sprich!

Aber das Herz der Musen ist bisweilen aus Stein, sie belächeln die Sterblichen und belassen es gerne dabei. Und wenn sie einen doch berühren, ziehen sie Furchen und Falten in eine Stirn, sie verdoppeln das Kinn und flüstern: Das Leben hat seinen Preis! Und sie sagen auch noch: Schenk uns ein Lächeln! Später steht man vor dem Spiegel und wundert sich – wie blass ist mein Gesicht? Aber es ist schon richtig, die Suche nach einer Wahrheit ist besser als Töten und Morden.

Mors ultima linea rerum – der Tod steht am Ende aller Dinge, er ist die letzte zu überschreitende Grenze, ebenso rätselhaft wie die fernen Winkel des Universums, ein bodenloser Schacht, der all unsere Geschichten tilgt. Mag sein, dass hier so manchen die große Erkenntnis übermannt, es würde mich allerdings sehr verwundern. Immerhin, wenn es eine letzte Grenze gibt, wenn sie das Ende aller Farben und Gedanken bedeutet, lässt dies einen Schluss zu: Der Mensch selbst ist die erste Grenze der Dinge. Seine Geburt markiert gleichsam die erste Grenzverletzung, die Manifestation des Lebens ist ein actus purus, ein Zeugnis von der kurzen Suche nach Glück in der ewigen Dunkelheit.

Eine alte Darstellung zeigt den Tod gern als Bogenschützen – immer wenn ein Mensch geboren wird, schießt er einen Pfeil auf ihn ab, der unweigerlich sein Ziel findet. Wie lange dieser Pfeil benötigt, hängt allein von der Entfernung ab, die er zurücklegen muss – wo man geboren wird ist demnach eine Gnade (oder einfach nur Glück?). Brumans est mors, hodie mihi, cras tibi – kalt ist der Tod, heute für mich, morgen für dich. Und übermorgen trifft er vielleicht jemanden, der es verdient. Ganz egal, wir alle sollten uns höflich verneigen, wenn uns die Dämmerung in ihre Arme schließt.

Ich habe mir manchmal vorgestellt, dass mich meine Mutter in einem Niemandsland gebar, in einem dieser Korridore zwischen zwei Grenzen, damit ich niemandem gehöre. Dass sie mir alles beibrachte, was sie weiß, wo man nach Wurzeln gräbt, welche Beeren, ob rote überhaupt genießbar sind und wie man sich versteckt vor den Ungeheuern der Erde. Spitze Klauen, die unablässig ihre Opfer finden, die sich’s richten und uns gleich mit. Todesengel, die unablässig mit ihren Pfeilen auf uns zielen. Gar nicht anders können.

Es sind die Gedankenwelten der Jäger, die schon immer dem Tod gehörten, die von der Vorstellung beseelt waren, diesen zu überwinden, unsere Vorfahren schienen förmlich besessen zu sein von der Jagd nach dem ewigen Leben. Später beerbten sie Bauern, die sich wilde Tiere zähmten, die ihre Toten den Mulden und Spalten überließen, ein jeder darin mit Steinen beschwert – aus Angst vor dessen Wiederkehr. Dass sich der Mensch auch seiner Sache nie sicher sein kann ... Verweigerung des Schicksals?

Jagd nach dem ewigen Leben

Manchmal esse ich in meinen Träumen die Toten, damit kein Unglück passiert, ich esse sie begierig, verschlinge die letzten Bissen, bis der Boden endlich Risse zeigt, bis das Magma aus allen Spalten quillt. Und dann trinke ich das Magma, die verflüssigte Welt, bis gar nichts mehr bleibt, vielleicht die Leere, ein Fenster nach innen, nur zu weit vorlehnen, das darf man nicht. In meinen Träumen sehe ich mich – und ich sehne mich nach mehr, wo doch ein Mensch allein gar nie singen kann. Denn dort, wo ich bin, da ist nichts. Und manchmal gehört mir diese Welt ganz allein.

Die Toten sind zurück

In entlegenen Teilen der Erde verspeisen die Menschen noch ihre Verstorbenen, sie verbrennen die Körper und streuen ihre Asche in die Milch ihrer Tiere, sie streuen sie über ihr Gemüse und Fleisch, manchmal reiben sie sich ihren Nächsten ins Haar oder essen ihn roh und ohne Beigaben.

Nach altmexikanischem Glauben wandern die Toten sogar einmal im Jahr zurück auf die Erde, immer zur Erntezeit kommen die Verstorbenen aus dem Jenseits, sie feiern gemeinsam mit den noch Lebenden ein berauschendes Fest. Día de los Muertos, die Toten sind zurück – und es ist gut so. Am Tag der Toten sollte man Mexiko einen Besuch abstatten, um sich später daran zu erinnern: An die mit tausenden Blüten geschmückten Straßen, die Skelette und Schädel in jedem Schaufenster, die zahlreichen Konditoreien, die köstliche Calaveras de Dulce produzieren, Totenschädel aus Zucker und Schokolade, die seit jeher die Namen der Toten auf ihrer Stirnseite tragen. Dem Leben längst entrissene Namen, eingraviert von denjenigen, die sie einst liebten, auf dass sie nicht vergessen werden. Was gibt es für eine einfachere Botschaft: Vergesst uns nicht!

Und manchmal träume ich von Madagaskar, einer endemischen Welt vor Afrikas Küsten, wo Lemuren die Wälder bevölkern und Menschen noch an einen Gott glauben, den sie Andriamanitra tauften. Dass es überhaupt noch Orte in dieser Welt gibt, wo man die Götter taufen darf. Hier bauen sie sogar Häuser für ihre Toten, viel schöner sind sie noch als die Häuser der Lebenden, wo man doch ein normales Heim für ein Menschenleben baut und alles andere für die Ewigkeit. Alle wichtigen Dinge müssen mit Sorgfalt getan werden – Steine muss man eigenhändig behauen, Stämme mit Wehmut zersägen und seine Lieben mit Nachdruck umarmen, ihnen beistehen, wenn sie irren und ihnen folgen, wenn sie vorangehen.

Auf Madagaskar holt man die Toten gerne aus ihren Gräbern, verhüllt sie mit bunten Stoffen und feiert ein berauschendes Fest; man kleidet die Toten neu ein, wählt prächtige Farben, die den Tod blenden sollen, die sogar er lieber meidet. Wenn man dies beherzigt, lässt sich alles Unglück abwenden und der Mensch kann frei von aller Schmach und Not leben. Und am Ende eines solchen Lebens findet sich vielleicht tatsächlich eine Inschrift in Stein gemeißelt: Er war wahrlich gut!

Manchmal esse ich in meinen Träumen die Toten und kann gar nicht genug von ihnen bekommen, sie schmecken nach trockenem Reisig und faltigem Laub. Ich esse das Leben, die Tiere und Pflanzen, ich tausche sie ein, um zu atmen, ich komm nicht umhin der zu sein. Ich lebe gegen das Vergessen – heute und gestern und morgen.

Alten Überlieferungen zufolge hatten einst manche Völker geglaubt, dass man die Verstorbenen mit beschnittenen Nägeln in ihre Gräber betten muss, da sich sonst der Teufel (oder ein anderer Dämon der Unterwelt) ein Totenschiff aus Menschenkrallen zimmern könnte. Dieses Schiff hieß damals noch Nagelfar, seine (letztlich) unausweichliche Fertigstellung musste mit allen Mitteln verzögert werden; es ging sogar so weit, dass man den Toten ihre Fingernägel zog, um das Schlimmste nach Möglichkeit abzuwenden. Dennoch war allen bewusst, dass dieses Schiff irgendwann die Grenze zwischen der Welt der Lebenden und dem Reich der Toten überbrücken würde, um Unheil zu stiften. Unheil, davon gibt es bei weitem genug.

Orpheus und Eurydike

Ich erinnere mich an Orpheus und Eurydike, deren Mythos einst Antwort auf die Frage gab, was denn am Ende stärker sei, die Liebe oder der Tod – Eros versus Thanatos. Die Geschichte weiß zu berichten, dass die Liebe den Spielmann nicht ruhen ließ – er begab sich in die Unterwelt und trat vor die Götter, Hades und Persephone, die sich überwältigt zeigten von seinem Mut. Sie gestatteten Orpheus schließlich, das Schattenwesen Eurydike zurückzuführen, hoch in die Welt der Sterblichen. Einer Bedingung musste dieser allerdings Folge leisten: Er durfte sich auf seinem langen Rückweg niemals umsehen. Und Orpheus brach auf und je länger der Weg währte, umso größer war sein Zweifel, ob das lautlose Schattenwesen tatsächlich hinter ihm, ob Eurydike gemeinsam mit ihm zum Licht wandelt, in die Welt der Lebenden, die Welt der Mütter und Väter. Und er blickte sich um und verlor sie für immer. Epilog: Im Bauch einer schwangeren Frau trieben drei Embryos, einer von Glaube und Hoffnung genährt, der Zweite ein Zweifler durch und durch, während der Dritte überaus skeptisch in die Zukunft spähte. Der Zweifler wollte wissen: Glaubt ihr an ein Leben nach der Geburt? Der Gläubige antwortete: Gewiss, das gibt es. Unser Leben hier ist nur ein Weg, wir wachsen und gedeihen, um uns auf ein weiteres Leben nach der Geburt vorzubereiten. Der Skeptiker gab zu bedenken: Törichter, das gibt es doch alles nicht, wie sollte so ein Leben auch aussehen? Der Gläubige daraufhin: Das weiß ich auch nicht so genau. Aber es wird sicher heller sein als hier, wir werden Laufen und Springen und sogar mit dem Mund essen. Der Skeptiker (lachte lauthals): Das Laufen ist doch nur ein Mythos. Und mit dem Mund essen? Was für ein seltsamer Glaube – es gibt doch eine Nabelschnur, die uns ernährt. Der Gläubige entgegnete: Doch, es geht. Bestimmt! Wir müssen darauf vertrauen. Der Skeptiker überlegte: Es ist noch nie einer zurückgekommen nach der Geburt. Ich meine, mit der Geburt ist das Leben definitiv zu Ende. Es ist ohnedies eine einzige, dunkle Zelle. Der Gläubige lächelte: Wir werden sogar unsere Mutter sehen. Der Skeptiker entrüstet: Mutter?! Du glaubst tatsächlich an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte? Der Gläubige: Überall. Bist du denn blind? Ohne sie würden wir doch gar nicht existieren. Der Skeptiker schüttelte den Kopf: So etwas Dummes habe ich noch nie gehört! Und von einer Mutter hätte ich bestimmt etwas gemerkt. Der Gläubige aber wusste: Manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören!

Michael Stavaric wurde 1972 in Brünn geboren. Er studierte Bohemistik und Publizistik und lebt als Schriftsteller in Wien. Von ihm erschien "Stillborn" (2006) und "Terminifera"( 2007) im Residenz Verlag. Für "Gaggagalagu" (Kookbooks) ist er mit dem "Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis 2007" ausgezeichnet worden.
  • Michael Stavaric: "Er begab sich 
in die Unterwelt 
und trat vor die 
Götter, die sich überwältigt 
zeigten von 
seinem Mut. 
Sie gestatteten 
Orpheus, das 
Schattenwesen 
Eurydike zurück-
zuführen, hoch 
in die Welt der 
Sterblichen. 
Unter einer 
Bedingung: 
Er durfte sich auf seinem Rückweg niemals umsehen."
    foto: heribert corn

    Michael Stavaric: "Er begab sich in die Unterwelt und trat vor die Götter, die sich überwältigt zeigten von seinem Mut. Sie gestatteten Orpheus, das Schattenwesen Eurydike zurück- zuführen, hoch in die Welt der Sterblichen. Unter einer Bedingung: Er durfte sich auf seinem Rückweg niemals umsehen."

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