Ludwig Bauer: "In Österreich ist etwas zu holen"

29. Februar 2008, 20:54
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Bauer sucht Effizienz: Der neue ATV-Chef will von einem Sparprogramm nichts hören, kündigt im STANDARD-Interview aber an, Mittel fürs Programm freizuschaufeln

STANDARD: Sie sind vor zehn Tagen eingeflogen. Wie lange bleiben Sie ATV denn erhalten?

Bauer: Ich bin die nächsten zwei Jahre in Wien und übernehme bei ATV die Funktionen von Franz Prenner, der zur Mediaprint wechselt. Länger plant man nicht beim Fernsehen, da passiert soviel.

STANDARD: Was passiert mit Vorstandsmitglied Christoph Schwedler und Programmchef Martin Gastinger?

Bauer: Für Christoph Schwedler und Martin Gastinger ändert sich nichts.

STANDARD: ATV-Eigentümer Herbert Kloiber hat Sie zum "Kassasturz" nach Wien geschickt. Das Ergebnis?

Bauer: Kassasturz haben wir nicht gebraucht, wir kennen den Sender ja. Ich war schon zwei Jahre im Aufsichtsrat von ATV. Da braucht man keinen Kassasturz. Es wird ein Effizienzprogramm geben.

STANDARD: Das künftige Programm wird das Publikum wohl am meisten interessieren.

Bauer: Wir haben jetzt standardisiert Montag, Dienstag, Mittwoch Eigenproduktionen. Man muss immer wieder überprüfen. Was man richtig angefangen angefangen hat, muss ja nicht immer richtig bleiben.

STANDARD: Kloiber meinte: Weniger Reality, weniger Dokusoap.

Bauer: Wir werden versuchen, das eine oder andere Format aus dem Bereich neu zu kriegen.

STANDARD: Wie die Auswandererdokusoap 2008.

Bauer: Das ist ein Beispiel dafür.

STANDARD: Verraten Sie uns noch andere?

Bauer: Nein. Ich habe gerade gelesen, ATV sei Weltmeister im Ankündigen, und dann wird es noch wieder anders. Wir wollen Ankündigungen auch umsetzen. Wir wollen ein bisschen mehr Variation, ein bisschen mehr Erneuerung, damit man nicht das Gefühl hat, die haben drei immer gleiche Formate. Selbst wenn einzelne wie "Bauer sucht Frau" eine starke Bank sind. Auch da kann man es einmal, zweimal erfolgreich machen, beim dritten Mal muss man es schon adaptieren, vielleicht ein viertes Mal - und vielleicht findet man dann etwas Anderes.

STANDARD: Siehe "Tausche Familie"/"Tausche Leben". Was fällt unter die Kategorie: Das lassen wir, das hat sich nicht bewährt? "It's Showtime" lief ja eher enttäuschend.

Bauer: Das war ein Versuch, hat aber nicht so funktioniert. Auch in Deutschland sieht man, dass Talenteshows nicht unbedingt gleich ein Erfolg sein müssen. Man sollte halt nicht Fehler fünfmal reproduzieren. Aus einem Fehler zu lernen, ist legitim.

STANDARD: Was die Frage nach sonstigen Abschusskandidaten unter den ATV-Sendungen nicht beantwortet.

Bauer: Wir werden versuchen, das Lehrgeld in die Zukunft positiv umzumünzen.

STANDARD: Die Bawag hat Wert darauf gelegt, dass ATV Nachrichten hat.

Bauer: Das tun wir auch. ATV braucht als österreichischer Privatsender Relevanz beim Zuschauer. Was gibt's da Besseres als Nachrichten, um das zu unterstreichen? Oder auch Sport.

STANDARD: Die österreichische Bundesliga war für ATV ja nicht der Erfolg.

Bauer: Deshalb haben wir ja gewechselt. Erstmals hatte ATV zuletzt ein Länderspiel Österreichs gegen die Schweiz, sowas wird man hin und wieder versuchen. Mit der deutschen Bundesliga in Österreich sind wir auch sehr zufrieden.

STANDARD: Sie sind Geschäftsführer von Tele 5, das Sie verstärkt als Spielfilmsender positioniert haben. Hat das Auswirkungen auf ATV, gibt es da Synergien, Parallelprogramm?

Bauer: Zunächst einmal bin ich im Vorstand der Tele München Gruppe für die Fernsehbeteiligungen und daher auch Geschäftsführer von Tele 5. Generell kann ich mir Synergien vorstellen, indem man Erfahrung in einem Markt nutzt, um im anderen zu helfen. Aber Programm gleichzeitig zu spielen, seh ich nicht.

STANDARD: Tele 5 auf der ATV-Frequenz gab es schon.

Bauer: Das war kurzzeitig vor dem Start von ATV ein Notfallprogramm. Das ist allerdings nicht für die Zukunft vorgesehen. ATV und Tele 5 haben ihre jeweils ganz eigene Positionierung in ihren Märkten. Da fallen einem nicht viele sinnvolle Synergien ein, um das zu machen.

STANDARD: ATV verliert seine Position als einziger heimischer und österreichweiter Privatsender. Puls 4 kommt in allen Ballungsräumen, der Burda-Verlag bastelt am Serien- und Filmkanal Austria 9 ...

Bauer: Wir freuen uns über jeden, der hier mitkämpft, das duale System von öffentlich-rechtlichen und privaten Sendern wirklich dual zu gestalten. Darüber hinaus haben wir ganz normalen täglichen Wettbewerb um die besseren Angebote für das Publikum. Es gibt da auch keine Berührungsängste.

STANDARD: Puls/ProSiebenAustria war einer der Kandidaten, um die ATV-Nachrichten zu produzieren.

Bauer: Jeder Sender überprüft immer wieder seine Strukturen, ob man nicht mit geringerem oder effizienterem Aufwand etwas erreichen kann - oder mit gleichem Aufwand mehr. Da schaut man in den Markt: Wer könnte einem mit ähnlichem Interesse dabei helfen? Aber mit welchem Partner auch immer, die Kontrolle über die Nachrichten bleibt bei ATV. Und es gibt im Augenblick keine konkreten Gespräche.

STANDARD: Die Konkurrenz, die sie gerade begrüßt haben, könnte Ihnen doch auch Marktanteile wegnehmen.

Bauer: Im Zuschauer- wie Werbemarkt ist soviel beim ORF gebündelt, da tun sich Sender leichter, was wegzuholen. Neue Sender mit Marktanteilen unter einem Prozent fürchtet man nicht so sehr.

STANDARD: Vom großen Kuchen des ORF schnitten sich in den vergangenen Jahren vor allem die Werbefenster deutscher Privatsender große Stücke ab. Haben Sie programmlich eine Chance gegen RTL, ProSieben, Sat.1 ...?

Bauer: Davon sind wir natürlich überzeugt. Das schönste Programm mit Werbefenstern ist – mit kleinen Ausnahmen – für diesen Markt nicht konzipiert. Das ist die Chance und Stärke von ATV. Fensterprogramme, bringen ja alles, was ORF 1 schon in alphabetischer Reihenfolge liefert, noch einmal aufgeteilt auf verschiedene Sendetage und Sender. ATV braucht aber noch mehr Relevanz im Bewusstein des Publikums: Es kann mir bieten, was mir der ORF trotz Programmreform nicht bieten kann.

STANDARD: Oder wegen der Programmreform. Wofür soll ATV denn stehen im Kopf des Zuschauers?

Bauer: Gutes, junges, frisches Fernsehen, das anders ist, als was man vom ORF oder den deutschen Programmen kriegt.

STANDARD: Nach "gut, jung, frisch" könnte auch ein Waschmittel kommen. Geht es ein bisschen konkreter?

Bauer: Eigenproduzierte Formate, die Sie bei anderen später kriegen. Mit einem klaren Zuschnitt auf österreichisches Publikum. Dokumentationen über österreichische Gegebenheiten für ein jüngeres Publikum. Und sonst das Beste aus internationaler Fiction, Klassiker und Spielfilme in Erstausstrahlung, sie kennen ja das Portfolio von ATV.

STANDARD: A propos Doku: Der Vertrag mit Spiegel-TV über die ATV-Reportage ist ausgelaufen.

Bauer: Wir wollen auch das Portfolio von Produzenten etwas erweitern. Aber wenn Spiegel-TV gute Ideen für einzelne Produktionen hat, werden wir auch mit denen reden.

STANDARD: Die Dokuschiene soll es weiter geben?

Bauer: Dokumentation ist einfach wichtig auch für einen Sender in diesem Gepräge.

STANDARD: Wann kann ATV Gewinn machen?

Bauer: Wenn die Erlöse höher sind als die Kosten.

STANDARD: Abgesehen von der Definition: Wann erwarten Sie diesen Zustand?

Bauer: Das soll schon in den nächsten zwei, drei Jahren passieren.

STANDARD: Womit wir wieder bei Ihrem eingangs erwähnten "Effizienzprogramm" wären.

Bauer: Da geht es um die Akzeptanz beim Publikum, dem klassischen Leistungstreiber. ATV kapitalisiert hervorragend seinen Zuschauermarktanteil. Wir holen immer mehr an Werbemarktanteil raus, als wir Zuschauermarktanteil haben, und das finden Sie in anderen Märkten selten. Das heißt, alles, was wir zur Verfügung haben, muss spürbar ins Programm. Wenn wir damit die Attraktivität erhöhen, geht es relativ schnell in die richtige Richtung. Deshalb auch kein Sparprogramm.

STANDARD: Effizienzprogramm heißt, aus Abläufen, Verwaltung, Technik Mittel freizumachen für das Programm?

Bauer: Zum Beispiel, genau.

STANDARD: Die relativ höhere Ausbeute aus dem Werbemarkt muss sich aber nicht linear fortsetzen. Man könnte auch sagen: Bei mehr Marktanteil bekommen die Werbekunden ein angemesseneres Ergebnis.

Bauer: Ich habe noch keine Mediaagentur erlebt, die nur aus Goodwill was macht. Das muss eben auch funktionieren. Aber natürlich ist immer im Geschäftsleben auch Goodwill erforderlich.

STANDARD: Kann man einen Privatsender gegen diesen großen, trotz Programmreform noch immer marktbeherrschenden, gebühren- und werbefinanzierten ORF erfolgreich führen?

Bauer: Natürlich ist das eine große Bastion. Da muss man sich Teile aus der Mauer rausbrechen. Aber überall auf der Welt werden die Dinosaurier älter und schwächer. Schnelle, kleine Boote können sich da auch ganz gut bewegen. Keine Frage, dass wir in Österreich keine einfache Situation haben. Aber da ist etwas zu holen.

STANDARD: Im Verkaufsprozess von ATV hörte man, dass Medienförderung für den Sender besonders dringlich sei.

Bauer: Förderung ist für jeden dringlich, das hören wir ja auch vom Marktbeherrscher. Man tut sich leichter, Qualität anzubieten, wenn ein bisschen subventioniert wird.

STANDARD: ATV überlegt schon seit längerem einen neuen Standort, etwa in St. Marx.

Bauer: Das hat auch mit dem Effizienzprogramm zu tun. Das Gebäude war nicht für einen Fernsehsender konzipiert. Natürlich suchen wir nach anderen Standorten, aber da gibt es noch nichts Konkretes. Man könnte auch die Technik in ein Technikzentrum auslagern und von den Arbeitsflächen für das Team trennen.

STANDARD: Sie sind für zwei Jahre Geschäftsführer. Hübschen Sie den Sender in der Zeit auf für den Verkauf?

Bauer: Nein. Das ist die realistische Perspektive, man sich für den Breakeven vornimmt.

STANDARD: Welchen Marktanteil nehmen Sie sich für dann vor?

Bauer: Wir achten als werbefinanzierter Privatsender vor allem auf die Zielgruppe der Zwölf- bis 49-Jährigen, wo wir derzeit bei 3,7 Prozent liegen. Die Perspektive ist fünf Prozent. Wir nehmen gerne alles darüber hinaus. Aber schon dafür ist viel zu tun.

STANDARD: Nach dem Kassasturz können Sie ja wahrscheinlich noch besser sagen: War der Bawag-Anteil an ATV den berühmten "niedrigen zweistelligen Millionenbetrag" wert, den manche auf zehn, manche bei zwölf Millionen Euro ansetzen?

Bauer: Können Sie sich vorstellen, dass jemand einen Kaufpreis ausgibt, von dem er denkt: Das ist es nicht wert? (Harald Fidler/DER STANDARD, Printausgabe, 2.11.2007/Langfassung)

Zur Person
Bayer Ludwig Bauer (50) war Vorstand von ProSiebenSat.1, führt heute mit Eigentümer Herbert Kloiber die Tele München Gruppe. Kloiber übernahm auch die Bawag-Anteile an ATV und schickte Bauer vor zwei Wochen als Geschäftsführer nach Wien.
  • Will die bescheidenen ATV-Marktanteile auf fünf Prozent steigern: der neue Geschäftsführer Ludwig Bauer.
    foto: standard/urban

    Will die bescheidenen ATV-Marktanteile auf fünf Prozent steigern: der neue Geschäftsführer Ludwig Bauer.

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