Tiefer gelegt

24. Oktober 2007, 19:00
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Beim ersten Mal glaubten N. und seine Mutter noch an einen Zufall. Beim zweiten Mal ging das aber dann nicht mehr

Es war am Freitag. Da rief J. an und fragte, ob ich einen netten Reifenhändler kennen würde. Mit der Betonung auf nett. Weil, erklärte N., seine Mutter ein echtes Problem habe. Sie sei nämlich gerade in Wien. Und wolle wieder nach Hause fahren. Und dann nie wieder nach Österreich kommen.

N.s Eltern stammen aus Tschechien. Sie kamen nach Österreich, als das Land noch Tschechoslowakei hieß. Zum Ende des Prager Frühlings. N. ist in Wien geboren, hier aufgewachsen und hier berufstätig. Seine Mutter aber zog ein paar Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhangs zurück. Und kommt regelmäßig und gern nach Wien auf Besuch.

Meistens wohnt sie dann bei N. In einem Bezirk und einer Gegend, die als "ganz gut" und "mutikulti-afin" gilt. Ihr Wagen, eine solide Obere-Mittelklasselimousine passt gut ins Umfeld der anderen hier die Gassen verparkenden Autos: Bis auf das Nummernschild ist da kein Unterschied zu sehen.

Idiotie

Deswegen dachte sich weder N. noch seine Mutter etwas, als da einmal ein Reifen aufgestochen war. Genauer gesagt: Natürlich waren sie sauer, genervt und nicht happy. Aber den idiotischen (und teuren) Vandalenakt persönlich zu nehmen, wäre weder Mutter noch Sohn in den Sinn gekommen: N. wechselte den Reifen, fuhr zum Reifenhändler, kaufte einen neuen, ärgerte sich über den Preis – und das war es dann. Darauf, Anzeige zu erstatten, verzichtete er: Das koste nur Zeit – und bringe weder ihm, noch seiner Mutter etwas, meinte er. Und die Wahrscheinlichkeit, die Reifenschlitzer zu erwischen, sei ohnehin gleich Null.

Aber Freitag früh, erzählte N., sei seine Mutter kreidebleich zurück in seine Wohnung gekommen: Er solle sich den Wagen bitte anschauen kommen. Sofort. N. ging hinunter – und stand vor einem tiefer gelegten Auto: Alle vier Reifen waren platt. Er schaute zu den ringsum parkenden Autos: Keines hatte einen Patschen. Dafür steckte hinter dem Scheibenwischer ein kleiner Zettel: "Schleich dich", stand drauf. Mit drei Rufzeichen.

Er sei, erzählte N., sauer geworden. Stinksauer. Und er habe aus lauter Wut den Zettel in tausend Fetzen gerissen – obwohl das im Nachhinein betrachtet nicht besonders schlau war. Aber das sei ihm erst später eingefallen. Denn diesmal, so N., werde er natürlich zur Polizei gehen.

Vulkanisieren

Zuerst müsse er aber den Wagen flott kriegen. Und deshalb wollte er wissen, ob ich einen netten Reifenhändler kenne. Einen, der eventuell sogar vorbei kommen würde um sich die Reifen anzuschauen. Und der dann ehrlich sage, ob da Reparieren oder Vulkanisieren eventuell doch noch möglich sei.

Und der vor allem seiner Mutter beweisen könnte, dass hier nicht alle "so" sind. Denn, sagte N., das sei das eigentliche Problem. Seine Mutter wolle nicht nur sofort nach Hause und nie wieder nach Österreich kommen, sondern sie sei im Innersten ihres Herzen getroffen: Bis zu dem Moment, wo sie ihren Wagen mit aufgestochenen Reifen vorgefunden hatte, sei sie eine glühende Verfechterin und Verteidigerin Österreichs gewesen. Man habe sie damals doch mit offenen Armen aufgenommen, ihr und ihrer Familie alle Chancen geboten und sie nie schlecht behandelt. Jetzt aber, so N., glaube die Pensionistin, dass entweder sie sich ihr halbes Leben lang geirrt, oder das Land sich sehr schnell sehr verändert habe. Und das, meint N., sei nicht gut. In keinem Fall. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 1.11.2007)

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