"Wann kommt endlich ein klarer Auftrag?"

15. Februar 2008, 14:24
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Zu große Gruppen, zu wenig und schlecht bezahltes Personal, keine Abstimmung mit Schulen: Österreichs KindergärtnerInnen vermissen politisches Engagement

Salzburg – „Wir haben es mit der empfindlichsten Phase der menschlichen Entwicklung zu tun. Da können wir uns solche unprofessionellen Strukturen nicht leisten!“ – Mit drastischen Worten stellt Wassilios Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie an der Uni Bozen, der österreichischen Politik die Rute ins Fenster. „Das vorschulische System ist chronisch unterfinanziert, Österreich hat europaweit die größten Kindergartengruppen zugelassen.“

Unmut bei den Pädagoginnen

Die großen Gruppen und die schlechte Personalausstattung seien das dringendste Problem des vorschulischen Bildungssystems in Österreich, aber nicht das einzige. Auch die schlechte Bezahlung der Kindergartenpädagoginnen, ihr niedriges Ausbildungsniveau, der abrupte Übergang vom Kindergarten in die Schule, die mangelnden Vorgaben über die Bildungsinhalte in Kindergärten und die politische Kompetenzzersplitterung sorgten am 25. Oktober in Salzburg für Unmut. Dort trafen sich 300 Kindergartenpädagoginnen aus fünf Bundesländern zu ihrem ersten länderübergreifenden Kongress überhaupt.

Zu große Gruppen

Die Zahlen: Durchschnittlich besteht eine österreichische Kindergartengruppe aus 20 Kindern – und nur einer ausgebildeten Kindergartenpädagogin. In 14 Prozent der Gruppen steht der Kindergartenpädagogin (Frauen machen 99,2 Prozent dieser Berufsgruppe aus, ein europäischer Rekord) nicht einmal eine Helferin zur Seite. Nur in jeder zehnten Kindergartengruppe gibt es zwei ausgebildete Pädagoginnen.

Burnouts an der Tagesordnung

Aus der Studie „Starting Strong II“ (2004), an der Wassilios Fthenakis beteiligt war, geht auch hervor, dass Österreich nur 0,43 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für vorschulische Bildung ausgibt. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) empfiehlt ein Prozent. Sie hat die Studie in Auftrag gegeben. Mit den großen Gruppen kämen viele Kindergärtnerinnen nicht zurecht, bestätigt Veronika Einberger von der „Berufsgruppe der PädagogInnen in Kinderbetreuungseinrichtungen Salzburgs“. Viele Kolleginnen treffe früher oder später das Burnout-Syndrom, zahlreiche würden sich dann einen anderen Job suchen.

Österreichischer Sonderweg

Der Beruf ist nicht nur fordernd, sondern bietet auch wenig Aufstiegschancen. Und: „Die Kindergartenpädagoginnen verdienen im Durchschnitt etwa 20 Prozent weniger als die Lehrer“, bemängelt Fthenakis. Mit ein Grund dafür: deren Bildungsweg. Österreich sei das einzige Land in der Europäischen Union, in dem Kindergärtnerinnen nicht an Hochschulen ausgebildet würden. Das müsse dringend geändert werden, ihre Verantwortung setze eine höhere Qualifikation voraus, sagt auch Josef Lucyshyn, Direktor des österreichischen Bundesinstituts für Bildungsforschung (BIFIE).

Ausbildung „reicht nicht aus“

In Deutschland hat man auf dieses Problem bereits reagiert, etwa 30 Studiengänge für Frühpädagogik sind dort entstanden – in Österreich gibt es so etwas nicht, auch keinen Uni-Lehrstuhl und nur sehr vereinzelt Lehrveranstaltungen. Kindergärtnerinnen entscheiden sich hier zu Lande meist schon mit 14 für ihren Beruf, indem sie eine der 24 Bildungsanstalten für Kindergartenpädagogik (BAKIP) besuchen. Diese Schulen bereiten in fünf Jahren auf die Matura vor und sind quasi „nebenbei“ auch Berufsausbildung. Selbst die Leiterin der BAKIP in Klagenfurt, Marisa Krenn-Wache, ist damit nicht zufrieden: Nicht mehr als zwei Jahre der Ausbildung seien fachspezifisch, „das reicht nicht aus.“

Jedes fünfte Kind verhaltensauffällig

Josef Lucyshyn sieht die Zukunft in einer gemeinsamen Grundausbildung für Pädagogen: „Momentan wird gesetzlich geradezu verhindert, dass Kommunikation zwischen Kindergärten und Volksschulen stattfindet.“ Überhaupt sei der Übergang vom Kindergarten in die Schule viel zu abrupt. Während im Kindergarten das Kind als aktiver Wissenskonstrukteur gesehen werde, sei das in der Schule genau umgekehrt: Das Kind sitze dann passiv in der Klasse und werde mit Bildungsinhalten vollgestopft, kritisiert Fthenakis. Die Folge: Jedes fünfte Kind zeige beim Übergang in die Schule „Verhaltensauffälligkeiten“.

Die „Treppen“ fehlen

„Die Bildungssysteme sind so aufgebaut, dass Sie unterschiedliche Architekten für die einzelnen Stockwerke beauftragt haben, dass die Architekten nicht miteinander gesprochen und darauf vergessen haben, Treppen zwischen den Stockwerken zu bauen“, vergleicht der Entwicklungspsychologe. Ebenso wie die OECD fordert er daher einen übergreifenden Bildungsplan von der Frühpädagogik bis zur Matura: „Sie werden sehen, ohne dieses Instrument können sie die Diskussion nicht weiterbringen“. Deutschland sei hier um Jahre voraus, Erfahrungen reichlich vorhanden: „Sie können in Österreich momentan einen der besten Bildungspläne in Zentraleuropa entwickeln.“

„Wer übernimmt die Verantwortung?“

Das Problem: Niemand fühlt sich zuständig. Für das Schulsystem ist der Bund zuständig, Kindergärten fallen de facto in die Kompetenz der Länder. Das Ergebnis sind große regionale Unterschiede. Fthenakis fordert „eine deutlichere Rolle der Bundesregierung“, auch Lucyshyn spricht von zu vielen Verantwortungsebenen. Marisa Krenn-Wache sieht darin „das zentrale Problem in Österreich: Wer übernimmt die Verantwortung? Wann kommt denn endlich ein klarer Auftrag aus der Politik?“ Fthenakis will daran arbeiten: „Sie brauchen eine klare Strategie. Und die sollten wir dann vielleicht in kleinerem Kreis diskutieren.“ (Markus Peherstorfer, derStandard.at, 30.10.2007)

  • Von links nach rechts: Wassilios Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie, Universität Bozen; Marisa Krenn-Wache, Direktorin, Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik Klagenfurt; Ursula Mairhofer, Hort des Magistrats Wels; Gerlinde Strasser, Vorsitzende, Charlotte-Bühler-Institut für praxisorientierte Kleinkindforschung, Wien; Josef Lucyshyn, Direktor, Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des Bildungswesens, Salzburg.
    foto: peherstorfer

    Von links nach rechts: Wassilios Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie, Universität Bozen; Marisa Krenn-Wache, Direktorin, Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik Klagenfurt; Ursula Mairhofer, Hort des Magistrats Wels; Gerlinde Strasser, Vorsitzende, Charlotte-Bühler-Institut für praxisorientierte Kleinkindforschung, Wien; Josef Lucyshyn, Direktor, Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des Bildungswesens, Salzburg.

  • Wer von Bildung redet, redet meistens von Schule, Uni und Co. Dass aber schon der Kindergarten eine wichtige Bildungseinrichtung ist, wird oft vergessen.

    Wer von Bildung redet, redet meistens von Schule, Uni und Co. Dass aber schon der Kindergarten eine wichtige Bildungseinrichtung ist, wird oft vergessen.

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